Netzwerkanalyse US-Militär fütterte Software mit Twitter-Daten

Der Aufenthaltsort und die Freunde von Nutzern lassen sich über soziale Netzwerke mit nur wenigen Klicks herausfinden. Ohne Twitter darüber zu informieren, testete das US-Militär vielversprechende Analysetechniken mit solchen Daten. Das Ganze galt als Übung.

Twitter-Account (Symbolbild): Das US-Militär testet neue Methoden zur Netzwerkanalyse an öffentlichen Daten
DPA

Twitter-Account (Symbolbild): Das US-Militär testet neue Methoden zur Netzwerkanalyse an öffentlichen Daten


Tweets und Nachrichten in sozialen Netzwerken enthalten mehr als nur den beabsichtigten Text. Oft lassen sich der Aufenthaltsort und auch Reaktionen und Namen der Empfänger für alle einsehbar nachvollziehen. Wie nun bekannt wurde, hat das US-Militär im Sommer 2012 Tests durchgeführt, um solche öffentliche Daten von sozialen Netzwerken auszuwerten, darunter auch die von Twitter. Dabei wurden die Informationen der Nutzer über Programmierschnittstellen abgerufen, wie die amerikanische Wissenschaftlervereinigung Federation of American Scientist (FAS) auf ihrem Blog "Secrecy News" berichtet.

Ein online verfügbarer Report des Militärs (PDF) spricht dabei von dem Programm "Quantum Leap", das über soziale Netzwerke Informationen beschaffen und in verschiedenen Szenarien untersuchen sollte. Es galt als Übung, wie und mit welchen Techniken vorgegangen werden muss, um entsprechende Daten zu sammeln und auszuwerten. Durchgeführt wurde der Test vom U.S. Special Operations Command (SOCOM), einer Einrichtung, die für die US-Streitkräfte Forschung und Entwicklung koordiniert und dem amerikanischen Verteidigungsministerium untersteht.

Etwa 50 Vertreter von Regierung und Industrie waren an "Quantum Leap" beteiligt. In einem ersten, acht Tage dauernden Experiment untersuchten die im Dokument genannten Firmen exemplarisch, wie sich die Finanzstruktur eines Netzwerkes aufdecken lässt. Dabei kam vor allem ein Plug-in für die Software Raptor X zum Einsatz - dem Programm einer kalifornischen Firma, die Analyse-Software für Regierung und Militär entwickelt. Das Plug-in trägt den Namen "Social Bubble" und konnte Twitter-Daten verarbeiten.

Twitter über Datenabgriff nicht informiert

Das Militär konnte dabei über die Programmschnittstelle von Twitter, die für Apps und Online-Dienste entwickelt wurde, Daten abrufen. Twitter war nicht darüber informiert, dass die Informationen über seine Nutzer für den Test genutzt wurden. Zwar überwacht und beaufsichtigt das Unternehmen Daten, die es weitergibt und Weiterverkäufern zur Verfügung stellt. Das gilt aber nicht für Informationen, die über die öffentlichen Schnittstellen von jedem abgerufen werden können.

Twitter gehört zu den Internetunternehmen, die laut den von Edward Snowden veröffentlichten Dokumenten im Rahmen des Prism-Skandals nicht als Kooperationspartner der NSA gelistet waren.

Das Programm wird heruntergespielt

Angeblich werde das Projekt nicht weitergeführt, teilte der zuständige Presseoffizier des U.S. Special Operations Command, Ken McGraw, der Federation of American Scientists mit. Es sei ein nur "wenig bekanntes Experiment" gewesen, spielte er das Programm herunter. Beteiligte Personen wären bereits nicht mehr angestellt. Auch sei lediglich die erste der sechs Phasen von "Quantum Leap" erreicht worden. In diesem Stadium wurde ein Szenario durchgespielt, in dem die Finanzen eines möglichen Geldwäscherings untersucht wurden. In den später geplanten Phasen hätte es demnach um Menschenhandel, Terrorismus und selbstgemachte Sprengstoffe, Drogenhandel, Waffenhandel und den Schutz kritischer Infrastruktur gehen sollen.

Das SOCOM allerdings lobt den Test in seinem Report als "erfolgreich", wenn es darum ging, "Strategien und Techniken zu ermitteln, um öffentliche Informationsquellen auszunutzen." Eine Haupterkenntnis sei gewesen, wie nützlich soziale Medien sind, um menschliche Netzwerke auszuwerten. Auch Gruppen, in denen "einzelne Mitglieder aktiv versuchen, ihren Kontakt mit dem Internet und sozialen Medien zu begrenzen", könnten über die Techniken genauer unter die Lupe genommen werden.

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Seite 1
neu_ab 23.08.2013
1.
Wer Twitter & ähnlichen Schrott benutzt, ist selber schuld.
TwittStorm 23.08.2013
2. Das Dilemma von Twitter
Das Twitter nicht als Kooperationspartner der NSA gelistet wird liegt wohl daran, dass die Twitter Streaming API jedem die Möglichkeit gibt den kompletten Twitter Traffic in Echtzeit zu einem Keyword zu empfangen. Dabei werden neben dem eigentlichen Tweet eine Fülle von weiteren Informationen wie beispielsweise Sprache, Standort, Following, Follower und vieles mehr übermittelt. Der TwittStorm zu Snowden bei dem sämtliche Tweets in denen "Swowden" vorkommt ich Echtzeit angezeigt werden zeigt das sehr anschaulich: http://twittstorm.com/snowden Der Erfolg von Twitter hängt zum großen Teil damit zusammen, dass über Twitter fast ausschließlich öffentlich kommuniziert wird. Die im vergleich zu anderen Netzwerken sehr fortschrittliche Streaming API ermöglicht innovative Produkte, aber eben auch den Missbrauch der Daten - das ist das Dilemma!
gamh 23.08.2013
3. Gesunder Egoismus?
Es liegt in der Natur des Menschen, alles, aber auch alles zu tun, was ihm einen Vorteil einbringt. Dieser Egoismus ist auch der Grund des Scheiterns jeglicher sozialistischer Staatsform. So liegt auch auf der Hand, dass ein jeder Geheimdienst nach Vorteilen giert, seinen Status Quo auf Biegen und Brechen verteidigt und alles versucht, zu Allmacht zu gelangen. Aus diesen Gründen ist, zumindest in Demokratien, eine Kontrolle dieser Dienste vorgeschrieben. Diese Kontrolle wird jedoch in keinem Land zu ihrer vorgegebenen Funktion finden. Dies zeigt sich dieser Tage auch sehr deutlich bei den Sitzungen des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) des Deutschen Bundestages. Die einzige sinnvolle Massnahme kann nur sein, beim leisesten Anzeichen illegaler Handlungen dieser Geheimdienste, diese sofort komplett zu zerschlagen und völlig neu aufzubauen. Sie sind einfach nicht dauerhaft durch die Politik zu kontrollieren. Aber da sich die Interessen von Politik und Diensten teilweise decken, wird so etwas nicht passieren. Die einzige Chance der Eindämmung sind dann am Ende die Presse und damit Öffentlichkeit. Nur muss die Öffentlichkeit dazu aufwachen, und zwar, bevor es zu spät ist. Guten Morgen!
Tiananmen 23.08.2013
4.
Zitat von gamhEs liegt in der Natur des Menschen, alles, aber auch alles zu tun, was ihm einen Vorteil einbringt. Dieser Egoismus ist auch der Grund des Scheiterns jeglicher sozialistischer Staatsform. So liegt auch auf der Hand, dass ein jeder Geheimdienst nach Vorteilen giert, seinen Status Quo auf Biegen und Brechen verteidigt und alles versucht, zu Allmacht zu gelangen. Aus diesen Gründen ist, zumindest in Demokratien, eine Kontrolle dieser Dienste vorgeschrieben. Diese Kontrolle wird jedoch in keinem Land zu ihrer vorgegebenen Funktion finden. Dies zeigt sich dieser Tage auch sehr deutlich bei den Sitzungen des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKG) des Deutschen Bundestages. Die einzige sinnvolle Massnahme kann nur sein, beim leisesten Anzeichen illegaler Handlungen dieser Geheimdienste, diese sofort komplett zu zerschlagen und völlig neu aufzubauen. Sie sind einfach nicht dauerhaft durch die Politik zu kontrollieren. Aber da sich die Interessen von Politik und Diensten teilweise decken, wird so etwas nicht passieren. Die einzige Chance der Eindämmung sind dann am Ende die Presse und damit Öffentlichkeit. Nur muss die Öffentlichkeit dazu aufwachen, und zwar, bevor es zu spät ist. Guten Morgen!
Bei Politik und Diensten sind wir einer Meinung: selbst wenn die eine Regierung solche Dienste "zerschlägt" ist die Opposition schon in den Startlöchern, das zu ändern.... Was sollte jedoch die Presse motivieren, solche "unheiligen" Praktiken zu recherchieren und zu publizieren? Die Kuh erschießen, wegen eines Bechers Milch für einen anderen, wenn man den nächsten selbst braucht? Ja, natürlich, man kann mit solchen Veröffentlichungen eine Ausgabe besser verkaufen und die Öffentlichkeit "aufrütteln". Den 12 bis 14jährigen Mädchen, die ihre Likes in Abhängigkeit von Laune und Östrogenspiegel vergeben, ist das völlig egal. Und den auf gleiche Weise "jung" gebliebenen ebenso. Und dem Rest vielleicht auch. Wie man gerade lernen kann.
Tiananmen 23.08.2013
5.
Meinen Sie *wirklich*, dass Ihre wertvolle, persönliche Abwesenheit in Twitter oder Facebook oder ähnlichen Medien auffällt? Ehrlich? Die alten Griechen hätten dafür vielleicht das Wort "Hybris" verwendet, gell. Vielleicht trauen Sie sich nur nicht, den Zwängen der social media zu widerstehen? Dem quasi olympischen Geist, um im Bild zu bleiben, dass dabei sein alles sei? Und - falls es tatsächlich so wäre, dass Ihre Abwesenheit auffiele - wie würden die Analysten, dann in Twitter an Ihre Daten kommen? Liebs Herrgöttle von Biberach...
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