Enthüllung über Stuxnet-Virus: Obamas Cyber-Angriff auf Irans Atomanlagen
Wer zerstörte Irans Uranzentrifugen? Der Washington-Korrespondent der "New York Times" will nachgewiesen haben, dass der Stuxnet-Virus unter der Führung der USA in Kooperation mit Israel entstand. Ist Barack Obama der erste Cyber-Feldherr der Geschichte?
Die Atomanlage Natans liegt tief verborgen unter der Erde. Glänzende Gaszentrifugen drehen sich dort mit rasender Geschwindigkeit, um Uran anzureichern. Militärs in Israel und den USA sind seit Jahren dabei, Maßnahmen gegen diese für Irans Atomprogramm zentrale Anlage zu planen - sogar über einen Angriff mit taktischen Atomwaffen hat man in Israel bereits nachgedacht.
Doch die Methode, die letztlich funktionierte, wenn auch nur vorübergehend, war eine andere: Mit dem Stuxnet-Virus gelang es den Cyberkriegern der USA und Israels, etwa tausend Uranzentrifugen irreparabel zu beschädigen. Dass Washington und Jerusalem hinter der ausgefeiltesten Cyberattacke in der Geschichte stehen, wurde seit langem vermutet (DER SPIEGEL berichtete) - nun erscheint ein Buch, das die Geschichte dieses digitalen Erstschlags detailliert nachzeichnen soll. Es ist schon vor seinem Erscheinen eine Sensation - und phantastische Wahlkampfhilfe für US-Präsident Obama. Es dürfte aber auch die ohnehin angespannten Beziehungen der USA und Israels zu Iran weiter belasten.
Der Autor David E. Sanger ist der Washington-Korrespondent der "New York Times" ("NYT"). Der Titel seines Buches lautet übersetzt: "Konfrontieren und Verbergen - Obamas geheime Kriege und sein überraschender Gebrauch amerikanischer Macht". Seine Geschichte von Stuxnet basiere auf "in den vergangenen 18 Monaten geführten Interviews mit gegenwärtigen und ehemaligen amerikanischen, europäischen und israelischen Beamten, die in das Programm involviert waren", erklärt Sanger in der aktuellen Ausgabe der "NYT". Keine der Quellen wird namentlich genannt, weite Teile der Programms seien "bis heute streng geheim".
Zweiter kriegerischer Erfolg der Regierung Obama?
Sangers Version zufolge begannen die Arbeiten an der Cyberwaffe unter dem Codenamen "Olympic Games" schon während der Regierungszeit von George W. Bush. Dem SPIEGEL berichteten israelische Insider vergangenen Sommer von einem anderen Hergang: Stuxnet sei eine "blue-and-white operation" gewesen, hieß es damals, so genannt nach den Nationalfarben Blau und Weiß, also ein rein israelischer Angriff.
Sanger zufolge dagegen waren Sabotageversuche der CIA gegen Irans Atomprogramm zunächst weitgehend erfolglos geblieben, doch dann hätten US-Fachleute dann eine Software namens "Beacon" (Leuchtfeuer) entwickelt, die das Computersystem der Anlage Natans kartieren und die Ergebnisse zurück in die USA senden sollte. Das sei auch gelungen - der "NYT" ist allerdings nicht zu entnehmen, wie Beacon nach Natans hineingelangte und seine Beute aus der nicht mit dem Internet verbundenen Anlage hinausschleuste.
Auf Basis der so gewonnenen Erkenntnisse hätte daraufhin der US-Geheimdienst NSA gemeinsam mit einer geheimen israelischen Einheit begonnen, den hochkomplexen Stuxnet-Virus zu entwickeln. Eine israelische Militäreinheit namens 8200 sei aus zwei Gründen einbezogen worden: Einerseits besaß Israel technische Expertise und intime Kenntnisse der Anlage in Natans, andererseits ging es um Diplomatie. "Mehrere Beamte" hätten ihm erklärt, man habe Israel mit der engen Einbindung auch von einem konventionellen Angriff auf Iran abhalten wollen, schreibt Sanger.
Die ersten Versionen des Computerwurms seien anschließend an baugleichen Uranzentrifugen wie den in Natans eingesetzten getestet worden, unter strengster Geheimhaltung und mit wachsendem Erfolg. Sanger: "Eines Tages gegen Ende der Amtszeit von Mr. Bush wurden die Überreste einer Zentrifuge auf dem Konferenztisch im Situation Room [im weißen Haus] ausgebreitet, um die potentielle Macht einer Cyberwaffe zu belegen." Man habe entschieden, den Wurm nun auf Natans loszulassen.
Interne Überwachungssoftware überlistet
In die Anlage, die nicht mit dem Internet verbunden ist, gelangten die ersten Virus-Versionen Sanger zufolge über USB-Sticks, später seien auch andere, nicht näher benannte Methoden zum Einsatz gekommen. "Es zeigte sich, dass es immer einen Idioten gibt, der nicht allzu viel über den Speicherstick in seiner Hand nachdenkt", zitiert der Journalist einen ungenannten Insider.
Der komplizierte Code sorgte schließlich dafür, dass Uranzentrifugen plötzlich ihre Rotationsgeschwindigkeit änderten, was die empfindlichen Geräte zerstörte. Die Iraner seien von den Schäden überrascht und völlig verwirrt gewesen, nicht zuletzt deshalb, weil Stuxnet sein eigenes Wirken effektiv verschleierte. Wie schon seit einiger Zeit bekannt ist, schickte der Virus gefälschte "Alles in Ordnung"-Signale an die Steuerungszentrale der Anlage. "Wir wollten, dass sie sich dumm vorkommen, und das ist gelungen", zitiert Sanger eine ungenannte Quelle.
Viel Zerstörung wurde mit diesen ersten Stuxnet-Varianten Sanger zufolge aber noch nicht erreicht. Bei der Amtsübergabe habe George W. Bush Obama gedrängt, "zwei geheime Programme weiterzuführen", so Sanger, "'Olympic Games' und das Drohnenprogramm in Pakistan". Obama sei Bushs Rat gefolgt.
In den folgenden Monaten war Stuxnet in mehreren Varianten immer erfolgreicher. Im Sommer 2010 aber passierte ein fatales Missgeschick: Der Wurm entkam aus der Anlage in Natans und verbreitete sich auf anderen Rechnern. Ein Ingenieur habe sich die Software aufgrund eines Programmierfehlers auf seinem Computer eingefangen, als der mit den Zentrifugen verbunden gewesen sei. Als dieser Rechner später ans Internet angeschlossen worden sei, sei Stuxnet in die freie Wildbahn entkommen und habe sich dort autonom weiterverbreitet.
Das hatte zur Folge, dass ihn schließlich Hersteller von Antivirensoftware entdeckten - Amerikas erfolgreiche Cyberwaffe war nun öffentlich. "Sollen wir diese Sache stoppen?", habe Obama im Situation Room gefragt, berichtet Sanger. Schließlich habe man entschieden, trotz allem weiterzumachen. Nach der Entdeckung sei Natans noch von zwei weiteren Stuxnet-Versionen befallen worden, mit großem Erfolg: "Ein paar Wochen, nachdem Stuxnet rund um den Globus aufgespürt worden war, machte diese letzte Serie von Angriffen etwa 1000 der 5000 Zentrifugen vorübergehend unbrauchbar", schreibt Sanger.
Ist Stuxnet eine Kriegserklärung?
Seit einigen Tagen macht ein weiterer, offenbar hochkomplexer Computervirus von sich reden, den Experten ebenfalls für das Werk von Militärs oder Geheimdiensten halten. Der eben erst entdeckte, offenbar ebenfalls im Nahen Osten aktive Spionagevirus Flame sei jedoch nicht Teil des "Olympic Games"-Programms, zitiert Sanger ungenannte Beamte. Ob er jedoch amerikanischer Herkunft sei, wollte ihm niemand mitteilen. Israel hat gerade erst dementiert, für Flame verantwortlich zu sein - nachdem der Vizepremier Mosche Jaalon am Mittwoch mit lobenden Äußerungen den Verdacht genährt hatte, Israel sei der Urheber.
Bleibt die Frage, warum all die Insider überhaupt mit Sanger sprachen. Eine Antwort findet man auf dem Cover des Buches. Darauf ist ein nachdenklich, aber entschlossen voranschreitender US-Präsident abgebildet. Nach der Tötung Osama bin Ladens soll der digitale Erstschlag gegen Iran offenbar zum zweiten kriegerischen Erfolg der ersten Amtszeit Obamas erklärt werden. Bessere Wahlkampfhilfe hätte der US-Präsident sich kaum wünschen können.
Klar ist: Sangers überzeugend wirkende Nacherzählung der Geschichte von Stuxnet markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Krieges. Seine Darstellung lässt keinen Zweifel daran, dass die USA und Israel eine neuartige Waffe gegen Iran eingesetzt haben.
Interessant ist die Enthüllung auch vor dem Hintergrund einer als "Obama-Doktrin" im vergangenen Jahr neu formulierten Haltung der USA gegenüber Cyberattacken: Seit dem Frühjahr 2011 ist Amerika bereit, Angriffe mit Softwarecode als kriegerischen Akt zu werten und im Zweifel auch mit konventionellen Waffen zu beantworten. Setzt ein Land Viren, Würmer und Trojaner in Bewegung, riskiert es eine Vergeltung durch Kampfjets, Panzer und Bodentruppen. "Wer die Stromnetze unseres Landes sabotiert, muss mit Raketen im Schornstein rechnen", sagte ein Pentagon-Sprecher damals. Wenn Iran die gleichen Maßstäbe anlegt wie die USA, dann kann es Stuxnet als Kriegserklärung durch die USA und Israel werten.
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- Freitag, 01.06.2012 – 11:54 Uhr
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Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.

Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.


Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.





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