Überwachung: Wer hat uns verraten? Metadaten!

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Vorratsdaten: Wer, wann, mit wem, wie lange Fotos
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Vorratsdaten, Mindestdaten, Metadaten: Was ist schon dabei, wenn Behörden wissen, mit wem wir telefonieren, chatten, mailen? Der analytische Blick auf unsere Kommunikation verrät mehr, als wir ahnen. Das kann man selbst ausprobieren.

Wer hat mit wem telefoniert? Wann? Wie lange? Mit welchem Telefon? Und von wo?

Diese Informationen nennt man Verbindungs-, Verkehrs- oder Metadaten. Solche Daten gibt es auch für das Surfen im Internet und das Verschicken von E-Mails.

Der Geheimdienst NSA sammelt Verbindungsdaten offenbar heimlich in den USA und in Deutschland. In der Europäischen Union gibt es seit sieben Jahren eine Richtlinie, nach der Unternehmen diese Daten aufbewahren müssen, zwischen sechs Monaten und zwei Jahren: die Vorratsdatenspeicherung, für den Fall, dass Ermittler später darauf ganz legal zugreifen wollen. Bei CDU und CSU heißt dasselbe euphemistisch Mindestspeicherfrist.

Deutschland ist das einzige EU-Land, in dem derzeit kein Gesetz zur Aufbewahrung dieser Daten gilt. Das ist vor allem dem Widerstand der FDP zu verdanken, Union und SPD wollen die Speicherpflicht einführen. Angesichts der Enthüllungen um geheimdienstliche Internetüberwachung wächst allerdings auch innerhalb der großen Parteien die Kritik an der Erfassung sämtlicher Verbindungsdaten.

Auswertung schneller und genauer

Der Zugriff für deutsche Ermittler soll strikt geregelt werden, die NSA greift dagegen offenbar unkontrolliert auf deutsche Daten zu. Doch auch die ständige Erfassung der Kommunikation streng nach Gesetz, das Vorhandensein des Datenspeichers, schränkt unsere Freiheit ein. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Letztlich werden dadurch die Unbefangenheit und das Vertrauen in die digitale Kommunikation beeinträchtigt."

Der Jurist Michael Biendl hat sich ausführlich mit der Speicherung von Vorratsdaten beschäftigt. "Bei Metadaten ist die maschinelle Auswertung viel genauer und funktioniert schneller, mit den richtigen Tools lassen sich daraus ausführliche Informationen ziehen", sagt Biendl. "Die konkrete Umsetzung wirft viele Fragen auf und zeigt Risiken, da kann man sich schon fragen, ob dieser Eingriff in unsere Rechte es wert ist."

Da ist Biendl der gleichen Meinung wie der NSA-Whistleblower Edward Snowden. In dem im aktuellen SPIEGEL veröffentlichten Interview sagt Snowden, Metadaten seien meist "wertvoller als der Inhalt der Kommunikation". (Hier kommen Sie direkt zu dem Interview mit Edward Snowden im aktuellen SPIEGEL).

Wie sehr Metadaten einen Einblick in unserer Leben geben, können Nutzer von Googles Maildienst und Facebook selbst ausprobieren:

  • Für Google Mail haben Forscher des Massachusetts Institute of Technology ein Programm namens Immersion entwickelt. Erlaubt man diesem den kompletten Zugriff auf die eigenen E-Mails, werden alle Kontakte analysiert: Wer hat einem mit wem bekannt gemacht, mit wem hat man in welchem Zeitraum besonders viele E-Mails ausgetauscht, welche Kontakte hängen zusammen.

  • Die Suchmaschine Wolfram Alpha kann die eigenen Facebook-Freunde untersuchen. Heraus kommen unter anderem zwei Grafiken, auf denen das Beziehungsgeflecht der Facebook-Freunde dargestellt wird. Dabei erkennt Wolfram Alpha verschiedene Gruppen von Freunden, zum Beispiel Schulfreunde, Studiumsfreunde, Arbeitskollegen und Sportverein. Aus der Grafik lässt sich erkennen, welche Kontakte besonders wichtig für den Zusammenhalt des Netzwerks sind und welche Brückenfunktionen einnehmen.

Vorsicht: Die Programme analysieren Metadaten, haben aber theoretisch auch auf Inhalte Zugriff. Wir empfehlen deshalb, nur die Demo-Version von Immersion auszuprobieren, die nicht auf Ihre Daten zugreifen kann. Und den Blog-Eintrag zur Facebook-Analyse zu lesen.

Das soziale Umfeld auf einen Blick - dafür müssten Ermittler wirklich viele Telefonate abhören und E-Mails durchlesen. Die Beispiele geben einen ersten Hinweis darauf, was einzelne Unternehmen über ihre Nutzer wissen. Behörden können diese Daten mit richterlichen Beschlüssen legal abfragen und zum Beispiel mit Verbindungsdaten von Providern zusammenführen. Diesen Firmen vertrauen wir mindestens so viele Geheimnisse an wie Facebook oder Google.

Mobiltelefon als Ortungswanze

Denn wer ein Smartphone mit sich herumträgt, verbindet sich wahrscheinlich regelmäßig mit dem Internet. Jedesmal fällt ein Datensatz an, der unter anderem den Aufenthaltsort beinhaltet. Frank Rieger vom Chaos Computer Club warnt: "Durch die ungebremste Aufzeichnung der digitalen Spuren wird das Mobiltelefon mehr und mehr zu einer Ortungswanze." Mit einer Analyse-Software kann so ein Bewegungsprofil erstellt werden.

Wie das aussehen kann, hat der Grünen-Politiker Malte Spitz gezeigt. Für einige Zeit wurden auch in Deutschland Vorratsdaten gespeichert, bis das Verfassungsgericht das Gesetz 2010 wegen handwerklicher Mängel wieder kassierte, mittlerweile gilt mit der Bestandsdatenauskunft eine Art Vorratsdatenspeicherung light. Spitz erstritt sich vor Gericht von der Telekom einen Satz seiner Verbindungsdaten. Die hat er im Netz veröffentlicht, jeder kann sehen, wo Spitz sich von August 2009 bis Februar 2010 aufgehalten hat.

Wer derart automatisch überwacht wird, muss schon einige Anstrengungen unternehmen, um etwas zu verbergen. Was aber sollen die Ermittler erst denken, wenn man praktisch ständig sein Smartphone dabei hat, dieses an ein paar Tagen aber ausgeschaltet in der Schublade hat liegen lassen? Macht einen das nicht noch verdächtiger?

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insgesamt 104 Beiträge
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1. Ausspähgesetze
fraecael 09.07.2013
Die Ausspähgesetze von Union & SPD könnten verfassungswidriger gar nicht sein.
2.
Asturaetus 09.07.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEVorratsdaten, Mindestdaten, Metadaten: Was ist schon dabei, wenn Behörden wissen, mit wem wir telefonieren, chatten, mailen? Der analytische Blick auf unsere Kommunikation verrät mehr, als wir ahnen. Das kann man selbst ausprobieren. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/vorratsdatenspeicherung-wer-hat-uns-verraten-metadaten-a-909942.html
Da hätte man den Spruch für die Überschrift auch nicht abwandeln brauchen. Das Original hätte auch gepasst: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!"
3. Und noch weiter...
helmutvan 09.07.2013
Macht man sich denn nicht per se verdächtig, wenn man gar kein Smartphone hat? Denn das wissen die Behörden sicherlich auch schon.
4. Nein...
dunham 09.07.2013
...auch alle anderen sind der NSA bekannt - solange die Behörden Windows benutzen auch diejenigen, die nie einen Computer oder ein Handy besessen haben!
5.
kdshp 09.07.2013
Zitat von AsturaetusDa hätte man den Spruch für die Überschrift auch nicht abwandeln brauchen. Das Original hätte auch gepasst: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!"
Dazu noch "Und die Union aus CDU/CSU hat noch einen draufgesetzt"!
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