Wachsender Druck: Paypal stoppt Geldfluss an WikiLeaks

Für WikiLeaks wird die Arbeit noch schwieriger. Der Bezahldienst Paypal setzt WikiLeaks vor die Tür und hat das Konto gesperrt, über das bisher viele Spenden flossen. "Verletzung der Nutzungsbedingungen" wegen "Förderung illegaler Aktivitäten", lautet die Begründung.

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AFP

Hamburg - Spenden zur Unterstützung der Enthüllungs-Plattform WikiLeaks können nicht mehr über den Bezahldienst Paypal abgewickelt werden. Die Tochter der Handelsplattform Ebay teilte auf ihrer Blogseite thepaypalblog.com mit, wegen "Verletzung der Nutzungsbedingungen" sei das von WikiLeaks genutzte Konto dauerhaft gesperrt worden. Paypal schließt die Benutzung seiner Dienste aus, wenn dadurch "illegale Aktivitäten unterstützt, begünstigt oder bereitgestellt" würden.

Nach Angaben von WikiLeaks-Gründer Julian Assange braucht die Plattform pro Jahr mindestens 200.000 Dollar an Spenden, um den Betrieb aufrechtzuerhalten - besser noch 600.000 Dollar. Eine wichtige Geldquelle ist die Wau-Holland-Stiftung in Deutschland. Auch sie konnte am Samstag keine Paypal-Zahlungen empfangen.

"PayPal hat uns mitgeteilt, dass wir die Nutzungsbedingungen in Hinsicht auf finanzielle Unterstützung von WikiLeaks verletzen, und hat unseren Zugang gesperrt", twitterte die Wau-Holland-Stiftung am Samstagvormittag. Nach Informationen des Magazins "Focus" waren in kürzester Zeit nach Veröffentlichung der US-Diplomatendossiers 15.000 Euro von Sympathisanten aus aller Welt bei der Stiftung eingegangen.

WikiLeaks steht unter starkem Druck vor allem aus der US-amerikanischen Politik; auch im Web häufen sich die Angriffe:

  • Immer wieder verschwindet die Website der Organisation aus dem Netz, offenbar auf Grund von Hacker-Attacken.
  • Am Donnerstag verkündete der Internethändler Amazon, bei dem man auch Internet-Speicherplatz anmieten kann, man werde die WikiLeaks-Dokumentensammlung von den eigenen Servern verbannen. WikiLeaks habe gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen. Ein Kunde müsse Rechte an verbreiteten Inhalten haben, und diese dürften niemandem schaden. Zitat: "Es ist klar, dass WikiLeaks nicht über die Rechte an den vertraulichen Dokumenten verfügt." Und angesichts von mehr als 250.000 US-Diplomatendepeschen sei nicht gesichert, dass Unschuldige ausreichend geschützt seien.
  • Und seit Freitagmorgen ist die gewohnte Internetadresse WikiLeaks.org nicht mehr zu erreichen - veranlasst durch den US-Dienstleister EveryDNS. Über andere Adressen ist WikiLeaks aber weiter zu erreichen, inzwischen auch wieder über die Schweizer Adresse WikiLeaks.ch, eine offizielle Ausweichadresse, die auf die Piratenpartei des Landes registriert ist. Auch WikiLeaks.de funktioniert.
  • Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge sucht auch die französische Regierung derzeit nach Wegen, WikiLeaks aus dem eigenen Land zu vertreiben. Industrieminister Eric Besson habe an Ministerialbeamte einen Brief geschrieben, in dem unter anderem folgende Aufforderung zu lesen sei: "Ich bitte Sie, mir so bald wie möglich mitzuteilen, welche Handlungsmöglichkeiten wir haben, damit diese Internetseite nicht mehr in Frankreich gehostet wird." Die Situation sei nicht akzeptabel. Eine Seite, die "Geheimnisse diplomatischer Beziehungen verletzt und Menschen in Gefahr bringt", dürfe nicht auf einem Server in Frankreich beheimatet sein. Grund für die Intervention des Ministers: Eine Kopie von WikiLeaks liegt derzeit auch auf den Servern des französischen Unternehmens OVH - nach der Verbannung durch Amazon.

Die Schweizer Internetadresse von WikiLeaks war am späten Freitagabend durch EveryDNS.net, den bisherigen US-Provider der Seite, deaktiviert worden - keine Überraschung, denn der Provider hatte zuvor schon die ursprüngliche Webadresse WikiLeaks.org abgeschaltet. Die Inhalte von WikiLeaks.ch seien bereits rund zwei Stunden später die Inhalte auf neue Server übertragen worden, teilte die Schweizer Piratenpartei am Samstag mit. Zuvor hatte sie eine Liste mit 21 alternativen Adressen veröffentlicht, über die WikiLeaks abgerufen werden kann, darunter auch eine von der deutschen Piratenpartei eingerichtete Seite.

Ein, zwei, viele WikiLeaks

Regierungen, die erbost sind über die Veröffentlichung Hunderttausender diplomatischer Depeschen von US-Botschaften, versuchen derzeit intensiv, die Spielräume von WikiLeaks zu verkleinern und die Seite möglichst ganz aus dem Netz zu verbannen. Damit begeben sie sich auf das Terrain von trickreichen Web-Kennern. Längst gibt es nicht nur eine Seite, sondern viele WikiLeaks - und auch vielfältige Formen der lautstarken oder stillen Unterstützung, inklusive Spendenappelle oder Amazon-Boykottaufrufe.

Die radikale Haltung von WikiLeaks-Gründer Julian Assange und seiner Mitstreiter wurzelt in einer Hacker-Ethik, die in den Grundzügen bereits ein Vierteljahrhundert alt ist (siehe Kasten oben links). Die Thesen ihres Schöpfers Steven Levy haben in der digitalen Gegenwart massive, weltverändernde Auswirkungen.

Deutsche Hacker schätzen Steven Levy, erkannten aber schon in den achtziger Jahren, dass das Ideal totaler Informationsfreiheit beileibe nicht überall mehrheitsfähig ist. Wau Holland, 2001 gestorben, war einer der Gründer des Chaos Computer Clubs und ein Vordenker des digitalen Zeitalters; nach ihm ist die Stiftung benannt, die heute finanziell zu den wichtigsten WikiLeaks-Stützen gehört und deren Konto von PayPal gesperrt wurde. Holland ergänzte Levys Regeln damals um zwei weitere. Auf den Web-Seiten des CCC ist bis heute diese ergänzte Version der Hacker-Ethik zu finden.

Der ersten der beiden angefügten Sätze lautet: "Mülle nicht in den Daten anderer Leute" - eine wohlmeinende Ermahnung an die jugendlichen Hacker von damals, sich bei ihren Datenstreifzügen durch die Großrechner in Forschungseinrichtungen und Regierungsbehörden überall im Westen nicht zum Vandalismus hinreißen zu lassen. Die zweite hollandsche Ergänzung aber ist eine, die aus heutiger Sicht - mit Blick auf Facebook, Vorratsdatenspeicherung und Datenschutzdebatte - nachgerade prophetisch klingt. Sie lautet: "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen."

jol/dpa/AFP

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Forum - Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
insgesamt 1160 Beiträge
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1.
Ty Coon 04.12.2010
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
Sehr viel. Vertrauliche Gespräche sind die Grundlage der Diplomatie. Wenn es allerdings darum geht, verbrecherische Machenschaften aufzudecken, dann sind solche Plattformen wie WikiLeaks legitim.
2. ...bestenfalls
eikfier 04.12.2010
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
...die Frage ist natürlich völlig berechtigt? Schließlich hat kein Geringerer als unser späterer Bundespräsident Gustav Heinemann mal geseufzt:"...regiere du mal dieses Welt!" - und meinte damit sicherlich auch unsere gehaßt-geliebten und in jedem demokratischen Falle dringend benötigten Journalisten, ist meine Meinung - Wer den Journalisten nicht nur in Gedanken, sondern tatsächlich einen Maulkorb umhängt, dem geht´s mindestens so wie Kaiser WilhelmII. in der bekannten "Feuerzangenbowle", wenn er nicht sogar Micky-Leaks zu ungeahnter Popularität verhilft - ein bißchen schlimm, ein bißchen doof, ein bißchen lächerlich, denke ich bestenfalls...
3. Wieviel Wahrheit traut man dem Souverän zu?
Sharoun 04.12.2010
Aus teilweise nachvollziehbaren Gründen trauen Exekutive und Legislative ihrem Wahlvolk nicht über den Weg. Allright; das sollte dann aber auch so benannt werden und nicht die übergroße Fahne einer allgegenwärtigen Mitbestimmung -verwirklicht in dieser und durch diese Gesellschaft- geschwenkt werden. Denn das ist nur noch Verhöhnung!
4. PayPal Konto gelöscht
sieben777 04.12.2010
Wir Internet-Nutzer sind nun gefragt. Wehren wir uns gegen dieses Doppelmoral-System? Warum beachten jetzt plötzlich PayPal und Amazon ihre eigenen AGBs? Warum funktioniert die Löschung der verschiedenen Webseiten von Wikileaks so zügig aber bei den der Kinderporno Seiten denn nicht??? Da kann etwas nicht stimmen.
5. Paypal, DNS, Hosting für Wikileaks abgestellt.
maximillian64 04.12.2010
Die sukzesive Verabschiedung der USA von der Meinungsfreiheit ist wie jede Aufgabe von Grundrechten im Tausch gegen Sicherheit ist ein Punktsieg der Kräfte mit all den Gesetzten eigentlich Bekämpft werden sollen. Das Internet ist heute nur noch für cyber- und echte- krimminelle und wirklich frei. Was meinen die Strafverfolger, Politiker und Serviceprovider in den USA den wo WikiLeaks demnächst gehostet wird und spenden einsammelt? Wenn der Druck so weiter aufrecht erhalten wird wird auch die Schweiz und andere Nationen dem Portal die Gastfreunschaft kündigen. Wikileaks wird dann wohl bald bei den gleichen Providern gehostet die Heute bereits Al Quaida Blogs und deren Paymentprovider hosten? Verkehrte Welt!
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Steven Levys Hacker-Ethik
1. Zugang zu Computern - und sonst allem, was einem etwas über das Funktionieren der Welt beibringen könnte - sollte unbegrenzt und vollständig sein.
2. Eigenhändiger Zugang soll stets den Vorrang haben.
3. Alle Information sollte frei sein.
4. Misstraue Autorität - fördere Dezentralisierung.
5. Hacker sollten nach ihren Hacks beurteilt werden, nicht aufgrund von Scheinkriterien wie Abschlüssen, Alter, Rasse oder Position.
6. Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.
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