Hacker-Attacken: US-Regierung schürt Furcht vor Cyber-Krieg

Von , Washington

Jeden Tag eine Schreckensbotschaft, jeden Tag eine Warnung: US-Präsident Barack Obama sieht die Gefahr eines großen Cyber-Krieges. Er mahnt die Chinesen, schmiedet Abwehrpläne und berät mit Wirtschaftsbossen den Ernstfall. Hinter der Panikmache steckt auch politisches Kalkül.

Offensivpläne: Im Kampf gegen Amerikas Feinde setzt Obama auch auf Cyberwar Zur Großansicht
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Offensivpläne: Im Kampf gegen Amerikas Feinde setzt Obama auch auf Cyberwar

Barack Obama hat in dieser Woche gezeigt, dass Politik nicht nur Handwerk, sondern auch Kunst ist. In Sachen Cybersecurity inszenierte der US-Präsident ein politisches Schauspiel samt Spannungsbogen und Bösewicht. Nun wartet er die Wirkung seiner Botschaften ab.

Das Stück beginnt mit Tom Donilon, dem nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten. Donilon weist zu Wochenbeginn auf die wachsende Sorge von US-Unternehmen hin, Opfer von Hackerangriffen aus China zu werden: "Peking sollte das ernsthaft untersuchen und diese Aktivitäten stoppen." Der Bösewicht ist benannt. Dann referiert US-Geheimdienstkoordinator James Clapper über die Bedrohungslage Amerikas. Nicht mehr terroristische Gefahren nennt er an erster Stelle, sondern mögliche Angriffe aus dem Cyberspace. Zugleich berichtet General Keith Alexander, Chef des Cyber Command, erstmals offen von Planungen für Gegenschläge: Das Militär werde bis 2015 mindestens 13 Einheiten mit "Offensiv-Fähigkeiten" für den Fall einer Attacke auf die USA schaffen.

"Super cool" im Situation Room

Schließlich übernimmt der Präsident persönlich, wirft den Chinesen die Unterstützung von Cyber-Angriffen vor: "Wir erwarten von China und anderen staatlichen Akteuren, dass sie die internationalen Regeln befolgen." Die Reaktion aus Peking: Man sei bereit, das Thema "auf der Basis der Prinzipien gegenseitigen Respekts und Vertrauens" zu diskutieren. Im Klartext: Mischt euch nicht in unsere Angelegenheiten ein.

Kurz darauf trifft sich Obama mit Unternehmenschefs aus dem Verteidigungs-, Energie- und Bankensektor. Viele waren schon Opfer von Hackerattacken: Der Rüstungskonzern Northrop Grumman Chart zeigen, die Ölgesellschaft Exxon Mobil Chart zeigen oder die Bank JPMorgan Chase. Die Angreifer? Unklar.

Obama will die Bosse für eine gesetzliche Regelung gewinnen. Noch im vorigen Jahr ist er im Parlament mit dem "Cybersecurity Act" gescheitert, der vorsah, dass die Regierung gemeinsam mit den Betreibern wichtige Einrichtungen wie Elektrizitätsnetze, Wasserwerke oder Datennetze überprüft. Obama empfängt die Wirtschaftsleute nicht einfach im Weißen Haus; er bittet in den Situation Room, das legendäre Lagezentrum im Keller. Teil der Inszenierung? Ach, wiegelt Präsidentensprecher Jay Carney ab, das klinge zwar "super cool", aber man habe einfach keinen anderen Raum finden können. Am Ende betonen die Vorstände allerdings, dass sie vom Präsidenten möglichst wenig Regulierung erwarten.

Schattenkrieger Obama

Was steckt hinter Obamas aktueller Cyber-Offensive? Das sei keine neue Strategie, sagt Adam Segal, Experte für Cyber-Konflikte beim Council on Foreign Relations, SPIEGEL ONLINE: "Der Präsident war von Beginn an fokussiert auf den Cyber-Bereich, auf Drohnen und Einsätze von Spezialkräften." Obama, der Schattenkrieger.

Segal meint, die Regierung wolle ihre Cybersecurity-Gesetze durchbekommen und betone deshalb jetzt noch einmal die Bedrohungslage. Jim Harper vom konservativen Cato Institute hält das Feld der Cybersecurity allerdings für so komplex, dass es Politiker kaum durchschauen könnten: "Aber sie wissen, dass sie im Falle einer Attacke einen politischen Preis zahlen würden, wenn sie nicht zuvor irgendwas dagegen unternommen hätten."

Also macht Obama nun Druck - auf China, auf den Kongress, auf die US-Unternehmer. Amerikas Bürger sind ohnehin alarmiert. Immer wieder finden sie ihre Bankkonten lahmgelegt, Meldungen über gehackte Unternehmen machen die Runde und zuletzt erwischte es offenbar sogar Promis wie Michelle Obama. Für Aufsehen sorgte auch eine Studie, die diverse Hackerangriffe einer chinesischen Militäreinheit zuschreibt.

Im Cyberspace läuft ein Wettrüsten: Ob Regierungen, Geheimdienste, Militär, Kriminelle oder Hobbyhacker - sie alle feilen an Trojanern und Viren, suchen Sicherheitslücken. Und während der Angreifer nur eine Schwachstelle finden muss, muss der Verteidiger auf alles vorbereitet sein. Obama selbst hat bereits mindestens einmal eine Waffe aus dem Cyber-Arsenal eingesetzt: den Wurm Stuxnet gegen Irans Nuklearanlagen.

Verheerende Cyber-Schläge?

Auch juristisch wird vorgebaut: Obama hat sich das Recht auf einen digitalen Präventivschlag attestieren lassen. Zudem können - so hat es die Regierung in einem Strategiepapier festgehalten - Cyber-Attacken auch mit konventionellen Waffen beantwortet werden. Ex-Verteidigungsminister Leon Panetta warnte im vergangenen Jahr gar vor einem "Cyber Pearl Harbor", einer Attacke also, die in ihren Auswirkungen dem japanischen Überraschungsangriff von 1941 gleichkäme.

Experte Segal sagt: "Natürlich denken die Chinesen darüber nach, Cyber-Waffen in einem potentiellen militärischen Konflikt einzusetzen, aber ich mache mir keine Sorgen, dass sie uns überraschend angreifen könnten." Die gegenwärtige Cyber-Bedrohung sei eher eine der Wirtschaft: "Wir neigen dazu, 'Cyber Pearl Harbor' zu wichtig zu nehmen, und dafür die ökonomische Gefahr zu unterschätzen."

Selbst Geheimdienstchef Clapper musste vor dem Senat zugestehen: Es sei unwahrscheinlich, dass Russland oder China in naher Zukunft verheerende Cyber-Schläge gegen Amerika führen würden.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Herbei geredete Bedrohungen....
zensorsliebling 15.03.2013
Kriegsgefahr = Militär aufrüsten Wettkampf um die Vorherrschaft im All = NASA erfinden Terrorgefahr = Homeland Security verstärken Cyberbedrohung = noch 'ne überflüssige Behörde gründen Wann endlich begreifen wir verängstigten Wohlstandsbürger, dass es viel weniger Bedrohungen gibt als uns "der Staat" einreden will. Von unserer Angst profitieren seit Ewigkeiten nur überflüssige Zivilversager, die eine konjunkturunabhängige Karrierechance brauchen.
2. Das ist offenbar nun mal das Problem mit Demokratien...
wolle0601 15.03.2013
Zitat von sysopAFPJeden Tag eine Schreckensbotschaft, jeden Tag eine Warnung: US-Präsident Barack Obama sieht die Gefahr eines großen Cyber-Krieges. Er mahnt die Chinesen, schmiedet Abwehrpläne und berät mit Wirtschaftsbossen den Ernstfall. Hinter der Panikmache steckt auch politisches Kalkül. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/was-dahinter-obamas-cyber-offensivplaene-steckt-a-889093.html
daß man die Leute erst mal aufrütteln muß. Ich teile die im Artikel zitierte Ansicht, daß die wahre Gefahr eigentlich eher die schleichende Zerstörung der industriellen Basis des Westens ist. Aber die Wahrnehmung dieser Gefahr wird von einer Reihe von Faktoren blockiert, und von interessierten Gruppen vielleicht sogar aktiv behindert. Gerade im Bezug auf China gibt es ein paar vorhersehbare Reaktionen: die Relativierer - "die Amis machen das ja auch", die Alles-Anzweifler - "wir wissen ja gar nicht genau, daß...". und so weiter. Dahinter steckt sicher zum Teil einfach Bequemlichkeit und "wird schon gut gehen", zum Teil vielleicht auch Eigennutz, speziell die im Bericht erwähnten Firmenlenker haben ja noch gute Chancen, ihre persönlichen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Ich finde es auch schade, daß die gesellschaftliche Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer und das langfristige bzw strategische Denken immer unpopulärer wird - jemand hat das mal die Infantilisierung der Gesellschaft genannt. Und sicher hat Alarmismus anderswo auch zu einer generellen Abstumpfung geführt. Dann helfen leider manchmal nur noch drastische Bilder.
3.
pauschaltourist 15.03.2013
Zitat von sysopAFPJeden Tag eine Schreckensbotschaft, jeden Tag eine Warnung: US-Präsident Barack Obama sieht die Gefahr eines großen Cyber-Krieges. Er mahnt die Chinesen, schmiedet Abwehrpläne und berät mit Wirtschaftsbossen den Ernstfall. Hinter der Panikmache steckt auch politisches Kalkül. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/was-dahinter-obamas-cyber-offensivplaene-steckt-a-889093.html
"Panikmache"? Der Journalist hätte sich bei betroffenen Behörden, Firmen und Presseorganen erkundigen können.
4. Cyberkrieg
Nachtheinigte 15.03.2013
Zitat von sysopAFPJeden Tag eine Schreckensbotschaft, jeden Tag eine Warnung: US-Präsident Barack Obama sieht die Gefahr eines großen Cyber-Krieges. Er mahnt die Chinesen, schmiedet Abwehrpläne und berät mit Wirtschaftsbossen den Ernstfall. Hinter der Panikmache steckt auch politisches Kalkül. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/was-dahinter-obamas-cyber-offensivplaene-steckt-a-889093.html
Natürlich die bösen Chinesen, von denen ja ohnehin alles Schlechte kommt, gefährden die USA auf breiter Front. Dass die USA mindest soviel hacken wie die Chinesen, wird meist verschwiegen, aber die dürfen das ja, sicher für den Weltfrieden, die Chinesen und andere Ungeliebte natürlich nicht.
5. Och Joh!
Carlo Nappo 15.03.2013
Was soll dieses unsägliche Geblubber des US-Präsidenten? Selbst als vermeintlich zugewanderter Dunkelhäutiger, sollte ihm glasklar sein, das die NSA und andere US Organisationen seit Jahrzehnten völlig ungehemmt Spionage und eine ganz perfide Art des Cyber-Kriegs betreiben. Hier in Frankfurt am Main ist lange es ein offenes "Geheimnis" gewesen, das diese "Penner" direkt in einem Eckhaus des "Kaisersacks" sitzen. Soll sich nun der Rest der Welt echauffieren, das seine eigenen Cyber-Truppen sich als scheinbare hirnlose Papiertiger entpuppen?.
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