Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umstrittenes Vectoring: Telekom darf das Internet schneller machen

Von

Vectoring-Werbung der Telekom (auf der CeBIT 2014): Neue Macht nach Entscheidung der Netzagentur Zur Großansicht
DPA

Vectoring-Werbung der Telekom (auf der CeBIT 2014): Neue Macht nach Entscheidung der Netzagentur

Dieser Entschluss dürfte verändern, wie die Deutschen online gehen: Die Bundesnetzagentur erlaubt der Telekom, mit umstrittener Technik schnellere Internetzugänge zu schaffen. Die Konkurrenz warnt vor einem neuen Monopol.

Es ist ein großer Streitpunkt zwischen der Telekom und ihren Konkurrenten. Der Konzern will seine Leitungen mit einem technischen Trick aufbohren und damit das Internet in Deutschland beschleunigen - der Konkurrenz dabei allerdings den Zugang zum Netz abklemmen.

Die Bundesnetzagentur hat für den Plan jetzt grünes Licht gegeben. Am Montagmittag teilte die Regulierungsbehörde in einer Grundsatzentscheidung mit, sie wolle dem Konzern das umstrittene Vorhaben erlauben, wenn auch mit kleineren Ausnahmen.

Damit könnte der Ausbau des schnellen Internets in Deutschland kurzfristig beschleunigt, mittelfristig aber die Modernisierung mit Glasfaser erschwert werden - und die Telekom eine neue Monopolstellung einnehmen, wie Kritiker befürchten. Die Grundsatzentscheidung vom Montag könnte also die Art, wie Deutschland ins Netz geht, für die kommenden Jahre prägen.

Konkret geht es um den die "letzte Meile" des Netzes, also den Nahbereich im Umfeld von Hauptverteilerkästen, in dem die Telekom ihr Netz mit der schnelleren Vectoring-Technik aufrüsten will. Dabei werden mehr Daten durch das herkömmliche Kupfernetz geleitet.

Streit ums Vectoring
1. Was ist Vectoring?
Das sogenannte VDSL2-Vectoring ist eine Technologie, die es erlaubt, den Datendurchsatz von Kupferleitungen zu erhöhen. Man kann also ein höheres Datentempo erreichen, ohne die bestehenden Kabel beispielsweise durch Glasfaser zu ersetzen. In der Regel sollen durch Vectoring Geschwindigkeiten von mindestens 50 Megabit und bis zu 100 Megabit pro Sekunde möglich sein.
"Vectoring ermöglicht durch den Ausgleich von elektromagnetischen Störungen zwischen den Leitungen eine Verdoppelung der Bandbreite", erklärt die Telekom. Das Unternehmen ist der in Deutschland mächtigste Befürworter der Technologie. Im Herbst 2015 gab die Telekom ein Angebot an die Bundesnetzagentur ab: Sie wünscht sich einen Exklusivzugang zu den knapp 8000 deutschen Hauptverteilern, um dort Vectoring zu betreiben.
2. Was spricht fürs Vectoring?
Fürs Vectoring spricht, dass man dabei im Grunde bestehende Infrastruktur upgradet: Mehr aus den bestehenden Kabeln herauszuholen, ist einfacher und weniger aufwendig, als neue Kabel zu verlegen. Langfristig will die Telekom per "Super Vectoring" auch höhere Vectoring-Geschwindigkeiten als bislang anbieten können.
Die Telekom rechtfertigt ihre Vectoring-Vorstöße unter anderem damit, dass ein flächendeckender FTTH-Ausbau, wie er oft gefordert wird, schwer zu finanzieren sei. FTTH steht für "Fibre to the Home", also für Glasfaserkabel, die bis direkt in die Wohnung des Kunden führen.
3. Was wird am Vectoring kritisiert?
Kritiker glauben, dass die Vectoring-Technologie nicht wirklich zukunftsträchtig sei und dass ihr Einsatz den Glasfaser-Ausbau verzögere. Geschwindigkeiten wie die beim Vectoring sind in manchen Städten schon jetzt zu haben, mit Glasfaserkabeln sind mancherorts bis zu 200 Megabit pro Sekunde möglich. Umgekehrt gibt es aber auch viele Bereiche Deutschlands, in denen es bislang gar kein schnelles Internet gibt.
Ein großer Streitpunkt ist, dass Vectoring an den Hauptverteilern prinzipiell nur von einem Anbieter durchgeführt werden kann. Das heißt: Bietet beispielsweise die Telekom an bestimmten oder allen Verteilern Vectoring, können andere Betreiber dort keine eigene Technik installieren. Konkurrenten fürchten daher einen massiven Wettbewerbsvorteil für die Telekom.
Bekäme die Telekom ein Okay für ein weitgehend exklusives Vectoring, müsste das Unternehmen laut Netzagentur der Konkurrenz übrigens weiter "ein Vorleistungsprodukt" anbieten. Gemeint sind damit ähnliche Zugänge wie bisher - die dann allerdings gegenüber dem durch Vectoring beschleunigtem Anschluss abfallen und teuer sein könnten.
Die Telekom hat angekündigt, eine Milliarde Euro ins Vectoring zu investieren. Damit sollen sechs Millionen Haushalte in deutschen Innenstädten bis 2018 einen schnelleren Internetzugang erhalten. Dafür könnten aber über 135.000 VDSL-Anschlüsse der Wettbewerber gekappt werden - beide Technologien vertragen sich nicht in den Hauptverteilern.

Und so ist die Konkurrenz gegen den Vorschlag Sturm gelaufen. Sie fürchtet eine neue Monopolstellung der Telekom und sieht den Ausbau mit Glasfaberkabel, der noch schnelleres Internet bringen würde, nun behindert. In einem Brandbrief ans Kanzleramt sprachen die Wettbewerber gar von einer "zentralen Weichenstellung mit gesellschaftspolitischer Tragweite für die nächsten zehn Jahre".

Beim Ausbau mit Glasfaser hinkt Deutschland hinterher. Und die Kapazitäten von Kupfer werden zwar durch Vectoring noch einmal vergrößert, sind aber beschränkt.

Druck aus Berlin

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, bezeichnete den Entwurf angesichts der Kritik von Wettbewerbern als "fairen Kompromiss". Der "Glasfaserausbau bis in die Häuser" werde für kein Unternehmen eingeschränkt. Die 13 Konkurrenzverbände beteuern hingegen, dass sich durch ein Vectoring-Monopol der Glasfaserausbau verteuern und verzögern würde - weil er kurzfristig nicht mehr wirtschaftlich sei.

Es gibt in der Frage auch starken politischen Druck: Die Bundesregierung will den Breitbandausbau bis 2018 durchbekommen, dann soll es überall im Land Zugänge mit 50 Megabit pro Sekunde geben - es ist ein Prestigeprojekt des Ministers Alexander Dobrindt (Verkehr und digitale Infrastruktur). Und ohne die Vectoring-Pläne der Telekom wäre das sehr viel schwerer zu erreichen.

Zur Entscheidung der Netzagentur können die Marktteilnehmer noch einmal formell Stellung nehmen, auch in einer öffentlichen Verhandlung. Auch das Kartellamt und die europäische Regulierungsbehörde, die Vectoring kritisch sieht, werden gehört. Erst dann fällt im Frühjahr 2016 die endgültige Entscheidung.

Vorteile für die Telekom

Die Netzagentur will der Telekom auch Hürden aufstellen. So wird mit "spürbaren Sanktionen" gedroht, falls der Konzern seine Zusagen nicht einhält. Und auch Konkurrenten sollen Vectoring betreiben dürfen - wenn sie sich an einem Hauptverteilpunkt stärker als die Telekom "bei der DSL-Erschließung" engagiert hätten. Das hatten etwa die Anbieter EWEtel und NetCologne ins Spiel gebracht.

Es ist aber unklar, wie viele Konkurrenten von dieser Regelung wirklich profitieren wollen und können - sie müssten binnen weniger Monate eine verbindliche Ausbauzusage treffen. Eine Wettbewerbsnachteil gegenüber der Telekom, heißt es beim Branchenverband VATM.

Die Telekom muss laut Netzagentur der Konkurrenz weiterhin "ein Vorleistungsprodukt" anbieten, also Raum für ähnliche Zugänge wie bisher - die dann allerdings gegenüber dem durch Vectoring beschleunigtem Anschluss abfallen und teuer sein könnten.

Für die Telekom bietet sich dadurch neue Macht über das Netz in Deutschland.

Mitarbeit: Markus Böhm

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 141 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. #Deutschland abgehängt
orthonormalbürger 23.11.2015
viele andere Länder die deutlich kleiner sind haben jetzt schon mehr Glasfaser verlegt, warum nur ? Es sollte jetzt damit begonnen werden in ganz Deutschland Glasfaserkabel verlegt zu werden oder wir schauen in 10 Jahren blöd, dieses Vectoring ist toll wäre aber in den ländlichen Gegenden nötig ich kenne Leute die haben noch nichtmal 4K am Anschluss dran. Die Politik sollte jetzt damit beginnen! Glasfaser überall!
2. Es ist unglaublich
Bengurion 23.11.2015
Wie man zu einer solchen Fehlentscheidung kommen kann, ist mir absolut schleierhaft und ich kann es mir nur so erklären, dass da einige mit Bargeld gefüllte Aktenkoffer den Besitzer gewechselt haben.
3. Und was ist mit der Kundensicht?
schnarchn 23.11.2015
Keiner der Anbieter will für den Glasfaerausbau das notwendige Geld in die Hand nehmen. Nur sehr begrenzt wird von Unternehmen wie M-net eine Leitung direkt ins Haus verlegt. Auch wenn die Monopolstellung kritisch ist: Was bleibt mir als Kunde denn übrig, wenn niemand Glasferleitungen verlegen will? Nochmal 10 Jahre will ich nicht meine total veraltete DSL 6.000 Leitung nutzen, bis irgendwann mal der Glasfaserausbau auch unsere Gegend erreicht, oder eben auch nicht. Ich bin jedenfalls froh nun eine 50 MBit/s Leitung zu haben.
4. Der Telekom das Endkundengeschäft wegnehmen
monolithos 23.11.2015
Einfache Lösung: Nehmt der Telekom das Endkundengeschäft weg! Soll sie doch einfach der Netzbetreiber sein und alle anderen Anbieter Dienstleister auf diesem Netz gegenüber dem Endkunden. Dann wären die Interessenskonflikte und Ungleichheiten weg, die aus dem derzeitigen Mischmasch entstehen, z.B. dass sich die Telekom durch Netzausnutzung im Eigeninteresse besser stellt als die Konkurrenten. Die Autobahnen gehören ja auch nicht der Daimler AG.
5.
wo_st 23.11.2015
Bereits verlegte Kupferkabel ist der Bestand und es rechnet sich, andere Technologie zu nutzen, als Kabel neu zu verlegen. Leider, denn wir alle wollen billig, billiger usw.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: