Überleben im Musikgeschäft: "Ab Windstärke 8 bin ich ruiniert"

50 Konzerte als Schlagzeuger gespielt, ein Open Air mit 5000 Besuchern organisiert: Der Gladbecker Punkmusiker Alex Schwers erzählt, wovon seine Familie im Jahr 2011 gelebt hat - und warum ihm Wind, Regen, Bauanträge und die Gema Sorgen machen.

Alex Schwers: Der Schlagzeuger (Slime) organisiert das Open Air "Punk im Pott" Zur Großansicht
Ralph James Nitz

Alex Schwers: Der Schlagzeuger (Slime) organisiert das Open Air "Punk im Pott"

Wie leben eigentlich die Urheber, über deren Rechte derzeit Internetnutzer, Verwerter und Politiker streiten? Künstler, die nicht regelmäßig in den Charts sind, sondern wie die große Mehrheit einfach nur von ihren Werken leben müssen? Künstler wie Alex Schwers, 37, Schlagzeuger der Punkband Slime und Veranstalter der Festivals Ruhrpott Rodeo und Punk im Pott. Das Protokoll:

Ich bin Musiker, das sehe ich immer noch so, obwohl ich inzwischen viel als Veranstalter arbeite. Festivals organisiere ich seit Jahren, aus Spaß und weil ich Geld für die Familie verdienen muss. Ich habe seit den Neunzigern in Bands gespielt, die zwar bekannt sind, aber nicht so groß, als dass man davon hätte leben können.

Der Plan war: Du kannst dich auf die Musik konzentrieren, wenn du nicht nur Musik machst, sondern nebenher Veranstaltungen organisierst. 1999 fing das an. Das erste Punk im Pott Festival in der Zeche Carl in Essen war sofort ausverkauft. Bombig. Ich kann mich noch erinnern, dass ich am Ende beim Abrechnen ein schlechtes Gewissen hatte, weil Geld übrig war, obwohl ich nicht selbst aufgetreten bin. Ich hab dann allen möglichen Leuten die irgendwas da gemacht haben noch was in die Hand gedrückt.

Im Jahr darauf wollte ich es dann richtig fett machen und bin auf die Schnauze geflogen. Da ist alles schief gelaufen. Im Gedränge an der Kasse hat sich jemand den Kiefer gebrochen und ich hatte eine Schadensersatzforderungen am Hals. Bei der Planung hatte ich mir alles schön gerechnet. Gema-Gebühren, Hotelkosten und so weiter - nichts kam so wie erhofft. Am Ende habe ich viel Geld von A nach B bewegt und nichts behalten.

20 Sanitäter, 25 Sicherheitsleute für 2000 Gäste

Heute sieht das so aus: Beim Punk im Pott 2011 waren etwa 2000 Leute. Bei einem Eintrittspreis von 33 Euro macht das also um die 66.000 Euro Umsatz. Getränkeumsatz hast du bei Indoor selten, kaum ein Betreiber gibt die Gastronomie ab. Vor ein paar Jahren wäre der Umsatz super gewesen. Mittlerweile sind die Kosten sehr hoch. Vor allem für Sicherheit infolge neuer Auflagen nach der Loveparade. Fürs Punk im Pott 2011 kosten allein die Sicherheitskräfte 10.000 Euro.

Das Festival dauert zwei Tage, insgesamt sind etwa 25 Sicherheitsleute vor Ort, teilweise rund um die Uhr. Laut Auflagen müssen mehrere Sanitätsfahrzeuge und knapp 20 Sanitäter rund um die Uhr vor Ort sein, dazu noch die Tonanlage, Licht, Hotels und so weiter. Da ist fast die Hälfte weg und noch keine Band bezahlt. Ich glaube, andere Festivals haben es da leichter, Punkrock wird von Ämtern halt immer noch kritisch beäugt.

Das Open Air Ruhrpott Rodeo ist größer als Punk im Pott. Im Optimalfall haben wir 5000 Leute und grob 250.000 Euro Ticketumsatz plus 60.000 bis 70.000 Euro Gastronomie. Die Leute stellen sich mehr darunter vor als es ist. Das ist keine Riesenfirma dahinter, ich organisiere das zusammen mit zwei Kollegen seit 2007. Wenn es gut läuft, ist der Getränkegewinn das, was unterm Strich bleibt. Seit 2010 machen wir Gewinn, die Jahre davor haben wir drauf gezahlt. Aber so ein Festival ist immer toll, wenn alles klappt, wenn du mit den Bands zu tun hast und merkst, dass sie Spaß haben.

Gema-Abgaben verdreifacht

Bands sind bei den Kosten der größte Posten. Beim Open Air machen Gagen wegen der hohen Ausgaben für Bauten und Sicherheit etwa 40, Indoor etwa 60 Prozent der Kosten aus. Ich hab vor allem mit dem Ruhrpott Rodeo das ganze Jahr zu tun. Da sind internationale Bands. Strenge Auflagen machen enorm viel Arbeit. Ein Beispiel: Du musst inzwischen einen Bauantrag stellen für die Zäune. Der Antrag kostet viel Geld, weil du zum Beispiel ein Brandschutzgutachten bezahlen musst. Beim Ruhrpott Rodeo haben wir dieses Jahr durch neue Auflagen etwa 30.000 Euro zusätzliche Kosten im Vergleich zum Vorjahr, deshalb sind die Karten etwas teurer geworden.

Die Kosten für die Gema haben sich verdreifacht. Die rechnen ihren Tarif jetzt anhand des kompletten Umsatzes, inklusive Getränken, aus. Da schimpft man als Veranstalter, das ist die eine Seite. Aber als Musiker, der mit Musikern mehr abhängt als mit Veranstaltern, finde ich die Gema gut. Profitiert habe ich nie besonders davon, ich bin ja Schlagzeuger, und habe nicht besonders viele Songs bei der Gema gemeldet. Bedauerlich ist nur, dass von diesem Gema-Geld bei den Musikern, die ich kenne, nicht so viel ankommt. Da ist Reformbedarf.

Bei einem Open Air Festival denkst du immer ans Wetter. Wenn es regnet, verlierst du Umsatz. Abendkasse macht beim Ruhrpott Rodeo ein Fünftel aus. Wenn das fehlt, bist du schnell im Arsch. Der Horror ist starker Wind. Wenn dir das Ordnungsamt beim Aufbau irgendwann sagt, das geht nicht mehr, bist du ruiniert. Es gibt Veranstaltungsausfall-Versicherungen für den Katastrophenfall, also ab Windstärke acht, aber die kosten viel. Vielleicht nächstes Jahr.

Ich habe zwei Kinder, elf und sechs Jahre alt. Meine Frau ist freiberufliche Fotografin. Wir haben kein festes Einkommen. Unterm Strich brauchen wir mindestens 35.000 Euro im Jahr zum Leben. Damit haben wir Jahre lang gelebt, kein Problem. Ich komme im Moment nicht komplett in die Künstlersozialkasse , dafür verdiene ich neben der Musik zu viel mit Veranstaltungsorganisation, deshalb bin ich bei der KSK nur renten-, aber nicht krankenversichert. Die Kosten für die Krankenversicherung steigen mit dem Alter, jetzt bin ich 37. Wie das später wird, und überhaupt, wie lange man so Punkfestivals machen kann - keine Ahnung. Musik werd' ich wohl immer machen. Vor sechs Monaten habe ich meinen Chevy Van verkauft. Das Geld, was der geschluckt hat, stecke ich jetzt lieber mal in eine private Rentenversicherung. Punk ist das nicht, aber vielleicht mal nützlich.

Mein Einkommen schwankt extrem. 2011 war ein gutes Jahr. Beim Ruhrpott-Rodeo waren die Kosten geringer, weil wir uns Zäune und Aggregate mit anderen Festivals auf derselben Wiese teilen konnten und dann lief ja auch noch die Slime-Tour. Insgesamt hab ich 2011 mit verschiedenen Bands etwa 50 Gigs gespielt. Dieses Jahr wird glaub ich nicht so gut. Keine Ahnung wo wir im Oktober stehen. Wenn es beim Rodeo zwei Tage regnet, wird's mies.

Das hört sich jammerig an. Ist es aber nicht - ich will keinen Job lieber machen. Neulich hatte ich die Idee, mit Autogrammkarten mein Einkommen aufzufrischen. 10 Euro das Stück - das Geschäftsmodell geht nicht auf, ich habe keine einzige verkauft.

Alex Schwers: Das Autogrammkarten-Geschäft läuft schlecht Zur Großansicht

Alex Schwers: Das Autogrammkarten-Geschäft läuft schlecht

Aufgezeichnet von Konrad Lischka

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
bikenstrings 29.04.2012
...in der BRD. Kompliment! Kommt gut rüber für einen Laien-absolut realistisch und sogar ohne Larmoyanz. Vielleicht liegt´s am relativ jungen Alter des Autors-ab 50 herrscht Windstärke 8. Hier meine Haltung: http://www.youtube.com/watch?v=Ehs2k8TM1fs Mal sehen, ob (von diesem von mir geschaffenen Inhalt) Google, bzw. die GEMA (ich bin Mitglied) jetzt endlich was an den kleinen Mann rausrückt, der sich gerne auf die eigene Musik konzentrieren möchte. Man muß sich schon wundern, dass es immer noch idealistische Künstler in diesem deutschen Lande aushalten, obwohl denen so viele Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Wir wollen doch Musik, Kunst, oder? Seltsam, wenn man pfeifen wollte, aber nur Luft käme, weil niemand ein Lied komponiert hat. Ein Hoch den Künsten (Punk gehört dazu!)-ohne ging Leben nicht. Ãœbrigens-die Autogrammkarte-ich hab (nach Lektüre d. Artikels) breit gegrinst :-))
2.
rockbuerosued 29.04.2012
.. "Die Kosten für die Gema haben sich verdreifacht. Die rechnen ihren Tarif jetzt anhand des kompletten Umsatzes, inklusive Getränken, aus." Sry, den Gastroumsatz integriert die GEMA in der Abrechnung nach U-K-Tarif (Konzertdurchführung) nicht mehr. Das war früher und wir haben uns Jahre mit der GEMA deswegen gefetzt! Dringend nachverhandeln, damit hier nicht unnötig Lizenzen gezahlt werden! "..Bedauerlich ist nur, dass von diesem Gema-Geld bei den Musikern, die ich kenne, nicht so viel ankommt. Da ist Reformbedarf..." In diesem Genre ist wohl davon auszugehen, dass die KÜnstler i.d.R. eine Produktion mit mindestens 80% eigenem Repertoire auf die Bühne stellen. Hier haben die Autoren die Möglichkeit bei der GEMA die so genannte "Direktverrechnung" auch "Netto-Einzelverrechnung" zu beantragen! Will heißen, bei einer GEMA-Lizenzgebühr von roundabout 2.500 € werden ca. 70 % direkt wieder an alle beteiligten Autoren ausgeschüttet. Ca. 30 Prozent verbleiben bei der GEMA für Verwaltung (ca. 15 %) und Abgabe für soziale und kulturelle Zwecke). Solidarische Grüße' Bernd Schweinar
3.
cekay 30.04.2012
Zeigt das nicht, dass Urheberrechte haupstächlich Umverteilung von unten nach oben ist? Die wenigen, die wirklich erfolgreich sind um davon zu leben, werden vermögend oder schwer reich. Der Rest wird wie Alex Schwers im Artikel zum Verkäufer. Wieso also brauchen wir die agressive Vorgehensweise der Rechteinhalter gegenüber die Masse nochmal?
4.
liquimoly 30.04.2012
Die GEMA-Frage ist das Spiegelbild unserer schlechten Politik! Nicht nur der Staat nimmt uns aus, er schafft auch die Rechtsgrundlagen für die Industrie, uns ebenfalls auszunehmen. Viele Menschen in Deutschland leben schon unterhalb der Armutsgrenze, die können sich noch nicht einmal eine CD im Monat kaufen, und wer genug Geld übrig hat, zahlt auch gerne 10-15 Euro für GUTE Musik! Das mit der GUTEN Musik ist im Übrigen die Krux bei der Sache, ich kaufe mittlerweile nur noch 1 oder 2 Alben pro Jahr, weil sie es wert sind, alles Andere kann man getrost wieder löschen, weil es den Speichplatz nicht wert ist. Die Musikindustrie überflutet den Markt mit ihrem Müll, die Musikredakteure der Radiosender werden den ganzen Tag über mit diesem Schrott vollgespammt und wer am meisten promotet, wird auch am meisten gespielt. Die sollen ihren Marktkrampf unter sich ausmachen, wir zahlen denen dafür jedenfalls keinen Heller!
5. Ja und ?
Hugh 30.04.2012
Zitat von sysop50 Konzerte als Schlagzeuger gespielt, ein Open Air mit 5000 Besuchern organisiert: Der Gladbecker Punkmusiker Alex Schwers erzählt, wovon seine Familie im Jahr 2011 gelebt hat - und warum ihm Wind, Regen, Bauanträge und die Gema Sorgen machen. Überleben im Musikgeschäft: "Ab Windstärke 8 bin ich ruiniert" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,829138,00.html)
Dass Musiker Gemagebühren zahlen müssen, wenn sie ihre eigenen Werke spielen, liegt doch an ihnen selbst. Sie müssen ja nicht Gemamitglied sein. Wer aber mit dem Teufel speisen will, braucht halt einen langen Löffel.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Copyrights
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare
Zum Autor
  • Alex Schwers, geboren 1973 in Gladbeck, ist Musiker, hat in vielen Punkbands gespielt (Hass, Eisenpimmel, Jeff Dahl Group), seit 2010 ist er Schlagzeuger bei Slime. Als Veranstalter organsiert Schwers seit 1999 das Indoor-Festival Punk im Pott und seit 2007 das Open Air Ruhrpott Rodeo.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.