Streit um Suchmaschinen-Steuer: Warum Google am längeren Hebel sitzt

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Brasilien, Frankreich, Deutschland - der Streit zwischen Google und Verlegern tobt in mehreren Ländern. Soll die Suchmaschine für Nachrichten zahlen müssen? Die Erfahrung zeigt: Wer nicht nach den Regeln des Internet-Konzerns spielt, verliert.

Leere Seiten: Google ohne Verlage Fotos

"Tatort Stuttgart", "Fritz Kuhn Oberbürgermeister" und "Bombenanschlag Syrien" sind Suchanfragen, die bei Google am Montag ungewöhnlich oft eingegeben wurden, zumindest nach Googles eigenen Angaben. Auf der ersten Trefferseite verweist die Suchmaschine ihre Nutzern vor allem auf Artikel von großen Nachrichtenseiten. Zum Beispiel von sueddeutsche.de, taz.de und auch von SPIEGEL ONLINE.

Die Nutzer wollen aktuelle Informationen und wissen: Google wird sie schon auf die richtige Seite schicken. Ohne die Artikel der Nachrichtenseiten würde die Trefferliste der Google-Suche in vielen Fällen ziemlich leer aussehen (siehe Fotostrecke).

Google, könnte man argumentieren, braucht die Inhalte der Verlage für seine Suchmaschine. Auch wenn die nur einen kleinen Teil der erfassten Links ausmachen sollen. Eine Google nahestehende Agentur kommt in einer großen Stichprobe auf 7,5 Prozent. Im Umfeld dieser Links werden bei Google demnach auch nur wenige Anzeigen geschaltet. Direkt verdient das Unternehmen offenbar nicht besonders gut mit den Verlagstreffern.

Die Verlage, könnte man argumentieren, profitieren von den Besuchern, die von Google zu ihren Seiten geschickt werden. Der Anteil dieser Besucher liegt bei einigen Nachrichtenseiten bei 20 Prozent und mehr. Mit diesen Besuchern verdienen die Verlage Geld, indem sie Anzeigen auf ihren Seiten schalten.

Leistungsschutzrecht und Google-Steuer

Mit Online-Anzeigen aber lässt sich derzeit viel weniger Geld verdienen als mit Anzeigen in gedruckten Magazinen und Zeitungen. Die Leser wiederum suchen sich ihre Nachrichten zunehmend mit Smartphone und Computer im Internet. Verlage verkaufen weniger Abonnements, die Auflagen vieler gedruckter Zeitungen und Magazine sinken seit Jahren. Die großen Redaktionen vieler Printtitel lassen sich mit den Einahmen aus Online-Werbung nicht finanzieren.

Im vergangenen Jahr wurden weltweit rund 384 Milliarden Euro für Werbung ausgegeben, haben die Marktforscher von ZenithOptimedia berechnet. Rund 30 Prozent davon entfielen auf Zeitschriften und Zeitungen, knapp 18 Prozent auf das Internet. In zwei Jahren könnte dieser Anteil bei 21,5 Prozent liegen, während die Werbeausgaben bei Printprodukten weiter zurückgehen.

Stolze 44 Prozent der Ausgaben für Online-Werbung landeten 2011 allein bei Google. Um die Emotionalität zu verstehen, mit der gerade alteingesessene Medienmanager an der Debatte teilnehmen, sind diese Zahlen wichtig: Der Emporkömmling, dessen Geschäftsmodell es vor ein paar Jahren noch gar nicht gab, nimmt plötzlich fast die Hälfte aller Online-Werbegelder ein.

Im vergangenen Jahr hat der Suchmaschinenkonzern umgerechnet rund 7,5 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Das weckt Begehrlichkeiten.

Nicht nur in Deutschland, wo einige Verlage und Politiker ein umstrittenes Leistungsschutzrecht einführen und Google zur Kasse bitten wollen. Google hat bereits deutlich angekündigt, man werde dabei nicht mitspielen. Deutschland ist nicht das einzige Land, in dem dieser Streit tobt.

Brasilien: Zeitungen verzichten auf Google News

In Brasilien hat der Verband der Zeitungsverleger dazu aufgerufen, zumindest Google News den Rücken zu kehren. Die brasilianischen Zeitungen hatten mit Google abgemacht, dass nur Überschriften und ein Satz eines Artikels auf Google News angezeigt wurden. Google News sammelt und sortiert aktuelle Artikel, in die Trefferliste der normalen Google-Suchen werden diese Artikel oft prominent eingeblendet.

Wer Google News aufruft, bekommt eine umfassende, vorsortierte Nachrichtenübersicht. Bis Artikel es als ganz normaler Treffer in die herkömmliche Google-Suche schaffen, dauert es mittlerweile nur noch ein paar Stunden. Nun klagt der Verband, Google News bringe nicht mehr Besucher auf die Nachrichtenseiten. Weil Google auch nicht über eine Vergütung der Verlage für sein News-Angebot reden wolle, hätten sich 154 Zeitungen von Google News verabschiedet - aber nicht aus der allgemeinen Suche.

Frankreich: Google droht der Politik

In Frankreich wird Google die Nachrichtenangebote der dortigen Verlage womöglich selbst aus dem Suchindex entfernen. Damit jedenfalls droht der Konzern für den Fall, dass in dem Land eine Suchmaschinensteuer verabschiedet wird. Ein Gesetz, nach dem immer dann eine Gebühr fällig werden soll, wenn bei einer Suche Nachrichtenartikel angezeigt werden, wird dort diskutiert.

Die Google-Drohung nahm die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti zum Anlass, die Bedeutung eines solchen Gesetzes noch einmal zu unterstreichen. An den Konzern gerichtet erklärte sie außerdem: "Man droht einer demokratisch gewählten Regierung nicht einfach."

Belgien: Verlage bitten Google um Suchtreffer

Was passiert, wenn man Google droht, kann man in Belgien sehen. Dort hatte die Verwertungsgesellschaft Copiepresse sich erfolgreich gegen den Konzern und die Einführung von Google News zur Wehr gesetzt. Vor Gericht erstritt Copiepresse, dass auf Google News nicht länger Textanrisse und Vorschaubilder angezeigt werden dürfen. Ein Gericht hatte 2011 eine Strafe in Höhe von 25.000 Euro für jeden Verstoß bestimmt.

Google aber entfernte die belgischen Zeitungen nicht nur aus Google News, sondern gleich aus dem gesamten Google-Index. Der Konzern beruft sich auf das Urteil. Darin heißt es, Google müsse die Inhalte der Verlage von google.be und google.com entfernen, genauer gesagt von den Cache-Links in der Websuche und von Google News. Eine weitgehende Interpretation des nicht ganz eindeutigen Urteils, wie damals Presseberichte, darunter auch von belgischen Zeitungen, anmerkten. Das Google-Aus dauerte drei Tage. Dann hatten die Betroffenen eine Vereinbarung mit Google getroffen, nach der nun wieder Artikel gesucht und gefunden werden können.

Entweder, die Verlage spielen nach Googles Spielregeln - oder sie werden nicht mehr gelistet. Bei einem Marktanteil der Suchmaschine von 90 Prozent in Deutschland haben die Verlage in Wahrheit nur dann eine Wahl, wenn sie auf 20 Prozent und mehr ihrer Besucher verzichten können. Dabei schreiben viele Nachrichtenseiten selbst mit Google rote Zahlen.

Anmerkung: In einer früheren Version war das belgische Gerichtsurteil nicht zitiert. Wir haben das, ergänzt um Googles Position, nachgeholt.

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1. optional
EinJemand 23.10.2012
"Entweder, die Verlage spielen nach Googles Spielregeln - oder sie werden nicht mehr gelistet." Nein, dies sind nicht "Googles" Regeln -- das sind einfach die Fair-Use-Gesetze in den USA, ein sinniges Zitatrecht eben. Manch einer tut sich schwer damit, zitiert zu werden, aber Soziopathen gibt es überall.
2. Es braucht nur ein Wort...
derjansel 23.10.2012
... um den Artikel umgehend zu beschreiben ohne auch nur das geringste auszulassen, dieses Wort ist sogar um vieles aussagekräftiger und umfasst zudem sämtliche ökonomischen Betrachtungen: Monopol.
3. ....einen Artikel wert?
quengelbengel 23.10.2012
...damit sich alle von Google unfair behandelt werden und das Unternehmen mittelfristig zerschlagen wird? Fangt mal damit an, die Parasiten, Lügner, Räuber und Betrüger auf den Finanzmärkten beim Namen zu nennen, DIE tragen mehr zur Ungerechtigkeit in der Welt bei, als der Datenkrake.. Jedem mit gesundem Menschenverstand ist klar, dass es sinnlos ist, sich bei einem Suchmaschinenbetreiber zu beschweren, dass man gefunden wird, und das Bekanntheit die wichtigste Währung jenseits des realen Wertes eines Unternehmens ist... so what?
4. Es ist bezeichnend, wenn..
PH-sauer 23.10.2012
unter dem Artikel "Dem Autor auf Facebook folgen" steht. "Einer demokratisch gewählten Regierung droht man nicht so einfach" - Die Dame hat FAST recht, denn Google droht nicht EINFACH, sondern unterstützt durch die zahlende, heimische Wirtschaft, die ein Interesse an einem wirtschaftlich funktionierenden Suchsystem hat. Es ist von der Dame zu kurz und zu eitel gedacht, daß in einem modernen demokratischen Staat die einzige Macht von den Amtsinhabern ausgeübt wird. Die wahre Macht liegt in der Finanzkraft - übrigens unabhängig von der Regierungsform. Ein Blick in die Geschichtsbücher würde helfen.
5. Es gibt sehr gute Alternativen
user543 23.10.2012
Niemand ist alleine auf Google angewiesen. Es gibt sehr gute Alternativen. Weiteres hierzu findet man auf den Seiten des Vereins für freien Wissenszugang suma-ev.de. Als Alternative kommt yacy infrage. Weiterhin gibt es das von Freiwilligen gepflegte Webverzeichnis dmoz.org. Hier werden Webseiten von Menschen gesichtet und ins Verzeichnis aufgenommen. Übrigens bedient sich Google bei dmoz.org. Alternativen gibt es also genung.
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