Von Frank Patalong
Revolutionäre Botschaften haben es an sich, sich kaskadenartig durch eine Gesellschaft zu bewegen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Was mit wenigen Stimmen und Quellen beginnt, wächst sich - wenn es im Sinne des Aufständischen gut läuft - durch Weitergabe zu einer Welle aus, deren Amplitude im günstigsten Fall die Herrschenden von ihrem Thron fegt.
So war das immer schon, wohl selbst in Zeiten, bevor auch nur die Schrift erfunden war. Seit aber Botschaften und Inhalte nicht mehr nur von der Weitergabe von Mund zu Ohr angewiesen sind, gilt es um so mehr: Die französische, die amerikanische, auch die russische Revolution begann damit, dass Flugblätter nicht als Feuer-Zunder gebraucht, sondern gelesen, besprochen und weitergegeben wurden. Sie trugen Ideen hinein in die Gesellschaft, "synchronisierten" das Wollen der Massen.
Mit Bild und Ton in der Kommunikation gewannen die Botschaften an Authentizität und Macht. Nicht zuletzt das war der Grund, dass frühe Rundfunksysteme in fast jedem Staat der Erde staatlich kontrolliert wurden; dass jeder Putschist, jeder Aufständische zuerst versuchte, Zugriff auf die "Sender" zu bekommen. Ging das nicht, suchten sich die Informationen andere Wege: Der Umsturz des Ajatollah Chomeini im Iran des Reza Schah Pahlavi wurde durch die heimliche Weitergabe von Tonband-Kassetten vorbereitet, vielleicht erst ermöglicht.
Die Unruhen sind auch Zeichen einer Mediendämmerung
Seit Mobiltelefone praktisch in jeder Tasche stecken, SMS- und später Internet-basierte Kurznachrichtendienste es ermöglichen, Menschenmassen zu erreichen, ohne dafür über Zugriff auf herkömmliche Massenmedien haben zu müssen, steht Demonstrierenden mitunter eine bessere Kommunikationsinfrastruktur zur Verfügung als ihren meist staatlichen Opponenten. Das hat die Rolle klassischer Medien, vor allem des Rundfunks, deutlich geschmälert.
Medien, denen man gern nach ihrem potentiellen Einfluss eine entsprechende Wichtigkeit zuspricht, wird man ab sofort anders hierarchisch ordnen müssen: CNN? Nichts gegen Youtube. Das Radio? Kein Vergleich zu Twitter. Die Presse? Zahnlos im Vergleich mit Facebook. Zumindest in unruhigen Zeiten ist das nun so. Digitalmedien und Kommunikationsgeräte haben die Masse von den herkömmlichen Medien emanzipiert.
Wie ernst eine wackelnde Staatsführung das Phänomen in unruhigen Zeiten zu nehmen hat, erkannte schon im Februar 2010 das - siehe oben - so kommunikationserfahrene iranische Regime: Auf dem Höhepunkt der Protestwelle, die sich seit der umstrittenen Wiederwahl des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad im Juni 2009 schon zum Umsturz auszuwachsen schien, schränkten die Mullahs den Zugriff auf Twitter und Internet, auf Facebook und Instant-Messaging-Dienste und natürlich auch das Mobiltelefonnetz ein. Die Massenkommunikation, die Vernetzung der Demonstrierenden kollabierte - und der Aufstand erstarb.
Revolutionen werden nicht im Web gemacht
Skeptiker sahen das Internet als Demokratisierungswerkzeug da schon entzaubert. "Das Internet hilft den Massen, sich zu organisieren und Bilder ihres Aufstands zu verbreiten", hieß es damals in einem Artikel des SPIEGEL. "Aber kann es auch eine Diktatur stürzen?"
Ja, es kann.
Das bekamen die altetablierten Machthaber des Maghreb und des arabischen Kulturraums in den letzten Wochen in Tunesien vorgeführt. Innerhalb kürzester Zeit wuchsen vereinzelte Proteste gegen das scheinbar endlose Regime des autoritär herrschenden Zine el-Abidine Ben Ali zu einer Massenbewegung an, gegen die keine staatliche Propaganda, auch keine noch so harte Gegenmaßnahme am Ende Bestand hatte. Möglich habe das, sagt der marokkanische Blogger Hisham, die "Kaskade der Information" gemacht, die durch das Netz (und genauer: über Twitter) fegte, und dazu geführt, dass sich schließlich auch die Mittelschicht des Landes erhob.
...aber das Netz ist ihr ideales Werkzeug
In einem Interview mit al-Dschasira ging Hisham nicht so weit, dass Tunesien eine digitale, eine Internetrevolution erlebt habe. Möglich gemacht hätten den Umsturz "die Opfer, die die Menschen auf den Straßen gebracht haben". Die digitalen Kommunikationsmittel aber seien die Katalysatoren des Umsturzes gewesen. Sie, schrieb Hisham in seinem Blog äußerst treffend, seien die "Waffen der Massenverbreitung".
Wie könnte man sich dem nicht anschließen? Am 25. Januar erlebte Ägypten seinen "Tiananmen-Moment", als sich für ein paar Sekunden ein einzelner Mann vor einen anrückenden Wasserwerfer stellte. Es gibt verhältnismäßig wenig Augenzeugen für diesen Augenblick - zumindest solche, die vor Ort waren. Einige von denen aber hatten Smartphones, der Rest ist Youtube, wie man sich denken kann: Es dauert nicht lange, bis so ein Video hochgeladen ist.
Darauf hört und sieht man, wie die Stimmung umschlägt: Aufkeimende Panik vor der anrückenden Staatsmacht schlägt um in begeisterte Anfeuerungsrufe. Schnell stellen sich weitere Männer vor den gepanzerten Wagen, der natürlich trotzdem nicht aufzuhalten ist. Ägyptens "Tiananmen-Moment" aber dauert an, steht da bei Youtube, wird von Millionen gesehen, läuft über die Fernseher in aller Welt. "Ein Bild", schreibt darüber ein anderer arabischer Blogger, "ist so viel Wert wie Millionen Worte."
Es sind die Textnachrichten, Fotos und Web-Videos, die den Funken von Tunis in den letzten Tagen verbreiteten. Proteste in Ägypten sind nichts Ungewöhnliches. Koordinierte, nahezu orchestrierte landesweite Proteste aber brauchen ein Medium, das sowohl "Rundfunk" als auch Kommunikationskanal ist. Das ist die eigentliche neue Qualität, die die Web-basierten Dienste von älteren Kommunikationsmitteln scheidet. Insofern ist die Sperrung des Internet in Ägypten ein logischer Schritt, wenn man den Machterhalt will. Ob er, wie im letzten Jahr in Iran, noch wirkt, bleibt abzuwarten. Am Ende, sagt der Blogger Hisham, entschieden sich die Dinge auf der Straße, und nicht im Netz. Seinen Dienst als Katalysator hat es womöglich schon getan.
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