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US-Republikaner Perry: Web-Spott für Wahlspot

US-Republikaner Rick Perry gehört normalerweise nicht zu den Champions der Web-Community. Seit der Präsidentschaftsaspirant einen bizarren Wahlspot über Schwule, Kinder und Weihnachten veröffentlichte, ist Perry "Kult": Über kaum einen US-Politiker wird derzeit mehr gelacht und gelästert.

US-Präsidentschaftsaspirant Rick Perry: Eigentor im Web-Wahlkampf Zur Großansicht
AP

US-Präsidentschaftsaspirant Rick Perry: Eigentor im Web-Wahlkampf

Viele gute Witze beruhen darauf, dass Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, in bizarrer und überraschender Weise miteinander verknüpft werden. Wenn man die Sache so sieht, hat sich Rick Perry, republikanischer US-Präsidentschaftskandidat und Gouverneur von Texas, einen enorm erfolgreichen Gag erlaubt. In seinem neuesten Wahlspot argumentiert er, dass zwar einerseits Schwule in der US-Armee dienen dürften, Kinder aber nicht "offen Weihnachten feiern". Wenn er zum Präsident gewählt würde, dann würde er "Obamas Krieg gegen die Religion" sofort beenden.

Eine interessante Vision, die nicht von allen verstanden wird. Dass etwa Kinder Weihnachten nicht feiern dürften, war bis zu diesem Zeitpunkt kaum jemandem aufgefallen. In welcher Weise schwule Soldaten daran Schuld tragen, ist noch weniger verständlich. Kein Wunder, dass der wirre Wahlspot fast umgehend "Kult" wurde: "Viral" verbreitet er sich seit ein paar Tagen im Netz, wird weitergegeben und empfohlen - und fand in seiner Originalversion schon satt 3,5 Millionen Zuschauer.

So wünscht man sich das im Wahlkampf - eigentlich. In diesem Fall ist der Erfolg aber wohl eher kontraproduktiv. Denn die meisten dieser Zuschauer sehen sich den Spot an, um dann darüber zu spotten.

Kein Wunder, das Filmchen beeindruckt mit einer dermaßen verdrehten Unlogik, dass es fast wie eine Parodie erscheint - und nun zur Steilvorlage für unzählige Parodien und Antworten wird. In der bei YouTube üblichen Daumen-hoch/Daumen-runter-Abstimmung bekam das Video bisher rund 550.000 "Mag ich nicht"-Stimmen - und rund 14.000 positive Bewertungen. Man weiß nicht, wie viele davon wiederum ironisch gemeint sind.

Denn im Web wird das schräge Wahlkampfvideo vor allem zur Steilvorlage für eine rasant wachsende Zahl von Parodien und Antworten. Da Perry zu seinen Kampagnenvideos keine Kommentare und Diskussionen zulässt, begann sein "Strong" betitelter Wahlspot umgehend, in etlichen kopierten Versionen mit aktivierten Kommentaren zu kursieren. Was Perry dort lesen könnte, wenn er wollte, klingt nicht gerade vielversprechend, was seine Wahlaussichten angeht.

Schlimmer noch: Die zahlreichen Kopien garantieren, dass der Spot so schnell auch nicht wieder verschwinden wird, selbst wenn sich Perry dazu entschlösse, dem öffentlichen "Shitstorm" - so nennt man das, wenn man im Web mit Mist beworfen wird - durch Wegducken auszuweichen.

Es sind vor allem die Video-Antworten, die den Wahlspot zu einem Rohrkrepierer werden lassen. Teils wütend, teils hämisch, oft aber wirklich gekonnt nehmen ihn immer mehr YouTube-Nutzer auf den Arm. Rabbi Jason Miller zeigt Perry, wo er zu schlicht und nicht zu Ende denkt (siehe oben). Der 26 Jahre junge Software-Entwickler John liest Perry die Leviten aus christlicher, aber diskriminierungsfreier Perspektive. Er ist damit alles andere als allein: Bei YouTube fanden sich bis Samstagabend, drei Tage nach Veröffentlichung des Perry-Wahlspots, bereits mehr als 370 Videos zum Thema - neben Kopien, Remixes und Parodien auch eine steigende Anzahl offensichtlich wütend-empörter Antworten. Und sogar Jesus Christus distanziert sich von Perrys Parolen:

Auch in den Mainstream-Medien hagelte es Kritik - oder genüssliche Berichte über die Reaktionen aus dem Web. Dass der Star-Trek-Star und Schwulenaktivist George Takei per Twitter darauf hinwies, dass die Jacke, die Perry in seinem Wahlspot trägt, frappant an die Jacke von Heath Ledger in Brokeback Mountain erinnere, mag Perry noch egal sein - Ledger spielte einen schwulen Cowboy.

Dass sich Amerikas Ober-Lästermaul Stephen Colbert aber umgehend, zu bester Sendezeit und vor einem Millionenpublikum mit beißender Häme auf seinen Spot stürzte, dürfte ihn durchaus interessieren: Spätestens ab diesem Moment stand Perry mit seinen bizarren schwulen Weihnachtsthesen regelrecht am Pranger. Auch das ist eben Web-Wahlkampf: Anders als im Fernsehen versendet sich absolut nichts.

pat

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Dummheit schützt vor Wahlerfolg nicht
uchawi 10.12.2011
Zitat von sysopUS-Republikaner Rick Perry gehört normalerweise nicht zu den Champions der Web-Community. Seit*der Präsidentschaftsaspirant*einen bizarren Wahlspot über Schwule, Kinder und Weihnachten veröffentlichte, ist Perry "Kult": Über*kaum einen US-Politiker*wird derzeit mehr gelacht und gelästert. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,802974,00.html
Wäre es nicht wunderbar, wenn man sagen könnte, der Kerl ist zum Glück so strunzdumm, dass ihn ohnehin kein Mensch wählt?
2. Auch das ist Amerika !
udocolonia 10.12.2011
Kreative, intelligente und libertäre Reaktionen auf einen unsäglichen Wahlwerbespot. Schön, dass darüber berichtet wurde. Wo wir gerade bei Rick Perry sind: Was macht Sarah Palin ?
3. Hurra
reihenfolge 10.12.2011
Zitat von sysopUS-Republikaner Rick Perry gehört normalerweise nicht zu den Champions der Web-Community. Seit*der Präsidentschaftsaspirant*einen bizarren Wahlspot über Schwule, Kinder und Weihnachten veröffentlichte, ist Perry "Kult": Über*kaum einen US-Politiker*wird derzeit mehr gelacht und gelästert. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,802974,00.html
Seltsam - alle Republikaner müssen nach der Berichterstattung hier begeisterte Hobby-Idioten oder -komiker sein, während die Demokraten alle Weltenretter darstellen.
4. Texas
paulomarlene 10.12.2011
Der duemmste Praesident,den die USA hatten war Bush Senior,der zweitduemmste Bush junior,alles nach IQ Test und jetzt der naechste Texaner Perry.Viel Glueck!
5. Die schlechte Nachricht.....
Michael_Erbstadt 11.12.2011
Zitat von sysopUS-Republikaner Rick Perry gehört normalerweise nicht zu den Champions der Web-Community. Seit*der Präsidentschaftsaspirant*einen bizarren Wahlspot über Schwule, Kinder und Weihnachten veröffentlichte, ist Perry "Kult": Über*kaum einen US-Politiker*wird derzeit mehr gelacht und gelästert. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,802974,00.html
....offensichtlich gibt es jenseits des Atlantiks ein Volk, das von Vollidioten regiert werden will und meist auch wurde. ....die Gute: Sarkozy, Monti, Merkel, Papadimos und all die anderen: Schaut nach Mittelnordamerika, dort zeigt man euch, das auch Grenzdebile einen Staat führen können (oder wollen). Wieso hat man den Berlusconi denn eigentlich verjagt? Der war viel witziger als Perry, Bachman, Gingrich und Co. Liebe Grüße, Michael Erbstadt
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Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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US-Wahl
Wahl des Präsidenten
In den USA liegt die exekutive Gewalt grundsätzlich beim Präsidenten, der Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in einer Person ist. Der Präsident wird alle vier Jahre neu gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich.
Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ist eine indirekte Wahl: Am Wahltag, der immer am Dienstag nach dem ersten Montag im November stattfindet, wählt die US-Bevölkerung in jedem Bundesstaat Wahlmänner. Diese bilden das Wahlmännergremium, das offiziell erst im Dezember den Präsidenten und seinen Vize wählt. Dabei gilt in den allermeisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht: Die Wahlmänner eines Bundesstaates stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Stimmen bekommen hat. Für den Gegner sind alle Wahlmänner verloren - egal wie knapp das Ergebnis ist ("Winner takes all"-Prinzip).
Parteien und Swing States
In den USA hat sich, durch das einfache Mehrheitswahlrecht begünstigt, ein Zweiparteiensystem gebildet: Praktisch spielen nur die demokratische und die republikanische Partei eine Rolle. Da in vielen Bundesstaaten die Mehrzahl der Wähler traditionell einer der beiden Parteien zugetan sind, steht in diesen Staaten praktisch fest, für welchen Kandidaten die Wahlmänner dieses Staates stimmen werden.
In anderen ist der Ausgang der Wahl hingegen offen: Sie werden als umkämpfte Staaten oder Swing States bezeichnet. Auf sie konzentriert sich der Wahlkampf der Kontrahenten. Besonders die bevölkerungsreichen unter ihnen wie Ohio und Florida stehen im Fokus der Wahlkampfstrategen, da sie viele Wahlmänner im Wahlmännergremium stellen und damit für den Ausgang der Präsidentschaftswahl entscheidend sein können.
Wahlmänner
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird nicht direkt vom Volk gewählt, sondern indirekt von Wahlmännern ("electors"). Ein Wahlmann ist ein Bürger, den die Einwohner eines US-Bundesstaates gewählt haben, damit er oder sie in einem landesweiten Gremium in ihrem Namen seine Stimme für den Präsidenten und den Vizepräsidenten abgibt. Die Wahlmänner werden von ihrer jeweiligen Partei in einem Auswahlprozess aufgestellt, der von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden ist. Normalerweise nominieren die Parteien sie auf einem Parteitag im jeweiligen Bundesstaat, oder der Zentralausschuss ("central committee") der Partei stellt sie auf.
Am Wahltag geben die Wähler jedes Bundesstaates ihre Stimme für einen der Präsidentschaftskandidaten ab. Da die Wahl indirekt ist, wählen sie damit Wahlmänner, die dann nach dem eigentlichen Präsidentschaftswahltag in dem bundesstaatenübergreifenden Wahlmännergremium ("electoral college") ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten und seinen Vize abgeben.
Welche Wahlmänner aus einem Bundesstaat in das Wahlmännergremium geschickt werden, wird in 48 US-Bundesstaaten nach dem Mehrheitswahlrecht ermittelt: Alle von einem Staat entsandten Wahlmänner gehören derselben Partei an, selbst wenn diese in dem betreffenden Staat nur mit einem hauchdünnem Vorsprung gewonnen haben sollte ("Winner takes all").
Wie viele Delegierte ein Bundesstaat entsendet, ist von seiner Größe abhängig. Jeder Staat schickt so viele gewählte Electors, wie er Senatoren und Abgeordnete im Kongress stellt. Die meisten Wahlmänner, nämlich 55, hat zurzeit Kalifornien, gefolgt von New York (31) und Florida (27). Bevölkerungsarme Staaten wie zum Beispiel Alaska oder Montana entsenden das Minimum von drei Wahlmännern. Obwohl der Hauptstadtbezirk Washington D.C. keine stimmberechtigten Vertreter im Kongress hat, entsendet auch er drei Wahlmänner ins Gremium.
Wahlmännergremium
Das Electoral College ist ein Kollegium von insgesamt 538 Vertretern der einzelnen US-Bundesstaaten, das den US-Präsidenten und seinen Vize wählt - denn Amerikas Bürger entscheiden nicht direkt darüber, wer sie regiert, sondern nur über die Zusammensetzung des Gremiums, das den Präsidenten wählt.
Das Wahlmännergremium tritt physisch nie an einem Ort zusammen. Stattdessen versammeln sich die Wahlmänner im Dezember nach der Wahl durch das Volk in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten, um ihre Stimme abzugeben. Dabei richten sie sich in ihrer Entscheidung traditionell nach dem Votum des Volkes, zwingend vorgeschrieben ist das jedoch nicht in allen Staaten. Die Wahlmänner-Stimmen werden dann nach Washington geschickt, wo sie während einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses im Januar ausgezählt werden. Der amtierende Vizepräsident kann dann endlich das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahlen verkünden, das in der Regel ja schon kurz nach der allgemeinen Wahl bekannt ist, weil die Zahl der Wahlmänner jedes Kandidaten feststeht.
Wenn keiner der Präsidentschaftskandidaten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, sieht der 12. Zusatzartikel der Verfassung vor, dass die Wahl durch das Repräsentantenhaus entschieden wird. In diesem Fall wählt das Repräsentantenhaus den Präsidenten per Mehrheitsentscheid unter den drei Kandidaten aus, die die höchste Anzahl an Wahlmännerstimmen erhalten haben. Jeder Staat gibt dann eine Stimme ab. Wenn keiner der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, entscheidet hingegen der Senat per Mehrheitsentscheid über den Vizepräsidenten, wobei sich jeder Senator für einen der beiden Kandidaten mit der größten Anzahl an Wahlmännerstimmen entscheiden muss.
"Winner takes all"
In 48 US-Bundesstaaten gilt bei den Präsidentschaftswahlen das Mehrheitswahlrecht: Alle Wahlmännerstimmen eines Staates werden komplett dem Präsidentschaftskandidaten zugeordnet, der in diesem Bundesstaat die meisten Wählerstimmen erhalten hat - "Der Sieger bekommt alles" ("The winner takes it all"). Der in diesem Staat unterlegene Präsidentschaftskandidat geht leer aus, ganz gleich wie viele Stimmen der Bürger er auf sich vereinigen konnte - diese Stimmen entfallen.
Präsident wird, wer die Mehrheit der Stimmen von den Wahlmännern bekommt, die jeder einzelne Bundesstaat in das staatenübergreifende Wahlmännergremium (electoral college) schickt. Ob der Präsidentschaftskandidat auch die Mehrheit der in den USA abgegebenen Stimmen (popular vote) bekommen hat, ist für die Präsidentenwahl hingegen nicht entscheidend. So führt das Prinzip "Der Sieger bekommt alles" dazu, dass die Wahl kein genaues Bild vom wahren Kräfteverhältnis im ganzen Land gibt.
Nur in den Bundesstaaten Nebraska und Maine gilt das System des "Winner takes all" nicht. Hier werden die Wahlmänner nach dem Verhältniswahlrecht ermittelt: Die Wahlmännerstimmen werden proportional zu den auf die Kandidaten entfallenen Wählerstimmen zwischen den Parteien aufgeteilt.

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