Videospiele Jugendschützer wollen Webshops indizieren

Die Kommission für Jugendmedienschutz hat den Antrag gestellt, mehrere österreichische Webshops indizieren zu lassen. Begründung: Dort gibt es in Deutschland indizierte Spiele zu kaufen und entsprechende Werbematerialien zu sehen. Die Shop-Betreiber protestieren.

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Der österreichische Webshop Gameware.at macht aus seinem besonderen Service für deutsche Kunden keinen Hehl. Auf einer Unterseite des Angebotes finden sich diese Zeilen: "Titel, die nach Ansicht der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) in Deutschland nicht frei verkauft werden dürfen beziehungsweise sogar bei Händlern (nicht bei Privatpersonen) beschlagnahmt werden, landen auf dem sogenannten Index. Als österreichischer Händler dürfen wir diese Titel an Personen über 18 Jahre ausliefern!" Kaufen kann man dort etwa das Massenmörder-Gemetzel "Manhunt 2", den Alien-Shooter "Gears of War 2" oder eine ungeschnittene Version des Films "Robocop".

Gameware.at: Web-Shop auf den Index für jugendgefährdende Medien?

Gameware.at: Web-Shop auf den Index für jugendgefährdende Medien?

Die deutsche Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), unter anderem für Jugendschutz im Internet zuständig, sieht solche Angebote gar nicht gern. Nun geht sie gegen Gameware.at und zwei andere österreichische Webshops vor: In einem Schreiben an die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM), das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird die Indizierung von Gameware.at gefordert.

Der Betreiber hält das für einen "ziemlichen Schuss ins Knie". Mark Rehm von Gameware.at erklärt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, man betreibe "eine Web-Seite, die sich komplett ans Recht hält".

Rehm gibt zu: "Natürlich hat eine Indizierung auch einen Werbeeffekt." An Kinder und Jugendliche aber verkaufe man keine für sie nicht zugelassene Software. Käufer müssten "wahrheitsgemäß ihr Alter angeben", außerdem könne man bei Gameware.at nur dann bestellen, wenn man mit Kreditkarte oder Überweisung vom eigenen Konto zahlen könne, und diese Möglichkeit hätten ja in der Regel nur Erwachsene. Diese Methode halte man, so Rehm, für eine ohnehin bessere Lösung als etwa die, eine Kopie des Personalausweises von jedem Besteller anzufordern.

Wann kann indiziert werden?

Dass auf internationalen Web-Seiten in Deutschland indizierte Medien angeboten würden, sei kein Einzelfall - das täten zahlreiche andere internationale Webshops selbstverständlich auch: "Ich verstehe nicht, warum gerade wir zur Verantwortung gezogen werden sollen."

Bei der BPJM, die am Ende über die mögliche Indizierung eines jeden Medienangebotes zu entscheiden hätte, will man sich zum laufenden Verfahren nicht äußern. Die stellvertretende Vorsitzende der Bundesprüfstelle Petra Meier erklärt jedoch: "Es gab schon Verfahren zu anderen Internetangeboten, die indizierte Spiele oder CDs angeboten haben." Web-Seiten würden aber nicht deshalb indiziert, weil man dort etwas bestellen könne, sondern immer nur dann, wenn die Prüfstelle dort Bilder, Texte oder andere Materialien fänden, die als jugendgefährdend eingestuft würden.

Genau das ist in den Augen des Anwalts und Internetrecht-Fachmannes Udo Vetter die Crux: Gameware.at zeige kein jugendgefährdendes Material und könne deshalb auch nicht indiziert werden. Vetter: "Sie könnten ja auch keinen Buchladen indizieren, weil der indizierte Bücher auf dem Grabbeltisch liegen hat."

Wenn überhaupt, bliebe nur der Weg, gegen einen Anbieter strafrechtlich vorzugehen. Das Vorgehen der KJM aber halte er für einen "grandiosen juristischen Irrweg", hier werde versucht, "unter dem Deckmantel des Jugendschutzes Totalzensur zu betreiben".

"Wir haben keine Spieletrailer auf der Seite"

Die KJM begründet ihren Antrag an die BPJM explizit auch mit Bildmaterial auf den Seiten von Gameware.at: Dort würden, heißt es in dem Antrag unter anderem, "Werbetrailer und Videotestberichte" gezeigt. Genau das aber bestreitet Mark Rehm von Gameware.at: "Wir haben keine Spieletrailer auf der Seite."

Anwalt Vetter ist nach einem Blick auf das Angebot überzeugt, dass die wenigen auf den Seiten gezeigten Spiel-Screenshots auf keinen Fall ausreichen, um als Indizierungskriterium im Sinne des Gesetzes auszureichen: "Das isolierte Bild als solches führt ja nicht dazu, dass Jugendliche in ihrer Entwicklung gehemmt werden."

Die KJM verweist auf Trailer, die zwar nicht unter Gameware.at direkt abrufbar, aber auf der "ersten Linkebene" zu finden seien, also auf anderen Webseiten, zu denen der österreichische Webshops Links bereithält - dort seien dann teilweise direkt Spieletrailer für indizierte Titel abrufbar.

Mark Rehm sagt, Gameware.at versuche nun, "einen Dialog mit der KJM herzustellen", um herauszufinden, welche Wünsche die deutschen Jugendschützer genau an das eigene Angebot hätten. Verena Weigand von der KJM erklärte, man sei selbstverständlich bereit, sich mit den Betreibern an einen Tisch zu setzen.

Wäre der Antrag auf Indizierung erfolgreich, müsste der Betreiber - nach deutschem Recht - theoretisch dafür sorgen, dass verifizierbar und sicher nur Menschen über 18 die Seite besuchen können. Etwa, indem er nur Besucher hereinließe, die sich vorher einem PostIdent-Verfahren unterzogen haben. Täte er das nicht, würde er sich strafbar machen - wie gesagt, nach deutschem Recht.

Eine Sperrung der Seite wäre höchstens über den Provider möglich, bei dem die Seite gehostet wird - im Falle eines österreichischen Anbieters scheint eher unwahrscheinlich, dass der sich durch eine Indizierung in Deutschland beeindrucken lassen würde. Ebenfalls möglich wäre, dass Suchmaschinen die Seite aus ihrem Index entfernen, sie dann also über Google, Yahoo, Bing und Co nicht mehr gefunden werden könnte. Aus dem Netz tilgen könnte man ein Angebot mit all diesen Mitteln nicht. Bleibt abzuwarten, wann deutsche Politiker auf die Idee kommen, das gestern verabschiedete Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu Kinderpornografie auch auf indizierte Web-Seiten auszudehnen. Erste ähnliche Forderungen gibt es bereits.

Inwieweit eine deutsche Staatsanwaltschaft einen österreichischen Anbieter, der trotz Indizierung einfach weiter macht, tatsächlich verfolgen würde, ist derzeit unklar.

Sicher ist: Gingen deutsche Behörden ab jetzt flächendeckend gegen alle internationalen Anbieter vor, die in frei zugänglichen Web-Shops in Deutschland indiziertes Material feilbieten, würde eine gewaltige Welle von Verfahren und Strafandrohungen über deutsche Grenzen ins Ausland rollen, und zwar in praktisch jede Himmelsrichtung. Denn der deutsche Jugendschutz gilt als einer der strengsten der Welt.

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