Unautorisierte Biografie: Julian Assanges schmutzige Wäsche

Von

Dieses Buch soll es gar nicht geben: WikiLeaks-Gründer Julian Assange verkaufte die Rechte an seiner Autobiografie, erzählte einem Auftragsschreiber sein Leben - und entschied sich dann doch anders. Der Verlag druckte trotzdem. Aber lohnt sich die Lektüre?

Julian Assange in London (8. Oktober): "Jede Art von Memoiren ist Prostitution" Zur Großansicht
Getty Images

Julian Assange in London (8. Oktober): "Jede Art von Memoiren ist Prostitution"

Anfangs hatte er gehofft, dass sein Buch für eine ganze Generation zur Pflichtlektüre werden würde: Julian Assange, 40 Jahre alt, leicht manischer Gründer der Internet-Plattform WikiLeaks, willigte ein, seine Autobiografie zu schreiben - angeblich für ein Vorschusshonorar von umgerechnet knapp einer halben Million Euro. Das war im Dezember des vergangenen Jahres. Tatsächlich erhielt sein Verlag, Canongate Books, im März eine erste Fassung. Wie vereinbart.

Die ist jetzt als Buch erschienen, obwohl es sich Assange zwischenzeitlich anders überlegt hat und aus dem Projekt aussteigen wollte. Da war ein großer Teil seines Vorschusses offenbar schon für Anwaltskosten draufgegangen: Nach spektakulären Enthüllungen erklärten ihn die USA zur Bedrohung. Wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Schweden steht Assange in Großbritannien unter Hausarrest und kämpft gegen seine Auslieferung in das skandinavische Land.

Er habe sich nicht auf das Buch konzentrieren können, erklärte Assange, der ganze Trubel, juristische Kämpfe, noch dazu die kräftezehrende Aufbereitung der Enthüllungen für WikiLeaks - und überhaupt sei jede Art von Memoiren Prostitution. Da hatten seine Auftraggeber, neben dem britischen Verlag Canongate auch das New Yorker Verlagshaus Alfred A. Knopf, die Rechte bereits an Verlage in 38 Staaten verkauft.

50 Stunden mit dem Ghostwriter

"Julian Assange - die unautorisierte Autobiografie" heißt deswegen das Buch, das der Verlag jetzt gegen Assanges Willen zunächst auf Englisch veröffentlicht hat. Mehr als 50 Stunden soll er mit seinem Ghostwriter Andrew O'Hagan zusammengesessen haben - und die Frage muss erlaubt sein, ob die beiden mit ihrer Zeit nichts besseres anzufangen wussten. Überraschungen bietet das mit Pomp angekündigte Werk nicht, ebenso wenig tiefere Einblicke in die WikiLeaks-Geschichte.

Assange beschreibt seine Kindheit und Jugend in Australien, immer auf Achse, seine ersten Hacker-Erlebnisse, wie man sich am Ende der Welt plötzlich als Speerspitze einer Untergrundbewegung fühlen konnte - und dann wird er Vater. Aber "Gossip" gibt's nicht, schreibt Assanges Ghostwriter, und spart allzu Menschliches lieber aus. Stattdessen poliert er Assanges Renegaten-Image und erzählt, wie die Idee zu WikiLeaks entstand, wie die Plattform vor fünf Jahren in Somalia auf die Bühne trat.

Die Enthüllungen, die Assange von da an orchestriert, verändern ohne Zweifel den Verlauf der Geschichte: das Einsatzhandbuch des US-Militärgefängnisses Guantanamo Bay, "Collateral Murder", das Bordvideo eines US-Kampfhelikopters, die Afghanistan- und Irak-Protokolle und die US-Botschaftsdepeschen. Dabei versteht Assange WikiLeaks als globale Unternehmung, die nicht per se gegen die USA gerichtet ist - sondern als einen Beitrag zu etwas mehr Gerechtigkeit auf der Welt.

Assange kommentiert nur, was bekannt ist

Lässt man sich darauf ein und folgt der Heldensaga, bekommt man einen guten Überblick über die Geschichte von WikiLeaks aus der Sicht von Julian Assange. Die ist allemal netter zu lesen als die reine Faktensammlung in der Wikipedia, ist für sich wichtig genug für zehn Bücher. Über die Bezeichnung Autobiografie lässt sich allerdings streiten, nicht nur wegen der fehlenden Autorisierung. Nur was ohnehin schon öffentlich bekannt ist, wird von Assange kommentiert.

Die Vorwürfe der Vergewaltigung? Er habe mit beiden Frauen einvernehmlich geschlafen, Punkt. Unsensibler Umgang mit geheimen Informationen, die Zuträger gefährden könnten? Bisher sei niemand durch WikiLeaks-Enthüllungen direkt umgekommen.

Wenn der Staatsfeind persönlich wird, dann nur in seinen Angriffen auf seinen ehemaligen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg, auf Redakteure des "Guardian" und den Chefredakteur der "New York Times". Die überzieht Assange mit regelrechten Hasstiraden, weil die sich nicht an seine Spielregeln halten wollten. Den Redakteuren wirft er vor, ihn entgegen erster Zusagen wie eine Quelle behandelt zu haben, nicht wie einen Kooperationspartner auf Augenhöhe. Überhaupt Journalisten: Die seien zu bequem geworden.

Was Assange angerechnet werden muss

Womöglich fiel Assange beim Durchsehen des ersten Entwurfs auf, dass eine interessante Autobiografie sich nicht mit seinem Interesse an Privatsphäre in Einklang bringen lässt. Dass ein selbstgerechtes Buch, dass eine persönliche Geschichte über Weltpolitik, Korruption und die Rolle der Medien eine Gratwanderung ist. Womöglich brauchte er einfach das Geld. Jedenfalls wollte er selbst dieses Buch in dieser Form nicht mehr, was man ihm in diesem Fall durchaus positiv anrechnen sollte.

Der deutsche Verlag Kiepenheuer und Witsch, der die Assange-Autobiografie im Januar angekündigt hatte, will die unautorisierte Fassung nicht veröffentlichen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gibts
LDaniel 20.10.2011
Zitat von sysopDieses Buch soll es gar nicht geben: WikiLeaks-Gründer Julian Assange verkaufte die Rechte an seiner Autobiografie, erzählte einem Auftragsschreiber sein Leben - und entschied sich dann doch anders. Der Verlag druckte trotzdem. Aber lohnt sich das Buch? http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,792392,00.html
Gibts den Vogel immernoch?? Beziehungsweise warum berichtet man noch über diesen Selbstdarsteller?
2. Huch?
Da Ge 20.10.2011
Ach, den Assange gibt´s noch? Den ganzen Anti-USA-Verschwörungstheoretikern zufolge hätte er doch eigentlich schon lange gefoltert, hinterrücks ermordet usw sein müssen?? Da waren die wohl mal wieder ein wenig kreativ, was ihre merkwürdige Weltsicht angeht.... Schön, dass die Wahrheit dann doch anders ist..
3. ert
sverris 20.10.2011
Zitat von LDanielGibts den Vogel immernoch?? Beziehungsweise warum berichtet man noch über diesen Selbstdarsteller?
Ist angesicht der Folgen von Wikileaks relativ unerheblich, wieweit er ein Selbstdarsteller ist.
4. --------------
boeseHelene 20.10.2011
der Mann ist ein gnadenloser Selbstüberschätzer, Assange hat WikiLeaks mehr geschadet als es die Geheimdienste jemals gekonnt hätten. Was für ein dämmlicher Schachzug da behauptet man die Biographie ist unautorisiert nur damit sich mehr Lemminge darauf stürzen. Wie durchsichtig ist das bitte?
5. -
PZF85J 20.10.2011
Zitat von sysopDieses Buch soll es gar nicht geben: WikiLeaks-Gründer Julian Assange verkaufte die Rechte an seiner Autobiografie, erzählte einem Auftragsschreiber sein Leben - und entschied sich dann doch anders. Der Verlag druckte trotzdem. Aber lohnt sich das Buch?
Mal sehen, ob die FAZ und/oder die Süddeutsche auch etwas zu dem Buch zu sagen haben. Erst dann werde ich entscheiden, ob es sich lohnt, das Buch zu kaufen/lesen. Der Klaumau der letzen 12 ... 18 Monate hat jedenfalls keine "Appetit" gemacht. Ebensowenig die SPON-Rezension.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Bookmarks
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 39 Kommentare
Buchtipp


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.