Unautorisierte Biografie: Julian Assanges schmutzige Wäsche
Dieses Buch soll es gar nicht geben: WikiLeaks-Gründer Julian Assange verkaufte die Rechte an seiner Autobiografie, erzählte einem Auftragsschreiber sein Leben - und entschied sich dann doch anders. Der Verlag druckte trotzdem. Aber lohnt sich die Lektüre?
Anfangs hatte er gehofft, dass sein Buch für eine ganze Generation zur Pflichtlektüre werden würde: Julian Assange, 40 Jahre alt, leicht manischer Gründer der Internet-Plattform WikiLeaks, willigte ein, seine Autobiografie zu schreiben - angeblich für ein Vorschusshonorar von umgerechnet knapp einer halben Million Euro. Das war im Dezember des vergangenen Jahres. Tatsächlich erhielt sein Verlag, Canongate Books, im März eine erste Fassung. Wie vereinbart.
Die ist jetzt als Buch erschienen, obwohl es sich Assange zwischenzeitlich anders überlegt hat und aus dem Projekt aussteigen wollte. Da war ein großer Teil seines Vorschusses offenbar schon für Anwaltskosten draufgegangen: Nach spektakulären Enthüllungen erklärten ihn die USA zur Bedrohung. Wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Schweden steht Assange in Großbritannien unter Hausarrest und kämpft gegen seine Auslieferung in das skandinavische Land.
Er habe sich nicht auf das Buch konzentrieren können, erklärte Assange, der ganze Trubel, juristische Kämpfe, noch dazu die kräftezehrende Aufbereitung der Enthüllungen für WikiLeaks - und überhaupt sei jede Art von Memoiren Prostitution. Da hatten seine Auftraggeber, neben dem britischen Verlag Canongate auch das New Yorker Verlagshaus Alfred A. Knopf, die Rechte bereits an Verlage in 38 Staaten verkauft.
50 Stunden mit dem Ghostwriter
"Julian Assange - die unautorisierte Autobiografie" heißt deswegen das Buch, das der Verlag jetzt gegen Assanges Willen zunächst auf Englisch veröffentlicht hat. Mehr als 50 Stunden soll er mit seinem Ghostwriter Andrew O'Hagan zusammengesessen haben - und die Frage muss erlaubt sein, ob die beiden mit ihrer Zeit nichts besseres anzufangen wussten. Überraschungen bietet das mit Pomp angekündigte Werk nicht, ebenso wenig tiefere Einblicke in die WikiLeaks-Geschichte.
Assange beschreibt seine Kindheit und Jugend in Australien, immer auf Achse, seine ersten Hacker-Erlebnisse, wie man sich am Ende der Welt plötzlich als Speerspitze einer Untergrundbewegung fühlen konnte - und dann wird er Vater. Aber "Gossip" gibt's nicht, schreibt Assanges Ghostwriter, und spart allzu Menschliches lieber aus. Stattdessen poliert er Assanges Renegaten-Image und erzählt, wie die Idee zu WikiLeaks entstand, wie die Plattform vor fünf Jahren in Somalia auf die Bühne trat.
Die Enthüllungen, die Assange von da an orchestriert, verändern ohne Zweifel den Verlauf der Geschichte: das Einsatzhandbuch des US-Militärgefängnisses Guantanamo Bay, "Collateral Murder", das Bordvideo eines US-Kampfhelikopters, die Afghanistan- und Irak-Protokolle und die US-Botschaftsdepeschen. Dabei versteht Assange WikiLeaks als globale Unternehmung, die nicht per se gegen die USA gerichtet ist - sondern als einen Beitrag zu etwas mehr Gerechtigkeit auf der Welt.
Assange kommentiert nur, was bekannt ist
Lässt man sich darauf ein und folgt der Heldensaga, bekommt man einen guten Überblick über die Geschichte von WikiLeaks aus der Sicht von Julian Assange. Die ist allemal netter zu lesen als die reine Faktensammlung in der Wikipedia, ist für sich wichtig genug für zehn Bücher. Über die Bezeichnung Autobiografie lässt sich allerdings streiten, nicht nur wegen der fehlenden Autorisierung. Nur was ohnehin schon öffentlich bekannt ist, wird von Assange kommentiert.
Die Vorwürfe der Vergewaltigung? Er habe mit beiden Frauen einvernehmlich geschlafen, Punkt. Unsensibler Umgang mit geheimen Informationen, die Zuträger gefährden könnten? Bisher sei niemand durch WikiLeaks-Enthüllungen direkt umgekommen.
Wenn der Staatsfeind persönlich wird, dann nur in seinen Angriffen auf seinen ehemaligen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg, auf Redakteure des "Guardian" und den Chefredakteur der "New York Times". Die überzieht Assange mit regelrechten Hasstiraden, weil die sich nicht an seine Spielregeln halten wollten. Den Redakteuren wirft er vor, ihn entgegen erster Zusagen wie eine Quelle behandelt zu haben, nicht wie einen Kooperationspartner auf Augenhöhe. Überhaupt Journalisten: Die seien zu bequem geworden.
Was Assange angerechnet werden muss
Womöglich fiel Assange beim Durchsehen des ersten Entwurfs auf, dass eine interessante Autobiografie sich nicht mit seinem Interesse an Privatsphäre in Einklang bringen lässt. Dass ein selbstgerechtes Buch, dass eine persönliche Geschichte über Weltpolitik, Korruption und die Rolle der Medien eine Gratwanderung ist. Womöglich brauchte er einfach das Geld. Jedenfalls wollte er selbst dieses Buch in dieser Form nicht mehr, was man ihm in diesem Fall durchaus positiv anrechnen sollte.
Der deutsche Verlag Kiepenheuer und Witsch, der die Assange-Autobiografie im Januar angekündigt hatte, will die unautorisierte Fassung nicht veröffentlichen.
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- Donnerstag, 20.10.2011 – 15:32 Uhr
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- Julian Assange:

The Unauthorized Autobiography
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