Von Ole Reißmann
Es war der Traum der Cyberpunks: Ein Offshore-Rechenzentrum, aufgestellt auf einer Plattform in internationalen Gewässern, fernab staatlichen Zugriffs, losgelöst vom herkömmlichen Rechtssystem. So wie ein Steuerparadies, nur für Daten.
Lange Zeit existierten solche data havens nur in den Romanen der Science-Fiction-Autoren, zum Beispiel in Neal Stephenson "Cryptonomicon". Bis der damals 21-jährige Amerikaner Ryan Lackey im Jahr 2000 zusammen mit Kollegen das Unternehmen HavenCo gründete. Ihre Server brachten sie auf Sealand unter, einer ehemaligen britischen Flakplattform in der Nordsee, in deren Betonstelen während des Zweiten Weltkriegs über hundert Soldaten untergebracht waren.
Doch die Cyperpunk-Utopie vom unreglementierten Internet scheiterte - und James Grimmelmann, Professor an der New York Law School, hat nun im "University of Illinois Law Review" eine ausführliche Analyse vorgelegt, die sich mit Sealand, HavenCo sowie den rechtlichen Implikationen beschäftigt.
Die rostige Konstruktion, knapp 20 Meter über der Nordsee, hält ein gewisser Roy Bates mit seiner Familie und weiteren Mitstreitern seit 1966 besetzt. Anfangs, um einen illegalen Radiosender zu betreiben. Nur kleinere Unterbrechungen von Bates' Herrschaft gab es - einen Putschversuch schlug er mit Hilfe von bewaffneten Männern und einem Helikopter nieder. Seitdem existiert eine "Exilregierung" in Deutschland, die außerdem rechte Verschwörungstheorien propagiert.
Sicherheitspersonal mit großkalibrigen Waffen
Die britische Regierung hat sich nach anfänglicher Aufregung mit dem 550-Quadratmeter-Streitfall Sealand arrangiert. Solange Bates nichts anstellt, wird er in Ruhe gelassen, im Zweifelsfall würde man ihn von der Plattform vertreiben. In internationalen Gewässern befindet sich Sealand nicht mehr, seit 1987 reicht staatliche Hoheit zwölf Meilen weit aufs Meer hinaus.
An Universitäten arbeiten sich Völkerrechtler an der Frage ab, was einen Staat ausmacht und ob Sealand nicht eine Mikronation ist - doch die nicht ganz eindeutige Theorie wird von der sehr eindeutigen Praxis geschlagen. Sealand wird von anderen Staaten nicht anerkannt, wer mit Sealand-Pass reist, riskiert Ärger. Richter in Deutschland und den USA sprechen dem Selfmade-Fürstentum die Staatlichkeit ab.
Keine gute Ausgangslage für HavenCo. Doch Lackey und seine Geschäftsfreunde hatten große Pläne: 65 Millionen Dollar wollten sie schon im dritten Jahr umsetzen, auf ihren Servern alles beherbergen, was in einem Rechtsstaat den Argwohn der Behörden auf sich ziehen könnte - nur bösartige Hackerangriffe und Kinderpornografie waren verboten. Sicherheitspersonal mit großkalibrigen Waffen sollte die Server schützen. Die Medien waren begeistert von den Cyberrebellen, "Wired" widmet ihnen eine Titelgeschichte, der SPIEGEL schreibt über den "Hort für Computerfreaks".
Das Scheitern war vorprogrammiert
Die Geschäfte liefen jedoch eher schleppend. 1500 Dollar kostet die Monatsmiete für einen Server - die Versorgung der Plattform ist aufwendig, alles muss mit Schiffen oder Helikoptern herbeigeschafft werden. Eine Glasfaserverbindung ans Festland wurde nicht rechtzeitig fertig, die Betreiberfirma hatte mit der Dotcom-Blase zu kämpfen. Die Daten tröpfelten über eine Satellitenleitung mit 128 Kilobit pro Sekunde. Unter Denial-of-Service-Angriffen brach die Verbindung tagelang zusammen.
Nicht viel mehr als zehn Kunden soll HavenCo gehabt haben, berichtete Lackey später. Die kamen vor allem aus der Online-Glücksspielbranche. Der einzige bestätigte Nutzer war die Exilregierung von Tibet. Nach drei Jahren stieg Lackey aus. Roy Bates und seine Familie hielten zunehmend wenig von den Hackern, ein potentieller Kunde aus Malaysia, der illegal Filme streamen wollte, gefiel ihnen nicht mehr. Außerdem fürchteten sie, Großbritannien oder andere Staaten könnten gegen die freien Server - und damit Sealand - vorgehen, aus Angst vor Terrorismus oder Cyber-Kriminalität.
Nachdem Lackey die Plattform verlassen hatte, beschlagnahmten die Bates seine Computer, eine wohl vereinbarte Kaufsumme für HavenCo behielten sie ein. Der selbsternannte Monarch verstaatlichte die Hostingfirma. Im darauffolgenden Jahr soll es tatsächlich neue Kunden gegeben haben, auch neue Netzwerktechnik wurde wohl installiert. Bis 2008 die Verbindung weg war und sich die Spur endgültig verlor.
Das Scheitern war Grimmelmann zufolge programmiert:
Trotzdem gab es immer wieder Anläufe, den Cyberpunk-Traum vom exterritorialen Rechenzentrum im rechtsfreien Raum wahr werden zu lassen. So sammelten die Betreiber des Torrent-Verzeichnisses "Pirate Bay" im Jahr 2007 Geld für einen Serverumzug nach Sealand. Die nötige Summe für den Kauf der Plattform kam jedoch bei weitem nicht zusammen. Aktuelle Idee der "Pirate Bay"-Betreiber: fliegende Server. Drohnen sollen jenseits jeden staatlichen Zugriffs die Torrent-Dateien auf die Erde funken.
Anstelle des Offshore-Hostings treten nun dezentrale Techniken. "Wer braucht im Zeitalter von YouTube, BitTorrent und Darknet noch HavenCo?", fragt Grimmelmann in seiner Analyse. So lassen sich im verschlüsselten Tor-Netzwerk, bei dem Daten über mehrere Proxy-Server geschickt werden, Server verstecken. Der physische Standort ist dann fast egal. Statt einer legendären, von Raufbolden bewohnten Plattform kann ein Computer an einem beliebigen Ort unauffällig vor sich hin werkeln.
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