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17. März 2011, 18:07 Uhr

US-Cyber-Krieg über Facebook und Co.

Angriff der Sockenpuppen

Schlachten werden auch über Facebook und Twitter geschlagen - das haben die Revolutionen Arabiens bewiesen. Cyber-Krieger im Pentagon haben nun Software bestellt, mit der sie Meinung im Netz manipulieren können - in Farsi, Arabisch, Urdu und Paschtu. In den USA selbst wäre das illegal.

Washington - Das US-Militär sieht sich für einen Cyber-Krieg mangelhaft gerüstet. Die Cyber-Abwehr der Vereinigten Staaten sei derzeit "sehr dünn", warnte General Keith Alexander eben erst den US-Kongress. Alexander ist der Chef des "Cyber Command" im US-Verteidigungsministerium. Man habe derzeit "nicht die Kapazitäten, die wir brauchen, alles zu erreichen, was wir erreichen müssen", so der oberste Cyber-Krieger der USA. So könne man sich "nicht erlauben, dass der Cyberspace ein Schutzraum ist, in dem echte und potentielle Gegner ihre Truppen und Fähigkeiten gegen uns und unsere Verbündeten in Stellung bringen können". Es handele sich dabei "nicht um eine hypothetische Gefahr", so der General.

Dabei es geht den Cyber-Kriegern nicht nur um Verteidigung, auch wenn dieses Thema in ihren Beschwörungen immer im Zentrum steht. Das US-Militär strebt längst nach neuen Möglichkeiten, das Internet zu beherrschen.

Schon im vergangenen Sommer tauchte auf einer offiziellen Internetplattform der US-Regierung eine höchst auffällige öffentliche Ausschreibung auf ( SPIEGEL ONLINE berichtete): Da wurde nach einem Unternehmen gesucht, das eine "Persona Management Software" herstellen könnte. Die solle jedem Anwender erlauben, bis zu zehn Netz-Tarnidentitäten zu pflegen, gewissermaßen virtuelle Internetnutzer in Stellung zu bringen, um in Blogs, auf Social-Media-Plattformen und anderswo Stimmung zu machen im Dienste des US-Verteidigungsministeriums. Jetzt wurde der Auftrag vergeben. Das Verteidigungsministerium bekommt ein neues Propagandawerkzeug.

Der Anspruch der Auftraggeber an die Tarnidentitäten: "Es muss möglich sein, eine solche Person in jeder Region der Welt zu verorten." Die digitalen Strohmänner sollten auch für "erfahrene Gegner" nicht als Fälschung zu erkennen sein.

Auftrag der "Sockenpuppen": Meinung beeinflussen

Im Klartext: Das US-Militär hat eine Software zur Herstellung von "Sockenpuppen" geordert: "Sock Puppets" sind erfundene oder gestohlene Identitäten, mit deren Hilfe digital geführte Diskussionen beeinflusst werden sollen - von Wikipedia bis hin zu Forenkommentaren, etwa über bestimmte Produkte. Wie in einer Sockenpuppe steckt in einer solchen virtuellen Person kein Gehirn - sondern die Hand dessen, der sie bedient.

Sockenpuppen sollen online im Auftrag ihrer Schöpfer Meinungen verbreiten, Desinformation streuen, Debatten beeinflussen.

Auch das glücklose IT-Sicherheitsunternehmen HBGary, das später zum Ziel einer konzertierten und höchst peinlichen Attacke der Internet-Guerilleros von Anonymous wurde, wollte sich um den Auftrag bewerben, wie SPIEGEL ONLINE schon Ende Februar berichtete. Der Wirbel um die Hackerattacke dürfte dem Unternehmen dabei kaum genutzt haben - am Ende musste der Unternehmenschef seinen Hut nehmen.

2,7 Millionen Dollar für digitale Sockenpuppen

Nun bekam offenbar ein anderes Unternehmen den Zuschlag: "Washington Times" und "Guardian" berichten übereinstimmend, eine junge kalifornische Firma namens "Ntrepid" (intrepid = furchtlos) habe den Zuschlag erhalten, 2,78 Millionen Dollar soll das erst kürzlich gegründete Unternehmen den Berichten zufolge bekommen, um dem Militär die Werkzeuge dazu zu liefern, im Netz potemkinsche Dörfer aufzubauen.

Der "Guardian" zitiert einen Sprecher des US-Oberkommandos Centcom: "Die Technologie ermöglicht geheime Blogging-Aktivitäten auf fremdsprachigen Websites, um Centcom in die Lage zu versetzen, der Propaganda von gewalttätigen Extremisten und Feinden von außerhalb der USA zu begegnen." Die Sockenpuppen des US-Militärs sollen allerdings nicht englisch schreiben dürfen, so der Sprecher weiter, denn es würde gegen das Gesetz verstoßen "sich an ein US-Publikum zu wenden".

Die gefälschten Identitäten sollen stattdessen Netznachrichten auf Arabisch, Farsi, Urdu und Paschtu absetzen. Im Nahen Osten soll also gestattet werden, was in den USA verboten wäre.

Verteidigung? Im Hintergrund wird an Offensivwaffen gearbeitet

Der Auftrag an Ntrepid ist Teil eines größeren Projekts mit dem euphemistischen Namen "Operation Earnest Voice" (Operation aufrichtige Stimme). Dem "Guardian" zufolge wurde das Projekt ursprünglich im Irak entwickelt und sollte zunächst der psychologischen Kriegführung dienen, etwa gegen die Online-Aktivitäten von Qaida-Sympathisanten. Damals begründete man solche Aktivitäten etwa mit dem Kampf gegen Online-Rekrutierungsprogramme für potentielle Selbstmordattentäter.

General David Petraeus, der das Centcom damals leitete, nannte die "Operation aufrichtige Stimme" damals einen Versuch, "extremistischer Ideologie und Propaganda entgegenzuwirken und sicherzustellen, dass die glaubwürdigen Stimmen in der Region gehört werden".

Für die Glaubwürdigkeit des US-Militärs im Mittleren Osten werden die digitalen Sockenpuppen allerdings wohl eher negative Auswirkungen haben.

Übrigens sind die Mahnungen des obersten Cyber-Warriors General Alexander über Amerikas mangelhafte Ausrüstung in diesem Bereich weder neu noch überraschend: Seit Jahren hält sich an der Spitze der US-Landesverteidiger die Überzeugung, dass man dringend mehr Geld in den digitalen Krieg investieren müsse. Zur Verteidigung, heißt es dort immer. In Wahrheit jedoch zielen die Appelle, bei denen es letztlich immer um Geld für den eigenen Apparat geht, stets auch auf offensive Einsatzmöglichkeiten für das Netz und digitale Technik.

So werden auch die Urheber der bislang ausgefeiltesten Attacke aus der Welt der Bits und Bytes in den USA vermutet, möglicherweise in Kooperation mit Entwicklern aus Israel. Der Stuxnet-Virus, der mit gewaltigem finanziellem und personellem Aufwand entwickelt und über verseuchte USB-Sticks in vom Netz getrennte Computersysteme eingeschleust worden war, sollte das Atomprogramm Irans nachhaltig stören. Stuxnet, da sind sich die Experten einig, war eine Waffe. Ein digitaler Tarnkappen-Torpedo, der Uranzentrifugen im iranischen Natans zerstören sollte.

Und dabei offenbar durchaus erfolgreich war.

cis

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