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EU-Wahlwerbespot: "Voteman" blamiert dänisches Parlament

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Mit einem drastischen Kurzfilm wollten dänische Politiker wahlmüde Bürger zur Stimmabgabe für das EU-Parlament motivieren. Der Spot löste Empörung aus und wurde zurückgezogen. Trotzdem könnte sich die Aktion gelohnt haben.

Als das Nichtwähler-Alarmtelefon schrillt, rastet "Voteman" aus. Der Muskelprotz mit der behaarten Brust entledigt sich der fünf Frauen, die ihm gerade einen Blowjob verpassen, und geht auf Wahlverweigerer-Jagd. Er bewirft sie mit den Sternen der Europa-Flagge. Zerrt sie aus dem Bett, reißt ihnen den Kopf ab oder boxt sie per Bodycheck in die Stimmkabine. So hat er es sich einst geschworen - als er selbst eine Wahl schwänzte und daraufhin nicht über die Klimapolitik mitbestimmen konnte. Und darüber, wieviel Zimt ein Zimtteilchen haben darf. Schließlich richtet "Voteman" seine massige Faust auf die Nichtwähler hinter der Kamera. Und schlägt zu.

"Wähle am 25. Mai. Wähle das Europaparlament", lautet die Botschaft des Zeichentrick-Clips. "Voteman" ist der offizielle Werbespot des Folketing, des dänischen Parlaments. Genauer gesagt: Er war es. Erst gestern, am Montag, hat der Folketing das anderthalb Minuten kurze Video veröffentlicht. Und heute morgen, am Dienstag, hat ihn das Parlament schon wieder zurückgezogen: Zu heftig waren die Proteste gegen den Streifen. Doch im Internet kursiert er weiter.

Mit dem Cartoon wollte das Parlament wahlmüde Bürger an die Urnen bringen. "Wir versuchen, die ganz jungen zu inspirieren", sagte Parlamentspräsident Mogens Lykketoft bei Veröffentlichung des Spots. "Eine hohe Wahlbeteiligung ist wichtig, also nutzt man jede Methode, die es gibt." Im Plenum habe es ein paar Diskussionen gegeben, "aber ich denke, der Spot ist harmlos. Man kann viel Schlimmeres finden."

Das Publikum sah dies anders. Binnen weniger Stunden verbreitete sich der Streifen im Internet. Laut dänischen Medienberichten protestierten Hunderte gegen den ihrer Ansicht nach sexistischen und gewaltverherrlichenden Clip, ein Abgeordneter nach dem anderen distanzierte sich, nur wenige lobten den Spot als innovativ und witzig.

Am Dienstag morgen um Punkt 10 Uhr löschte das Parlament dann den 200.000 Kronen (rund 26.700 Euro) teuren Streifen aus seinem YouTube-Kanal. "Viele, deren Meinung ich zutiefst respektiere, empfanden den Cartoon als schädlicher und anstößiger, als er gemeint war", sagte Lykketoft der Zeitung "Ekstra Bladet". Für den Folketing ist es ein PR-Debakel, aber es hat auch einen positiven Nebeneffekt: Jetzt weiß in Dänemark wirklich jeder, dass übernächstes Wochenende Europawahl ist.

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Hab' ihn gerade angeschaut...
MatthiasSchweiz 13.05.2014
So blöd, dämlich, gewaltverherrlichend und sexistisch, dieser Clip - aber passt vom Niveau irgendwie voll zur EU...
2.
marthaimschnee 13.05.2014
Also für jemanden, der über "American Dad" oder "Drawn Together" lachen kann, ist der Spot ein echter Brüller. Brutal, zynisch, völlig überzogen, einfach Klasse. Nur ob er jemanden zum Wählen bringen würde, hab ich ernsthafte Zweifel. Auf alle Fälle ein Meisterwerk der zweifelhaften Art, das unbedingt konserviert werden muß!
3. Die NWO
Mundräuberin 13.05.2014
lässt grüssen. Ganz eindeutig deren Handschrift. Im Übrigen ist es keine Europa Wahl, sondern eine EU Wahl. Für Europa fehlen > 20 Staaten.
4. Der Film ist genial....
Lankoron 13.05.2014
das ist um Welten besser als diese "kostenlose Wahlwerbung", die hierzulande rumdudelt. Aber vermutlich finden die Leute, die den Film kritisieren, Aussagen wie "Wählt und, wenn ihr gegen Tierversuche seid" ganz toll. Mittlerweile frage ich mich: Wo bleibt Diskussion, Auseinandersetzung, konträre Standpunkte...es geht nur noch um politisch korrekt, niemandem wehtun, allen alles recht machen. Es ist eigentlich ein Wunder, das sich ab und an Leute trauen, aus diesem Einheitsbrei auszubrechen. Ach ja...wer wirbt denn in Deutschland neutral um Teilnehmer an der Wahl...in manchen Ecken Deutschlands gibt es meilenweit keine Wahlplakate, geschweige denn Info-Veranstaltungen. Aber man will vermutlich auch keine starke Beteiligung für ein Parlament, das Mitspracherechte bei der Farbe des Klopapiers sicherlich für bedeutsame Fortschritte hält.
5. Passend
dibexxx 13.05.2014
Dieses Werbevideo ist der EU-(Wahl) uneingeschränkt angemessen.
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