Copyright-Debatte "Netzgemeinde" gegen "Tatort"-Autoren

Netzaktivisten, Grüne, Linke und Piraten wollen das Urheberrecht abschaffen oder massiv schwächen - das haben 51 "Tatort"-Drehbuchautoren in einem offenen Brief behauptet. Jetzt ernten sie einen Proteststurm.

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"Tatort"-Logo: Debatte mit aggressivem Grundton
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"Tatort"-Logo: Debatte mit aggressivem Grundton


Eins haben die 51 "Tatort"-Drehbuchautoren mit ihrem offenen Brief geschafft: Es wird wieder heftig debattiert über die Frage, wie es denn nun weitergehen soll mit dem Urheberrecht. Piraten, Grünen, Linke und die "liebe Netzgemeinde", so die "Tatort"-Autoren, wollten das Urheberrecht abschaffen oder doch zumindest nachhaltig schwächen. "Demagogie" und "Lebenslügen" werfen die Autoren den namentlich nicht genannten Adressaten vor. Mit großer Resonanz: Allein 30 Blogeinträge und Artikel listet der Social-Media-Aggregator Rivva zum Thema auf, alle entstanden seit Donnerstagnachmittag.

Der offene Brief der "Tatort"-Schreiber ist ein flammender Appell dafür, das Urheberrecht genau so zu lassen, wie es ist, und im Zweifel auch ein paar Grundrechtseinschränkungen zu akzeptieren, wenn die zu seiner Durchsetzung notwendig sein sollten. Die so Angegangenen wollten erwartungsgemäß die pauschalen Vorwürfe der "Tatort"-Autoren nicht einfach hinnehmen: "demagogisch" sollen sie angeblich sein, würden "Rechtsverstöße kaschieren", hätten mit den Betroffenen, den Urhebern, nicht einmal gesprochen und ließen sich von Google die Argumente finanzieren.

Mit Zwölfjährigen in einem Topf

Zuerst antworteten "51 Hacker" vom Chaos Computer Club: Sie seien selbst Urheber, und zwar "Berufsurheber", nämlich "Programmierer, Hacker, Gestalter, Musiker, Autoren von Büchern und Artikeln". Die CCC-Autoren schreiben: "Wir kämpfen eigentlich auf derselben Seite, aber Ihr merkt es nicht einmal." Das eigentliche Problem sei das Verwertungssystem, an das die Urheber ihre Rechte abträten - Programmierer beispielsweise würden ganz gut ohne ein solches Verwertungssystem leben. Man wolle außerdem nicht mit "Zwölfjährigen" in einen Topf geworfen werden, "die gegen Staat, Gema und zu wenig Taschengeld rebellierend ihre Lieblingsmusik für lau aus dem Netz ziehen, und denen dafür jede Rechtfertigung recht ist".

Irritiert geben sich die CCC-Autoren darüber, aus welcher Richtung die harsche Kritik an den vermeintlichen Urheberrechtsverletzern kommt: "Gerade Ihr als Tatort-Autoren, deren Brötchen zum großen Teil über die Rundfunkgebühren bezahlt werden, solltet wissen, wie sich eine Kulturflatrate anfühlt. Hier hungern Urheber nicht." Zudem gebe es gar keine allgemeine Tendenz, für Kultur nichts mehr bezahlen zu wollen: "Dass einige Verwertungsgesellschaften mit dem simplen Fakt überfordert sind, das Kopieren von Werken nicht verhindern zu können, ändert nichts an der Tatsache, dass früher wie jetzt eine grundsätzliche Bereitschaft besteht, Kulturdienstleister angemessen zu entlohnen."

"Andere Seite ahnungslos und feindlich gesinnt"

Über den aggressiven Grundton des offenen Briefs - auch wenn er etwa im Vergleich zum Wutausbruch von "Element of Crime"-Frontmann Sven Regener noch moderat ausfällt - ärgern sich viele Kommentatoren. In seinem Blog "Wirres" wundert sich Felix Schwenzel über "die Hoffnung, dass man konstruktive Gespräche mit der Behauptung anfacht, die andere Seite sei ahnungslos und feindlich gesinnt".

Bei Netzpolitik.org setzt sich Leonhard Dobusch mit dem Vorwurf der Drehbuchautoren auseinander, die von ihnen Kritisierten wollten die Schutzfristen für das Urheberrecht nach dem Tod der Urheber verkürzen. Die Drehbuchautoren schrieben dazu: "Nicht nur, dass die Urheber durch diese Schutzfristen-Verkürzung enteignet und damit dramatisch schlechter gestellt würden, nein, dieser Vorschlag ändert auch kein bisschen an den Interessen der vermeintlich unschuldigen User." Denn die würden ja ohnehin keine uralten Filme oder Bücher aus dem Netz saugen, sondern brandneuen Hollywood-Stoff. Mutmaßlich wohl eher keine "Tatorte", höhnten daraufhin einige Kommentatoren. "Autoren sagen ich schaue Tatort ohne dafür zu zahlen. Realität sagt, ich schaue keinen Tatort und zahle trotzdem", twitterte einer.

Dobusch hält den Thesen der Drehbuchschreiber entgegen: "Auch wenn es sich die 'Tatort'-Autoren nicht vorstellen können: in der Urheberrechtsdebatte geht es um (viel) mehr als nur um illegale Downloads und Streamings. Es geht auch bzw. vor allem um Bücher und Dokumentarfilme, die in Archiven im wörtlichen Sinne verrotten, weil die Abklärung der Rechte zu teuer ist."

Extrempositionen bestimmen den Ton, nicht die Debatte

Dieser Streitpunkt zeigt schön das Problem, an dem die Debatte im Augenblick vor allem krankt: Es wird massiv aneinander vorbeigeredet. Die Drehbuchautoren wenden sich an einen gefühlten, scheinbar monolithisch auftretenden Gegner. Piraten, Grüne, Linke und die eben ganz und gar nicht homogene "Netzgemeinde" aber haben überhaupt keine gemeinsame Position zu den diskutierten Fragen. Übrigens gibt es auch Abgeordnete der Union, die sich für eine Reform des Urheberrechts einsetzen. Das Urheberrecht abschaffen und künftig kulturelle Werke für jeden kostenlos und frei verfügbar machen, möchte aus den Reihen der genannten Gruppen aber kaum einer.

Einer der wenigen, die das tatsächlich fordern, ist der Blogger Michael Seemann alias Mspro. In einem Blogeintrag schrieb er, die Künstler sollten sich nicht so haben, es gebe kein gottgegebenes Recht, von Kunst auch leben zu können: "Die meiste Kultur da draußen wird von den Künstlern doch heute schon für umme produziert. Warum sollten sie damit aufhören, nur weil es ein beknacktes Recht nicht mehr gibt, von dem sie zum Großteil eh nie profitierten? Ein Autor will gelesen, ein Musiker gehört, ein Schauspieler gesehen werden. Nie war es so einfach das zu bewerkstelligen."

Solche Extrempositionen - genau wie solche wie die von Sven Regener, der das Gefühl hat, dass man ihm "ins Gesicht pinkelt" im Netz - tragen zweifellos nicht dazu bei, dass die Debatte in konstruktiver Weise geführt wird. Vor allem aber hat man den Eindruck, dass derzeit massiv und gezielt lobbyiert wird - nur weiß man nicht so genau, wofür eigentlich.

Bei Netzpolitik.org weist Markus Beckedahl darauf hin, dass derartig öffentlichkeitswirksame Aktionen gewissermaßen auf Aufforderung hin stattfinden. Vor einigen Wochen hatte Hans-Joachim Otto, Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsministerium, bei einer Veranstaltung der Filmbranche genau wie seine Kollegen "aus Reihen von CDU, SPD und FDP" darauf hingewiesen, dass "vor allem die Kreativbranche selbst gefordert sei, der öffentlichen Diskussion eine neue Richtung zu geben, die Anliegen der Urheber begreifbar zu machen. Gerade Künstler seien 'sprachgewaltige' Botschafter."

Weitere Wortmeldungen sind zu erwarten. Und womöglich ergibt sich doch noch eine echte Debatte. Jochen Greve, einer der Unterzeichner des Autoren-Briefs, sagte der dpa: "Natürlich muss das Urheberrecht verändert und an die moderne Gesellschaft angepasst werden. Das wird aber nicht angegangen, weil die Politik sich nicht die Finger verbrennen will."

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Seite 1
vhe 30.03.2012
1. Das ist heftig...
---Zitat von Artikel--- [...]die Schutzfristen für das Urheberrecht nach dem Tod der Urheber verkürzen. Die Drehbuchautoren schrieben dazu: "Nicht nur, dass die Urheber durch diese Schutzfristen-Verkürzung enteignet und damit dramatisch schlechter gestellt würden ---Zitatende--- Sorry, aber Leichen haben keine Eigentumsrechte. Und wie muss ich mir die Schlechterstellung eines Toten vorstellen? Im Uebrigen hat der CCC da recht. Immer, wenn die Schutzfristen am ablaufen sind, werden sie verlaengert. Erst 50 Jahre nach dem Tod des Autors, dann 75, dann 100. Patente laufen nach 20 Jahren ab, egal, ob der Erfinder noch lebt. Selbst eine Schutzfrist mit 0 Jahren nach dem Tod des Autors ist da noch grosszuegig.
limrz 30.03.2012
2.
Mal sehen, wie die mitfühlenden SPON-Autoren reagieren, wenn es keine VG-Wort-Ausschüttungen mehr gibt...
hatem1 30.03.2012
3. Schlechterstellung von Lebenden
Zitat von vheSorry, aber Leichen haben keine Eigentumsrechte. Und wie muss ich mir die Schlechterstellung eines Toten vorstellen? Im Uebrigen hat der CCC da recht. Immer, wenn die Schutzfristen am ablaufen sind, werden sie verlaengert. Erst 50 Jahre nach dem Tod des Autors, dann 75, dann 100. Patente laufen nach 20 Jahren ab, egal, ob der Erfinder noch lebt. Selbst eine Schutzfrist mit 0 Jahren nach dem Tod des Autors ist da noch grosszuegig.
Erstens haben viele Urheber Partner, von denen sie alimentiert werden, weil ihre Werke vorfinanziert werden müssen. Da ist es nur gerecht, wenn die Partner auch nach dem Tod der Urheber profitieren. Und zweitens bekommen Urheber natürlich weniger Honorar zu Lebzeiten, wenn z.B. ein Verlag nicht auch nach dem Tod des Autors noch Geld mit den Werken verdienen kann. Daher bedeutet die Einschränkung der Schutzfristen eine direkte Verminderung der Honorare und also die Schlechterstellung des lebenden Urhebers.
erlachma 30.03.2012
4.
Zitat von limrzMal sehen, wie die mitfühlenden SPON-Autoren reagieren, wenn es keine VG-Wort-Ausschüttungen mehr gibt...
Dann müsste eben SPIEGEL dafür bezahlen - wie in jedem anderen Beruf auch. Und sie müssten arbeiten, Artikel schreiben, wenn sie ein Einkommen haben wollen - wie in jedem anderen Beruf auch. Wenn sie mehr Geld wollen, müssten sie mehr arbeiten - wie in jedem anderen Beruf auch. Wenn sie nicht mehr arbeiten, würden sie eben auch nichts mehr bekommen - wie in jedem anderen Beruf auch. Ich bekomme für die Software, die ich für meinen Arbeitgeber schreibe, auch nicht lebenslang Geld, nur weil ich der Urheber bin. Sondern nur, solange ich arbeite. Klar, das schöne Leben der Drehbuchautoren könnte vorbei sein, einmal im Jahr auf Teneriffa für 2 Wochen Urlaub machen, dabei ein Drehbuch schreiben, und davon reich werden, das geht dann eben nicht mehr. Ist aber auch nicht so schlimm.
waldemar.l. 30.03.2012
5. Ich weiß...
Zitat von sysoprbb/ ORFNetzaktivisten, Grüne, Linke und Piraten wollen das Urheberrecht abschaffen oder massiv schwächen - das haben 51 "Tatort"-Drehbuchautoren in einem offenen Brief behauptet. Jetzt ernten sie einen Proteststurm. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,824787,00.html
...nicht warum die sich so auf Aufführen, diese Autoren, da geht es doch bloß um trivialen Mord und Totschlag. Ohne ÖRR sind diese seichten Stories doch nichts wert, interessieren doch keinen. Außerdem werden die mit Zwangsgeldern finanziert, die der Allgemeinheit abgenommen werden. Also unterste Schublade.
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