Aufgewacht in einem Albtraum Wir müssen aus unseren Fehlern lernen. Sonst ist Trump unser kleinstes Problem

Die Wahl von Donald Trump zeigt, wie Meinungsforscher und Medien an den Mechanismen moderner Meinungsbildung scheitern. Für liberal denkende Menschen erwächst daraus eine neue Aufgabe.

Enttäuschte Clinton-Anhänger (in Peking)
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Enttäuschte Clinton-Anhänger (in Peking)

Eine Kolumne von


Nicht aus einem, sondern in einem Albtraum aufgewacht. Die Welt ist jetzt eine andere, und keine bessere. Das Dümmste und Gefährlichste wäre jetzt, auf die "doofen Amerikaner" zu schimpfen und zu glauben, das sei der Grund für Trumps Wahl. In Deutschland doppelt. Das, was Trump an die Macht gespült hat - das ist um uns und in uns, überall, auch hier. Das lässt sich nicht nur am Brexit erkennen, an Polen und Ungarn, an Le Pen und Hofer. Und der AfD.

Die Wahl von Trump markiert das Ende vieler Gewissheiten, vielleicht ist die bessere Formulierung auch: unserer Gewissheiten. Wir, das sind in diesem Fall die demokratischen, irgendwie liberal gesinnten, aufklärerischen Sphären zwischen Medien, Politik, Öffentlichkeit. Wir, die tendenziell Progressiven samt dazugehöriger Multiplikatoren und unserer Methoden. Trumps Wahl ist auch ein Symptom unseres Versagens, ausreichend viele Leute zu überzeugen. Es ist Zeit, die Gewissheiten zu überprüfen und vor allem die Konsequenzen, die wir daraus gezogen haben.

Es beginnt mit den Umfragen, den politischen Vorhersagen, den Demoskopen. In Zeiten der angeblich besten und präzisesten Vorhersageinstrumente, in denen mit Big-Data-Tools um sich geworfen wird, ist die Genauigkeit der Prognosen schlechter als je zuvor. Meinungsforschung ist planlos und konfus geworden.

Implizit wird deutlich: Vorhersagen der Zukunft aus Daten der Vergangenheit und Gegenwart können immer nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zutreffen. Der Realität entsprechen sie nicht. Erst recht nicht, wenn es um die Unwägbarkeiten menschlichen Verhaltens geht.

Ein Übergang zu den Gefühlsmedien

Die Frage ist, ob traditionelle Medien ihre Macht, ihre Deutungshoheit bloß verloren haben - oder sie gar ins Gegenteil verkehrt worden ist. Was sind Enthüllungen noch wert, wenn man sie ignorieren kann? Oder wenn die Enthüllung der falschen Verwendung eines Mailservers für relevanter gehalten wird als Rassismus, Sexismus, Betrügereien, schiere Menschenfeindlichkeit, Hass? Ist Trump womöglich nicht trotz, sondern wegen der vielen medialen Clinton-Empfehlungen gewählt worden?

Die Verantwortung der Medien wird damit nicht geringer. Sie haben nach wie vor eine Wirkung. Nur eben nicht mehr die, die man ihnen in Demokratien zugehofft hat. Die schiere Aufmerksamkeitsmaschinerie klassischer Medien war der Beginn und das Rückgrat von Trumps Kampagne. Aber die begleitende Bewertung hat sich als weitgehend unbedeutend entpuppt. Die Ausdeutung der Aufmerksamkeit geschieht inzwischen woanders.

Trumps Sieg ist auf sozialen Medien aufgebaut. Es ist Unfug, hier von "Schuld" zu sprechen. Erst recht nicht in monokausaler Weise. Aber ohne Twitter, ohne Facebook, ohne Blogs wäre Trumps Sieg kaum denkbar gewesen. Die Welt wendet sich von der bürgerlichen Medienwelt des 20. Jahrhunderts und ihrem journalistischen Prinzip der Mäßigung ab. Von dem Prinzip, Nachrichten als Berichterstattung zu betrachten, objektiv und ausgewogen.

Auch wenn dieser Grundsatz nicht immer eingehalten wurde, wurde er doch zumindest als Anspruch formuliert. Die Welt wendet sich den sozialen Medien, deren Ziel und Treibstoff Emotionen sind, zu. Es ist ein Abschied von den Rationalmedien und ein Übergang zu den Gefühlsmedien. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie dieser Übergang politisch zu gestalten ist - die Rechtsextremen dagegen schon.

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Wir sehen, wie eine sozialmediale Öffentlichkeit wirken kann. Wie die lange als linkes Gedankenkonzept betrachtete Gegenöffentlichkeit real geworden ist - aber als rechtes und rechtsextremes Netzgebilde. Diese Gegenöffentlichkeit hat in Hunderten Millionen Menschen etwas zum Klingen gebracht, Wut, Hass, Empörung.

Trumps Wahl ist eine Botschaft

Dass das politische, mediale, gesellschaftliche Establishment derart intensiv verachtet werden kann, dass man einen rassistischen, sexistischen, völlig unerfahrenen, manipulierbaren und naiven Mann wie Trump wählt - das ist die eindringlichste Botschaft dieser Wahl an die Welt. Politikverdrossenheit hört sich an wie ein etwas sprödes, von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgedachtes Wort. Aber dahinter kann sich der Faschismus erheben.

Trumps Wahl ist deshalb eine Botschaft, die jede auch nur halbwegs demokratische Person verinnerlichen muss. Das machtvollste Überwachungssystem aller Zeiten, verbunden mit einer drohnenbasierten, international angewendeten Tötungsmaschinerie, den Codes für Atombomben, ist nun in den Händen eines jähzornigen, narzisstischen, menschenfeindlichen Lügners.

Ähnliches kann auch in Deutschland passieren. Diejenigen, die die Instrumente von NSA und Co. verharmlost haben, weil sie glaubten, Demokratie sei auf ewig garantiert, die glaubten, Staatsapparate dürften mit unkontrollierter und unkontrollierbarer Macht ausgerüstet werden, die glaubten, es werde schon gut gehen, die müssen ihre bitteren Fehler erkennen.

Wo haben wir ignoriert, statt hinzusehen?

Und wir - ich auch - müssen unsere Fehler erkennen. Dringend. Wir, die publizistisch und aktivistisch gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gekämpft haben, hier in Europa. Wir müssen unsere Fehler in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren analysieren und daraus Konsequenzen ziehen. Wo haben wir gehofft, statt zu erkennen? Wo haben wir ignoriert, statt hinzusehen? Wo haben wir geschwiegen und geduldet, statt zu sprechen und zu handeln? Wo lagen wir schlicht und ergreifend falsch?

Denn wir haben es hier in Deutschland, in Europa mit denselben Leuten, denselben Gefühlen zu tun wie in den USA. Wir haben oft dieselben Instrumente und Ansätze für politische Bildung, inhaltliche Überzeugung, moralische Grenzsetzung benutzt, die offensichtlich nicht funktionieren.

Die Wahl von Trump ist damit das Ende unserer Gewissheit, wir wüssten, wie die dunkle, wütende, hassende Seite in uns allen zu besiegen sei. Besonders in denjenigen, die Lügenmedien rufen, sich nicht scheuen, rassistische Gewaltaufrufe ins Netz zu schreiben, und hassen. Deutschlands Trump ist eine Partei als Spitze einer Bewegung. Und wenn wir hier, in diesem Land, nicht umgehend herausfinden, wie solche Bewegungen zu stoppen sind, und danach handeln - wird Trump unser kleineres Problem.

tl;dr

Wie lässt sich eine Bundeskanzlerin Frauke Petry verhindern? So, wie wir bisher dachten, geht es offenbar nicht.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine


insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
amater 09.11.2016
1. Ihr lieben Amerikaner!
Ihr habt es geschafft! Ich bin stolz auf Euch! Das war ein entscheidender Schlag gegen die homogenen und voreingenommenen Medien, die von intelektuellen Illusionisten geprägt werden, gegen die unsägliche Frau Merkel, sowie gegen die Klimalüge, unter deren Schutz tausende Profiteure aus aller Welt den Klimafonds verbraten. Es war auch der erste Schritt in Richtung einer Aussöhnung mit Russland und daher in Richtung nachhaltigen Weltfriedens.
csm101 09.11.2016
2. Verhindern?
ist ganz einfach: geht einfach mal auf die Straße und unterhaltet euch mit den Menschen. Findet heraus, was sie wollen und ob die Meinungen, die geäußert werden, die Mehrheit sind. Und dann setzt es um. 82 Prozent der Befragten einer Spiegel-Umfrage haben gesagt, sie sind nicht mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin einverstanden und ein Kurswechsel müsste vollzogen werden. Und was ist geschehen? Ja, genau...
schoenwetterschreiberling 09.11.2016
3.
Sascha Lobo hyperventiliert, und ich kriege mich nicht mehr ein vor Vergnügen! Auf die Pirouetten, die Spitzenpolitiker und Medien jetzt hinlegen werden, freue ich mich seit einem halben Jahr. Und da mein Account aus Gründen, die wohl nur der Liebe Gott kennt, gesperrt worden ist, geht der Kommentar sowieso nicht durch. In diesem Sinne ein fröhliches Hellau!
dazumeinensenf 09.11.2016
4. Willkommen ...
in einer postfaktischen Zeit!
sapereaude! 09.11.2016
5. Wir sind die Guten!
---Zitat--- Wir, das sind in diesem Fall die demokratischen, irgendwie liberal gesinnten, aufklärerischen Sphären zwischen Medien, Politik, Öffentlichkeit. Wir, die tendenziell Progressiven samt dazugehöriger Multiplikatoren und unserer Methoden. ---Zitatende--- Lieber Herr Lobo, wie arrogant und egozentrisch kann man denn sein? In philosophischen, ethischen, moralischen, politischen Fragen gibt es keine absoluten Wahrheiten. Es gibt kein "eindeutig richtig" und kein "eindeutig falsch" - höchstens in ganz seltenen Fällen. Akzeptieren Sie doch, dass es Menschen gibt, die beispielsweise unter Gerechtigkeit etwas anderes verstehen als Sie oder ich. Auch die Vorstelleungen von einer "guten" Gesellschaft oder davon, wie die Welt sein sollte, divergieren bei vielen Menschen. Das muss Ihnen ja nicht gefallen, aber ein bisschen Respekt den Wünschen und Träumen anderer Menschen gegenüber sollten Sie schon aufbringen. Fragen Sie sich mal kritisch, ob Sie nicht genau dem gleichen Denkmuster folgen, dem auch religiöse Fanatiker folgen. Die sind auch davon überzeugt, dass ihre Sicht der Dinge die einzig richtige ist. Ebenso politische Fanatiker. Sie sind nicht Luke Skywalker und Donald Trump ist nicht Darth Vader. Und ich wage zu prognostizieren, dass auch nach dem Amtsantritt Donald Trumps die Welt nicht untergehen wird.
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