Digitalmusik EU-Kommission will Gema und Co. härter regulieren

Bei Online-Musik gibt es keinen EU-Binnenmarkt: Wer europaweit neue Web-Dienste schaffen will, muss sich mit 250 Verwertungsgesellschaften in 27 Mitgliedstaaten einigen. Eine neue EU-Richtlinie soll das ändern. Doch bis sie verabschiedet und umgesetzt wird, werden Jahre vergehen.

Von

AFP

Brüssel - Mehr als 250 Verwertungsgesellschaften vertreten in der EU die Rechte der Komponisten und Textautoren von Musikstücken, in Deutschland beispielsweise die Gema. Nicht alle erfüllen ihre Aufgabe gut, urteilt EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. In einer Presseerklärung der EU-Kommission heißt es, einige Verwertungsgesellschaften würden nicht die Voraussetzungen für einen Online-Musikmarkt schaffen. Nur wenige Online-Musikdienste haben europaweite Angebote. Das liegt auch daran, dass in jedem EU-Staat eigene Verträge mit Verwertungsgesellschaften verhandelt werden müssen. Es gibt keine Organisation, die Urheber europaweit vertritt.

In einem Papier der EU-Kommission zur geplanten Richtlinie heißt es, es gäbe bei manchen Verwertungsgesellschaften außerdem Probleme mit "schlechter Geldanlage" und "langen Verzögerungen bei der Ausschüttung von Beträgen an Rechteinhaber". EU-Kommissar Barnier will die Verwertungsgesellschaften mit einer neuen Richtlinie strenger regulieren.

Kommission fürchtet Monopol einer EU-Verwertungsgesellschaft

Die Vorschläge der Kommission sind kompliziert. Das einfache Modell einer paneuropäischen Dachgesellschaft, in der alle 250 Organisationen die Rechte bündeln, lehnt die EU-Kommission ab. Die Begründung: "Es würde eine Organisation mit einem De-Facto-Monopol entstehen. Das Risiko ist hoch, dass so der Wettbewerb eingeschränkt werden könnte." Die EU-Kommission fürchtet Kundenzuteilungen und Preisabsprachen.

Barnier schlägt stattdessen vor, dass Verwertungsgesellschaften gesetzlich verpflichtet werden, die von ihnen vertretenen Rechte zur Online-Nutzung freizugeben. Die EU-Richtlinie sieht mehrere Methoden zur EU-weiten Lizenzierung vor. Wenn eine Gesellschaft keine davon nutzt, soll die neue Vorschrift Urhebern das Recht garantieren, sich bei der EU-weiten Online-Nutzung von einer anderen Gesellschaft vertreten zu lassen.

Die Verwertungsgesellschaften sollen die von ihnen vertretenen Rechte EU-weit lizenzieren. Sie können laut der EU-Richtlinie …

  • … ihre Rechte selbst EU-weit oder in einzelnen Mitgliedstaaten anbieten. Voraussetzung ist, dass sie die neuen EU-Vorschriften zu Effizienz und Transparenz erfüllen.
  • … Unternehmen mit der Abwicklung und Abrechnung der Lizenzen in anderen EU-Staaten beauftragen.
  • … ihr Repertoire von anderen Verwertungsgesellschaften in der EU anbieten lassen. Diese Organisationen dürfen die Fremdrechte nur in den Staaten anbieten, in denen sie auch Lizenzen für das eigene Repertoire verkaufen. Sie müssen alle interessierten Gesellschaften vertreten.
  • … Gemeinschaftsunternehmen mit anderen Verwertungsgesellschaften gründen, die das gemeinsame Repertoire EU-weit oder in einzelnen Mitgliedstaaten anbieten. Diese Gemeinschaftsorganisationen müssen jedes interessierte Mitglied aufnehmen und jede interessierte nationale Organisation vertreten.

Als Zwischenhändler für andere Organisationen sollen nur jene Verwertungsgesellschaften agieren dürfen, die die neuen EU-Vorschriften zu Transparenz und Mitgliederbeteiligung erfüllen. Die nun vorgestellte Richtlinie schreibt unabhängige Aufsichtsgremien, detaillierte Berichte über die Erlösquellen und die Verwendung der Mittel sowie Auszahlungsfristen vor.

Ob die vorgeschlagene EU-Richtlinie Online-Diensten die Lizenzierung wesentlich erleichtert, bleibt abzuwarten. Es liegt an den Urhebern, sie werden trägen Gesellschaften die Online-Rechte entziehen und sie an andere Verwertungsorgansiationen übertragen müssen, damit Wettbewerb entsteht. Bis es dahin kommt, dürfte noch viel Zeit vergehen - erst einmal muss die vorgeschlagene Richtlinie überhaupt in Kraft treten, dann muss sie in nationales Recht umgesetzt werden. So etwas dauert Jahre. Bis es so weit ist, kann der Online-Musikmarkt ganz anders aussehen als heute.

Der Autor auf Facebook

Streamingdienste im Überblick

Angebot Spotify Simfy Napster Deezer Rdio Juke
Titel im Katalog 16 Mio. 16 Mio. 15 Mio. 13 Mio. 15 Mio. 15 Mio.
Browser nein ja ja ja ja ja
Player Desktop Windows, MacOS, Linux, iOS, Android, Blackberry Windows, MacOS, Linux, iOS, Android, Blackberry Windows / MacOS nein Windows / MacOS nein
Player Mobil iOS, Android, Blackberry, WP 7 iOS, Android, Blackberry iOS, Android iOS, Android, Blackberry iOS, Android, Blackberry, WP 7 iOS, Android
Offline-
Modus (Desktop)
ja (9,99 Euro) ja (9,99 Euro) ja ja (9,99 Euro im Monat, 1 Rechner) nein ja
Offline-
Modus (mobil)
ja (9,99 Euro) ja (9,99 Euro) ja (9,95 Euro) ja (9,99 Euro im Monat, 1 Gerät) ja (9,99 Euro im Monat) ja
Eigene Daten (Desktop) ja ja nein ja ja nein
Eigene Daten (mobil) ja (9,99 Euro im Monat) nein nein ja ja (9,99 Euro im Monat) nein
App-
Plattform
ja nein nein nein nein nein
Künstler-
Radio
ja ja ja ja ja nein
Bitrate 160 Kbit/s Dektop, 320 Kbit/s (99 % 9,99 Euro) 192 - 320 Kbit/s 128 Kbit/s (Streaming Dekstop), 192 Kbit/s AAC offline bis zu 320 Kbit/s bis zu 320 Kbit/s keine Information
Gratis werbe-
finanziert (sechs Monate unbegrenzt auf dem Desktop, welt-
weit begrenzt auf 10 Stunden nach sechs Monaten)
werbe-
finanziert (20 Stunden Streaming auf Desktop / per Browser, 5 Stunden nach zwei Monaten)
Testversion 7 Tage 30 Sekunden zum Reinhören / Testversion 15 Tage Premium Testversion 7 Tage Unlimited nein
Bezahl-Angebot 1 4,99 Euro (unbe-
grenztes Streaming Desktop)
4,99 (unbe-
grenztes Streaming auf Desktop / per Browser)
7,95 (Streaming Desktop) 4,99 (Browser / Desktop), 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) 4,99 (Browser / Desktop), 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) -
Bezahl-Angebot 2 9,99 Euro / Monat 9,99 Euro / Monat 9,95 (Desktop und Mobil) 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) 9,99

Stand: 10.8.2012

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
snigger 11.07.2012
1. was hat die tabelle in dem artikel zu suchen?
was hat die tabelle in dem artikel zu suchen? soweit ich das überblicken kann, geht es um eine regulierung von rechtevewertern und nicht um einen vergleich von online-musikangeboten. back to topic: für mich (wenn ich künstler wäre) wäre wichtig, daß ich die verträge mit den verwertern flexibler gestalten könte. nicht nur den einheitsbrei (all or nothing), den manche gesellschaft anbietet.
darksystem 11.07.2012
2.
Die EU-Kommission ignoriert genau so wie viele andere das digitale Güter nicht das gleiche sind wie materielle Güter. Eine einheitliche europäische Verwertungsgesellschaft ist genau das was wir brauchen. Aber bitte staatlich und nicht privat. Echten Wettbewerb kann es auf dem Markt gar nicht geben. In der Regel sollte das ja so laufen: - Künstler gibt seine Rechte an Gesellschaft ab - Gesellschaft sorgt dafür das diese entsprechend lizensiert werden und schüttet die Einnahmen an die Künstler aus Wettbewerb kann nur entstehen wenn ähnliche Produkte zu unterschiedlichen Preisen mit unterschiedlicher Qualität angeboten werden können. Ein "Recht" ist kein Gut was sich derart beugen lässt. Es gibt nur weiterführende oder eingeschränktere Rechte. Aber je nach dem wie die Künstler ihre Rechte an die Gesellschaften abtreten hat der Lizenznehmer genau das gleiche Problem, völlig egal ob nun alle Gesellschaften einen Tarif XYZ anbieten oder das von Hand ausgehandelt werden muss. Deswegen ist eine staatliche Behörde, mit einer runden 0 bei Einnahmen/Ausgaben und gleicher Beteiligung aller Künstler an den Einnahmen von nöten. Als Lizenznehmer würde ich es sogar hinnehmen der Gesellschaft mitzuteilen wie oft ich welche Werke wofür verwendet habe damit diese anhand der Proportionen den One-Hit-Wondern mehr ausschütten können als den Kellerkünstlern. Wir brauchen auf diesem Gebiet umfangreiche Reformen, keine halbgaren EU-Richtlinien.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.