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"Washington Post": Jeff Bezos will politische Macht

Von Thomas Schulz, San Francisco

Der aufgeregten Debatte um die Übernahme der "Washington Post" durch Amazon-Gründer Jeff Bezos liegt ein Missverständnis zugrunde. In den vergangenen Tagen wurde viel gerätselt, ob der überraschende Deal gut oder schlecht ist für den Journalismus, ob Bezos die großartigen Ideen mitbringt, die den Medienmachern all die Jahre selbst nie eingefallen sind.

Amazon-Gründer Bezos: Medienmacher müssen Teil der öffentlichen Diskussion werden Zur Großansicht
AP/dpa

Amazon-Gründer Bezos: Medienmacher müssen Teil der öffentlichen Diskussion werden

Aber Bezos will nicht den Journalismus retten. Das wäre im Idealfall nur ein Nebenprodukt. Bezos agiert auch nicht in der Tradition von Steve Jobs, der einst der Musikindustrie aus reinem Eigeninteresse wieder auf die Beine verhalf, um mehr Apple-Produkte zu verkaufen. Bezos Absichten sind viel simpler. Er greift nach politischer Bedeutung und Macht.

Der Amazon-Gründer ist nicht der erste Protagonist der Digitalbranche, der sich offenbar nicht mehr damit zufriedengeben will, die ökonomische und gesellschaftliche Umwälzung der digitalen Revolution voranzutreiben. Seit einiger Zeit ist eine deutliche Tendenz zu beobachten: Die führenden Köpfe des Silicon Valley, schwerreich, erfolgsverwöhnt und mächtiger als alle anderen Wirtschaftsführer, sind zunehmend bemüht, ihren wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss auf die politischen Bühne zu übertragen.

Das ist ein erheblicher Wandel gegenüber früheren Generationen, geprägt von Kreativen wie Steve Jobs und Bill Gates. Lange haben die meisten der führenden Figuren des Silicon Valley sich konsequent von der politischen Bühne ferngehalten. Für die Machtzentralen der Welt, sei es Washington oder Brüssel, haben große Teile der Tech-Elite traditionell nur eine Mischung aus Desinteresse und Verachtung übrig. Hinter den Kulissen wird gerne gelästert, wie langsam und ineffizient die politische Welt sei. Gesteuert von ahnungslosen Bürokraten. Inkompetenz ist ein Wort, das in solchen Gesprächen gerne fällt.

Das soll nicht heißen, dass die digitale Elite unpolitisch ist und nur in Bilanzen denkt. Im Gegenteil. Sie ist zutiefst ideologisch. Ihre Wurzel liegen in der Gegenkultur der sechziger Jahre in San Francisco. Bis heute ist die gesamte Tech-Szene geprägt von utopistischen Phantasien und durchzogen von ultra-individualistischen, libertaristischen Denkern - allen voran Peter Thiel, erster Facebook-Investor und einer der einflussreichsten Gestalten im Silicon Valley.

Im Extrem ist der Hacker deswegen auch nichts weniger als ein Freiheitskämpfer. Mindestens aber ist Technologie aus der Sicht des Silicon Valley nicht bloß eine Industrie, ein Geschäftsmodell wie die Autobranche, sondern verkörpert den menschlichen Fortschritt. "Think Big", das inoffizielle Motto jedes Start-ups im Silicon Valley, bezieht sich keineswegs nur darauf, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern auch darauf, die Welt verändern zu wollen.

Für jedes Problem die passende App

Bei Facebook etwa wird ernsthaft die Meinung vertreten, das soziale Netzwerk bringe die Menschheit näher zusammen und löse dadurch schon allerhand Probleme. Bei Google glauben nicht wenige, dass Technologie inhärent "gut" ist und damit stets das Potential besitzt, uns weiter voranzubringen - auch ohne große politische Debatte. So ist die Haltung fast überall im Valley, frei nach dem Motto: Für jedes Problem gibt es die passende App. Und wer weiß, vielleicht ist solcher Techno-Utopimus gar nicht unbegründet. Es lässt sich sicherlich die Position vertreten, dass Smartphone, iPad und Google Maps die Welt in den vergangenen Jahren weiter gebracht haben als das zerstrittene, im Stillstand festgefahrene Washington.

Allerdings geht es zunächst um die Konsequenzen, die daraus bislang gezogen wurden: Wozu sich einmischen in Washington, dort, wo es nur die Mittelmäßigen hin verschlägt, dort, wo sich nicht wirklich etwas bewegen lässt?

Zunehmend lassen einige der führenden Köpfe durchblicken, dass sie anders denken. Weil sie erkannt haben, dass die von ihnen gesteuerte digitale Revolution tatsächlich die Welt verändert. Und dass sie erstaunlich nahe dran sind, ihren Techno-Determinismus wirklich umsetzen zu können - dafür aber direkten politischen Einfluss benötigen. Bezos gehört sicherlich zu diesen Denkern.

Neuer Aktivismus aus dem Valley

Genauso wie der Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt. Sein im Frühjahr erschienenes Buch "The New Digital Age" liest sich wie ein Pamphlet für die politisch-soziale Agenda, die sich Google für die Zukunft wünscht.

Facebook-CEO Sheryl Sandberg hat ein Buch über Frauenpolitik und Arbeitswelt geschrieben.

Und eine ganze Reihe der führenden Köpfe des Silicon Valley, allen voran Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Yahoo-Chefin Marissa Mayer, haben sich vor wenigen Monaten erstmalig zu einer Lobby-Organisation zusammengeschlossen. Das offizielle Ziel: eine bessere Schul- und Uni-Ausbildung sowie eine neue Einwanderungspolitik durchzusetzen, die mehr Fachkräfte ins Land lässt. "Wir haben eine seltsame Einwanderungspolitik für eine Nation von Einwanderern", schrieb Zuckerberg jüngst in einem Gastbeitrag - für die "Washington Post". Es könne etwa nicht angehen, dass man viele der ausländischen Studenten wieder aus dem Land werfe, nachdem man sie erst zum Studieren in die USA geholt habe.

Tatsächlich hat der neue Aktivismus aus dem Valley in kürzester Zeit zu einem Entwurf für eine Einwanderungsreform geführt. Der schnelle Erfolg hat die Tech-Protagonisten darin bestärkt, sich endlich eine umfassendere offizielle Agenda zu schaffen.

VIP-Eintrittskarte in die konservative Politszene

"Jetzt wird realisiert, dass wir mehr Einfluss nehmen müssen in Washington", sagt etwa Kevin Hartz. Wenige sind an so vielen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre beteiligt wie er: PayPal, Airbnb, Pinterest - unter anderem. "Wir verstehen nur die Mechanismen der politischen Welt noch nicht genau, das lernen wir gerade." Ähnlich wie man im Valley ständig auf der Suche nach technischen Neuerungen sei, müsse nun ein innovativer Ansatz für den Umgang mit Politik und Regierung gefunden werden.

Nach dieser Denkweise ist es nur konsequent, dass jemand wie Jeff Bezos die "Washington Post" kauft. Es ist die VIP-Eintrittskarte in die konservative Politszene von Washington, ein enormes Sprachrohr. Wenn Bezos den Mitarbeitern des Blattes zuruft, man müsse "experimentieren", dann bezieht er das sicherlich nicht nur auf neue Geschäftsmodelle, sondern auch auf die eigene neue Rolle in Washington.

Das macht Bezos' Engagement deswegen nicht verdammenswert. Im Gegenteil. Wer erst einmal auf der politischen Bühne steht, kann nicht nur auf die Menge herabsprechen, sondern auch aus dem Saal angepöbelt werden. Und dafür ist die Zeit längst reif. Denn dank ihrer vorgeschobenen Politikferne haben sich bislang die Macher im Valley weitgehend darum gedrückt, aktiver Teil der öffentlichen Diskussion zu sein, die schon längst über die Folgen ihrer Arbeit geführt wird: Was ist noch privat in der digitalen Welt? Welche Bildungspolitik brauchen wir? Was sind die Folgen für den Arbeitsmarkt in einer zunehmend technologisierten Umgebung?

Zumindest für Bezos wird es nun schwerer, sich noch länger jeder gesellschaftlichen Debatte zu entziehen.

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1.
A.Hello 12.08.2013
Vielleicht hat Bezos ja vor in die Fußstapfen von William Randolph Hearst zu treten, der in den USA Anfang des 20. Jahrhundert mit Hilfe seines Zeitungsimperiums die Politik beeinflusste.
2.
hum4n0id 12.08.2013
Schon atemberaubend, mit welcher Frechheit die Größen der High-Tech-Branche fordern, die Schleusentore für billige indische Arbeitskräfte mit H1B -Visum zu öffnen. Sie erhalten so praktisch Leibeigene, denn das Visum ist an diesen einen Arbeitgeber gebunden, und sparen sich die Personalkosten für einheimische Programmierer. Dass gleichzeitig auch massenhaft Armutsflüchtlinge kommen, ungebildet und voller Ressentiments, nicht ihr Problem. Denn die Gewinne aus der Einwanderung erhalten sie, die Verluste... werden sozialisiert.
3. @hum4n0id
hmoik 12.08.2013
..."die billigen indischen H1B-Visa Arbeitskraefte" gruenden hier im Sili con Valley bis zu 25% der Start Ups, nachdem sie sich eingelebt haben. Damit schaffen sie dann doch mal eben den ein oder anderen Arbeitsplatz. Waehrend ihrer Angestelltentaetigkeit gelangt ein Gutteil des verdienten Geldes zu Verwandten in Indien, wie eben in einer Familien-orientierten Kultur nicht unueblich. Daneben tragen sie durch blosse Anwesenheit wie die statistisch 183 anderen im Valley lebenden "Voelker" zu dem besonderen Reiz dieses Ortes bei, der eben nicht nur in wirtschaftlichen Vorteilen besteht. Um einen Miarbeiter mit H1B zu beschaeftigen, muss man ueber unzaehlig absurde Huerden springen (wie bei anderen Visa auch). Dazu zaehlt u.a., dass man fuer 4 aufeinanderfolgende Ausgaben einer Regionalzeitung eine Stellenanzeige schalten muss - willkommen im Internetzeitalter.... oder Neuland, wie das bei Bundesmutti heisst!! Nach allen Regeln der Kunst muss nachgewiesen werden, dass man keinen amerik. Staatsbuerger fuer den Job findet - eine Heidenarbeit, verbunden mit erheblichen Kosten und einem Prozess von etwa 6-9 Monaten, wenn alles glattgeht. Daneben ist die Initiative der Valley - (und anderer) Unternehmer eben nicht nur in Bezug auf Visa, sondern auch fuer eine bessere Ausbildung an Schulen und Colleges gedacht. Hier heisst das vor allem bezahlbar, denn das haelt inzwischen unglaublich viele talentierte Menschen von einer adaequaten Ausbildung fern. Ein fuerchterlicher Fehler Fehler im System, den es schleunigst zu korrigieren gilt. ...nur die unmasgebliche Meinung eines deutschen Verrueckten, der im Valley gluecklich ist und dennoch seinen kritischen Blick nicht verloren hat ;-)
4.
thlang 12.08.2013
Kann @hmoik nur beipflichten bzgl. der absolut absurden Hürden um H*B Visas für qualifizierte Arbeitskräfte in den USA zu bekommen. Wird Zeit, dass das System reformiert wird und sich auch endlich mal jemand dem Immigrations-Thema annimmt der eine gewichtige Stimme hat. Bislang war das für die Amis weniger interessant, denn mit Immigration liessen sich keine Wahlen gewinnen, weil die Betroffenen nicht wählen können.
5. welche Haltung und welche Ziele
kommunikationsblase 13.08.2013
... hat er denn nun, lieber Autor. Das ist es doch was der Leser wissen muss um das neue Sprachrohr wilkommen zu heissen oder zu veddammen. Welchen Einfluss hat er bisher geltend gemacht und was isr geplant. Die Analyse seined bisherigen Handelns fehlt ebenso wie die Schlussfolgerungen. Nur einen Hinweis gibt es untrr dem Photo. Und dieser hinweis stimmt mich euphorisch positiv.
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Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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