Urheberrecht im Internet: Lieber frei als gerecht

Ein Debattenbeitrag von Michael Seemann

Die Piratenpartei will das Urheberrecht einschränken, Künstler und Publizisten laufen dagegen Sturm. Doch die Debatte geht am Kern des Problems vorbei. Das Urheberrecht gehört ganz abgeschafft. Es passt einfach nicht zum Prinzip des freien Internets.

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Abstimmung bei der Piratenpartei: Lässt sich das Internet ein bisschen regulieren?

Den Piraten wird immer wieder vorgeworfen, sie wollten das Urheberrecht abschaffen. Das stimmt nicht, sagen sie nun. Tatsächlich wollen sie es nur reformieren und an die neue Zeit des Digitalen anpassen. Die Piraten machen also allerlei Vorschläge, über die man trefflich streiten kann. Doch die Forderung nach einer Legalisierung des Filesharings für nichtkommerzielle Zwecke, die immerhin im Grundsatzprogramm der Piratenpartei steht, kommt in diesem Zusammenhang nur am Rande vor.

Dabei ist das die Gretchenfrage des Urheberrechts. In allen seinen Details ist das Gesetz fast ausschließlich darauf ausgerichtet, dem Urheber das Recht einzuräumen, über Art und Umstand der Verbreitung und Veröffentlichung seiner Werke zu bestimmen. Wie das mit Filesharing zusammenpassen kann, weiß die Piratenpartei nicht. Hier kommt die schlechte Nachricht: Es passt überhaupt nicht zusammen.

Denn das Internet besteht in seinem innersten Kern fast ausschließlich aus Kopieroperationen. Ob wir eine E-Mail "senden", eine Website "laden" oder einen Pinnwandeintrag "posten": Hinter allem, was man im Internet tut, steckt ein Kopiervorgang. Filesharing ist in Wirklichkeit keine spezielle Anwendung im Internet, das Internet ist Filesharing. Eine Unterscheidung zwischen der "Abschaffung des Urheberrechts" und der Forderung nach "legalem Filesharing", kommt sogar der Wortklauberei schon recht nahe. Der Versuch, das Internet mit dem Urheberrecht zu versöhnen ist wie Segelfliegen im Vakuum: unmöglich.

Die volle Kontrolle

Und das wissen die Verwerter besser noch als die Piraten. Weswegen sie Gesetze unterstützen, mit denen das Internet kontrolliert werden soll: Acta, Sopa und Pipa in den USA, Hadopi in Frankreich und die vielen "Urheberrechtskörbe" hierzulande sind schließlich kein Unfall. Sie sind der Versuch der Verwerter, aus dieser Nummer doch noch heil herauszukommen, koste es, was es wolle. Wer ein Geschäftsmodell hat, das auf die Kontrolle von Datenströmen aufsetzt, muss es entweder gegen das Internet durchsetzen, oder er hat kein Geschäftsmodell.

Was die Verwerter brauchen und mit aller Lobbymacht versuchen durchzusetzen, ist die Transformation des Internets in einen Raum, in dem sich veröffentlichte Daten wieder zurückholen lassen, in dem immer klar ist, wohin welche Daten fließen, wer gerade mit welchen Daten hantiert und in dem sich beliebig und effektiv Leute von Informationen ausschließen lassen. Kurz: Sie brauchen ein Internet, in dem die Informationsströme kontrollierbar sind.

Einige derjenigen, die sich lediglich für eine "Reform" des Urheberrechts aussprechen, glauben nicht, dass es so schlimm kommen wird. Die Verwerter und Urheber werden schon noch genug verdienen, auch wenn ihr Recht nicht hundertprozentig durchgesetzt wird. Ein "bisschen Internetkontrolle", um dieses Ziel zu erreichen, sei schon okay, es dürfe nur nicht so weit gehen. Es wird dann häufig mit der Analogie zum Straßenverkehr argumentiert. Auch die Straßenverkehrsordnung wird schließlich nicht immer eingehalten und überall durchgesetzt, weswegen aber natürlich nicht auf Verkehrsregeln verzichtet wird.

Ein bisschen Feuerlöschen bei einem Großbrand

Mal abgesehen davon, dass Vergleiche des Internets mit dem Straßenverkehr immer schief gehen, müsste man diesen Vergleich völlig anders rechnen. Wenn ich ein Musikalbum auf BitTorrent oder einen Filehoster stelle, dann ist das Delikt damit ja noch lange nicht zu Ende. Denn dieser einfache Akt eines Einzelnen hat Konsequenzen, die sich nicht mehr eingrenzen lassen. Von dem Augenblick an, wo die Dateien im Angebot sind, ist die Fahrt frei für Hunderte, Tausende, ja Millionen ähnlicher Rechtsverstöße. Die ganze Welt kann nun dieses Album laden, und viele werden es tun.

Um die schiefe Analogie grade zu rücken, müsste man das Beispiel also modifizieren: Ein Album zum Download anzubieten ist nicht vergleichbar mit dem Überfahren einer Ampel, sondern mit der kompletten Demontage der Ampel. Filesharing entspricht nicht einem einmaligen, regional verbleibenden Verstoß gegen ein Gesetz, sondern dem totalen Kontrollverlust über dessen Einhaltung. Ein "bisschen Internetkontrolle" hilft hier so viel wie "ein bisschen Feuerlöschen" bei einem Großbrand.

Die Piratenpartei traut sich nicht

Im Gegensatz zu den Reformern, die glauben, diese Tatsache mit dem heutigen Urheberrecht durch ein paar Anpassungen doch noch versöhnen zu können, haben die Rechteverwerter längst ein realistischeres Bild der Situation. Das Kopieren von geschützten Inhalten nimmt weiter zu, die Speicher und Bandbreiten hören nicht auf zu wachsen, und die Kompetenz, sich illegale Inhalte zu beschaffen, verbreitet sich in allen Gesellschaftsschichten. Die Verwerter wissen, dass all der technische und juristische Aufwand, den sie heute bereits betreiben, um ihre Interessen durchzusetzen, nur der Anfang gewesen sein kann.

Manche glauben, dass ich gegen das Urheberrecht argumentiere, weil ich es den Künstlern nicht gönne. Nein, ich gönne den Künstlern alles Geld dieser Welt. Aber vor die Frage gestellt: Urheberrecht oder freies Internet, zögere ich nicht lang.

Wenn die Piratenpartei sich nicht traut, fordere ich es eben: Schafft das Urheberrecht ab!

Dieser Gastbeitrag ist Teil einer Reihe zur Debatte über die Zukunft des Urheberrechts in Zeiten der Digitalisierung. Weitere Beiträge finden Sie hier.

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insgesamt 710 Beiträge
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1.
Siomolon 21.04.2012
Das ist der Kern. Unvereinbarkeit zwischen Urheberrecht und Freiheit. Rechte und Freiheiten bedeuten immer Kompromisse, jedoch niemals Lösungen.
2.
Strandhaus 21.04.2012
Und dann?
3.
syracusa 21.04.2012
Zitat von sysopDie Piratenpartei will das Urheberrecht einschränken, Künstler und Publizisten laufen dagegen Sturm. Doch die Debatte geht am Kern des Problems vorbei. Das Urheberrecht gehört ganz abgeschafft. Es passt einfach nicht zum Prinzip des freien Internets. Urheberrecht im Internet: Lieber frei als gerecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,828246,00.html)
Welch grotesker Unsinn! Man steht fassungslos vor solch üblem Erguss! Mit demselben Argument muss der Autor dann auch Freiheit für Kinderpornographie, Volksverhetzungen und persönliche Beleidigung, Schmähkritik uswusf. im Internet fordern. Wie man nur auf die absurde Idee kommen kann, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sein müsse!? Als ob die letzten 10.000 Jahre Zivilisationsgeschichte nicht die allerkleinste Spur im verbogenen Weltbild das Autors hinterlassen hätten!
4.
brello 21.04.2012
... ein Artikel, der zeigt, dass die ganze Diskussion am Kern vorbeigeht. Nur weil das Internet die Möglichkeiten rechtswidriger Handlungen gibt, muss doch noch lange nicht das Gesetz abgeschafft werden! Ich plädiere auch nicht dafür, dass jeder dem Bäcker seine Brötchen klauen darf, weil es grundsätzlich möglich ist... Wieso verstehen die Urheberrechtsgegner nicht, dass es Geistiges Eigentum gibt? Sie wollen Ihren Job doch auch nicht kostenlos machen, Herr Seemann!? Vermutlich wurden auch Sie für diesen "Debattenbeitrag" entlohnt. Geht aber nur, weil nicht jeder kostenfrei alle Inhalte vom SPIEGEL lesen kann. Richtig? Meinen Sie wirklich, es ist die Lösung, alles frei anzubieten? Dann dürften die Kulturschaffenden zukünftig eher den Beruf des Bäckers lernen wollen... Mein Vorschlag: Wenn ein Künstler seine Werke frei anbieten will, soll er dies tun. Wenn nicht, sollte es ihm weiterhin gegeben sein, von seiner Arbeit zu leben! Wo ist das Problem? Nicht bei den Künstlern - nein, bei Autoren solcher Debattenbeiträgen wie diesem; je mehr Leute so einen Schmarrn lesen, desto mehr festigt sich die Meinung, Künstler seien nur geldgierige Säcke. Aber Kunst geniessen wollen alle - Leute, das passt nicht zusammen!
5. Goldgräberzeit ging auch mal vorbei
f.orenstöpsel 21.04.2012
Zitat von sysopDie Piratenpartei will das Urheberrecht einschränken, Künstler und Publizisten laufen dagegen Sturm. Es passt einfach nicht zum Prinzip des freien Internets. Urheberrecht im Internet: Lieber frei als gerecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,828246,00.html)
Manche Leute,ja sogar Künstler sprechen sich für die Legalisierung von diversen Drogen aus. Nicht nur weil manche denken das die Wirkung der von Alkohol ähnlich wäre,nein auch weil man dem illegalem Handel nicht Herr wird. Auf der anderen Seite hat man es in diversen Ländern mal mit der Prohibition von Alkohol versucht,der Ausgang ist bekannt. Im laufe des Industriezeitalters mußten so manche Handwerker,Zünfte,Kleinbetriebe und Familienbetriebe aller Arten ihre Existenz aufgeben,weil die Industrialisierung verschieden Abläufe weiter entwickeln konnte.Und das geht bis zum heutigen Tag und darüber hinaus weiter. Aktuell ließt man derzeit z.B. jeden Monat von Existenzaufgaben im Bäckereihandwerk und der Gastronomie,wer solche "Traditionen"bald nicht mehr kennt,kann sie weder vermissen noch pflegen oder bewahren.Zwar darf man bis heute kein Kraftstoff in einer Bäckerei oder Kneipe kaufen,Brötchen oder Alkohol an der Tanke allerdings schon. Als Schauspieler hatte man damals nur die Chance durch Theateraufführungen,dann durch Lichtspielhäuser seine Gagen zu verdienen. Dann kam das Fernsehen was die Wertschöpfung nochmals verbesserte,dann gab es den Videoverleih und Verkauf,was man ebenfalls gerne mitnahm.Als man dann die Filme auf DVD verkaufen konnte solange es die Umsätze nicht schmälert umso besser.Ähnlich sieht es doch in der Musikbranche aus. Also zusammengefaßt,alle technischen Errungenschaften die die Vermarktung und die Gewinne steigern sind willkommen und wenn man den Status nicht steigern kann,muß er anscheinend per Gesetzesbeschluß zumindest vor einer Verschlechterung geschützt werden. Das Elektronik und Computer die Verbreitung von Musikstücken vereinfachte wurde von Künstlern nicht unbedingt in Zweifel gezogen.Auch die Vereinfachung der Herstellung der Musikstücke-alben,angefangen vom Verzicht auf Studiomusikern-Technikern,Tonstudio Equipment bis hin zur Herstellung der Tonträger,sowie dem erstellen der Booklets(Grafikdesign) und dessen Druckherstellung,alles Dinge die enorme Kosten senkten und die Gewinne erhöhten. Vielleicht muß die Branche einfach mal die Verteilung der Gagen und Einnahmen intern regeln.Derzeit macht eine Filmhauptrolle in einem Blockbuster einen Schauspieler über Nacht zum Multimillionär ,sowie ein Musikalbum den Musikkünstler.Auch gilt ähnliches für Regisseure,Produzenten,Autoren etc.wenn der Film erfolgreich ist. Jeder,ob in der Branche oder außerhalb, hat sich daran gewöhnt,das Künstler nach ein paar Jahren mehr als ausgesorgt haben. Vielleicht hat man den Zenit des Geldverdienens einfach jetzt erreicht und die Kurve geht allmählich wieder nach unten. Auch wenn man sich mal die Preise für eine CD in diversen deutschen Musikgeschäften anschaut alle recht ähnlich,vergleicht man die Preise mit anderen Ländern,sehe ich dort beträchtliche Differenzen.Ähnlich wie bei den Ölkartellen. Vielleicht ist es ander Zeit,das die Branche sich selbst neu strukturiert und die eigenen Verdienstmöglichkeiten neu justiert.Wird schon keiner als Straßenmusiker enden oder auf dem Marktplatz die Leute belustigen müssen.
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Zum Autor
  • André Krüger
    Michael Seemann wurde 1977 geboren und studierte Kulturwissenschaft in Lüneburg. Er betreibt die Blogs mspr0.de, ctrl-verlust.net und macht zusammen mit Max Winde den Podcast wir.muessenreden.de. Auf Konferenzen und an Universitäten spricht er über den Kontrollverlust der Daten. Er lebt in Berlin.


Torrent-Technik: So funktioniert der Dateitausch
Es beginnt mit Torrent-Dateien, wie sie bei Pirate Bay angeboten werden. Diese Dateien beinhalten Links zu sogenannten Trackern, über die die BitTorrent-Software erfährt, welche Nutzer-Rechner (Clients) über die gesuchte Datei ganz oder in Teilen verfügen. Die Torrent-Datei ist also nur ein Verweis auf eine andere Datenquelle, die wiederum auf weitere Adressen verweist, an denen dann Daten zu holen sind.
Das Netzwerk zum Dateitausch entsteht nur zwischen den am Tausch beteiligten Rechnern, basierend auf den Informationen eines Tracker genannten Servers - der allerdings keine Daten verschiebt, sondern nur Verknüpfungen zwischen Rechnern mit vollständigen oder unvollständigen Kopien des jeweiligen Files herstellt.
Der eigentliche Dateiverteilungsvorgang läuft in diesem technischen Modell also nur über die Rechner der zu einem temporären Netzwerk miteinander verbundenen BitTorrent-Nutzer. Aus ihrer Sicht ist Pirate Bay keine Datenbank zum Abruf von Inhalten, sondern eher so etwas wie das Telefonbuch für Dateiquellen. Der Nachweis, dass eine Seite wie Pirate Bay direkt Anbieter urheberrechtlich geschützter Dateien sei, ist damit nicht möglich. Im bisherigen Prozess gelang noch nicht einmal der Nachweis, dass Pirate Bay selbst nicht nur Torrent-Dateianbieter sei, sondern auch Trackerfunktion im Netzwerk habe.

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