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01. Juni 2012, 17:04 Uhr

Überleben als Regisseur

Künstlersozialkasse und Katzenfutter

Staatliche Filmförderung, Hörspiele für öffentlich-rechtliche Sender, ab und zu Geld von Kunstsammlern: Der Regisseur Wenzel Storch lebt nach drei gelobten, aber gefloppten Filmen von Kurzgeschichten und Malerei. Storchs Videoclip für Bela B hatte im Netz mehr Zuschauer als seine Filme im Kino.

Der Filmemacher Wenzel Storch, 51, wurde in Braunschweig geboren. Er hat bei seinem letzten großen Kinowerk "Reise ins Glück" als Produzent, Regisseur und Kameramann fast alles selbst gemacht. Der auf Festivals ausgezeichnete und von Kritikern gelobte Film erschien im Selbstverleih und floppte. Storch wohnt in Hildesheim in einer alten Fabrik am Bahngelände, verkauft seine Malerei und Kurzgeschichten. Wovon er lebt? Das Protokoll:

In die Welt des Films bin ich hineingerutscht. Als ich mich nämlich - das war in den achtziger Jahren und im Rahmen eines sommerlichen LSD-Trips - in den Hildesheimer Dom verirrte und mich plötzlich mit breitem Kopf vor dem Tausendjährigen Rosenstock wiederfand, dem Wahrzeichen unserer Stadt: Wie wäre es, dachte ich - oder besser: dachte die Chemie in mir -, wenn man, zur höchsten Ehre Gottes und quasi hinter dem Rücken der Kirche, einen römisch-katholischen Propagandafilm herstellen würde?

Mir schwebte ein psychedelischer Monumentalfilm vor, eine Art Messdiener-Report: Ein sportlicher Pfarrer tollt mit seinen Buben durch ein apostolisches Zauberland, und am Ende schneidet er sich auf dem Opfertisch die Hand ab, um sich aus den Knochen ein Mobile zu basteln... Ich dachte mir, so kunterbunt und unberechenbar wie auf Trip müsste es auch mal auf der Leinwand zugehen. Das Ergebnis hieß "Der Glanz dieser Tage", war 93 Minuten lang und mit 3000 Zuschauern 1989 ein ausgewachsener Flop.

32.000 Zuschauer bundesweit

Danach kam "Sommer der Liebe", wieder eine Mischung aus Realszenen, Zeichen- und Puppentrick, wieder unterstützt von der kulturellen Filmförderung. Der Film wurde auf Super 8 gedreht, kam 1993/94 als 16-mm-Blow-up in die Programmkinos, wo ihn 32.000 Zuschauer gesehen haben. Das dürften Rekordzahlen für einen Super-8-Film gewesen sein.

Zwischen 1996 und 2001 arbeitete ich an "Die Reise ins Glück", einem 35-mm-Ausstattungsfilm, der einfach nicht fertig werden wollte. In einer tausend Quadratmeter großen Lagerhalle am Hildesheimer Hafen stampften wir ein ganzes Kulissendorf aus dem Boden, unter grotesken Bedingungen: ohne Heizung, ohne Wasser, als einziger Luxus stand ein Dixi-Klo vor der Tür. Ein goldenes Schloss und ein Schneckenschiff, 50 Tonnen schwer, komplett mit Kapitänskajüte, Maschinenräumen, verwinkelten Korridoren und einem Ballsaal für die Bordkapelle. Auf die Kulissen-Schinderei folgten die von allerlei Pannen und Katastrophen begleiteten Dreharbeiten. Und spätestens, als ein Sturm die sieben Meter hohe Schlossfassade einfach umpustete, kam ich ernsthaft ins Grübeln.

Zehn Jahre Kulissenbau

Nachdem sich Kulissenbau und Dreharbeiten von "Die Reise ins Glück" über fast zehn Jahre hingezogen hatten und den Film anschließend kein Verleiher haben wollte - die deutschen Verleiher schlagen ja immer die Hände überm Kopf zusammen, wenn sie den Namen Wenzel Storch hören -, habe ich ihn, wie schon "Sommer der Liebe", im Eigenverleih ins Kino gebracht. Mit dem niederschmetternden Ergebnis, dass ihn dort gerade mal 16.000 Leute gesehen haben. Das mag für einen selbst verliehenen Film beachtlich sein, ist aber kommerziell gesehen ein echter Flop. Und irgendwie erschütternd, wenn man sich die Presseresonanz ansieht. Überall erschienen seitenlange Kritiken oder Drehberichte, eine zwölfseitige Fotostrecke in "Geo", sechs Seiten im "Rolling Stone", vier Seiten in der "Titanic", zwei Seiten in "Spex" und dazu je eine Seite im SPIEGEL und in der "Zeit" - da sollte man doch meinen, die Kinos platzen aus allen Nähten.

Danach hatte ich vom Filmen, das heißt von zeitraubenden, mehrjährigen Projekten, erst mal die Nase voll. Allerdings habe ich 2009, als vorläufigen Abschluss, noch einen Videoclip gedreht: "Altes Arschloch Liebe" für Bela B. Der hatte dann, allein auf MySpace, mehr Zuschauer als alle meine Filme zusammen.

Kurzgeschichten über militante Mönche

Stattdessen habe ich angefangen zu schreiben: kleine Serien über die Helden meiner Kindheit, über vergessene Heroen des katholischen Underground, die seit 2007 in loser Folge in "konkret" erscheinen. Das sind Geschichten über militante Mönche wie den "Speckpater", den seine Fans "Die Dampfwalze Gottes" nannten, oder über Johannes Leppich, einen schlesischen Wanderprediger, der mit unflätigen Predigten die Reeperbahn unsicher machte. Diese Texte sind 2009, zusammen mit Hunderten von Abbildungen, unter dem Titel "Der Bulldozer Gottes" erschienen. Ein zweiter Band, in dem es vor allem um die Geschichte der katholischen Sex-Literatur geht, soll im Herbst 2012 folgen.

In diesem Jahr erscheinen, wenn alles klappt, zwei weitere Bücher von mir: ein Cartoon-Band über das Privatleben des Heidedichters Arno Schmidt und ein Bildband über die Produktionsgeschichte meiner Filme. Die kuriosen und pannenreichen Entstehungsgeschichten finden manche Leute ja unterhaltsamer als die Filme selber, weshalb die DVDs von "Die Reise ins Glück" und "Sommer der Liebe" mit Zusatzmaterial vollgestopft sind.

Ein Hörspiel garantiert mehrere Monatsmieten

Zwischendurch fahre ich gelegentlich mit Lesungen durchs Land und werfe dazu Schmuddelbildchen an die Wand. Ab und zu setze ich mich auch hin und schreibe ein kleines Hörspiel, zuletzt die Revue "Komm in meinen Wigwam", eine halbdokumentarische Pilgerreise in die kuriose Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur. Die lief - untermalt mit viel Musik von Pur, Bill Ramsey und den Kastelruther Spatzen - auf SWR2. Rundfunkarbeiten, wenn sie denn zustande kommen, sind ja ein großes Glück: So ein Hörspiel garantiert mit einem Schlag mehrere Monatsmieten - das sind dann in meinem Fall fast 1500 Euro. Dann und wann kauft mir auch mal der eine oder andere Sammler eins meiner Gemälde ab. Das sind kleinformatige Filzstiftbilder mit launigen Titeln wie "Nur der Dackel war Zeuge" oder "In Bed with Petra Pau".

Wenn ich das so erzähle, hört sich das fast fleißig an. Aber das alles reicht, wenn man's am Monatsende zusammenrechnet, gerade mal für die Miete, die Künstlersozialkasse und das Katzenfutter.

Natürlich würde ich gerne noch einmal einen Film machen. In ein paar Jahren vielleicht und vorausgesetzt, es findet sich ein Produzent. Dabei schwebt mir ein lustiger Film über Depressionen vor - eine Art bewusstseinserweiterndes Kafka-Musical. Dafür müsste man allerdings die Altstadt von Prag und die Abtei von Thelema nachbauen. Das wäre natürlich wieder ein großer Ausstattungsfilm, und ob die Filmförderung da mitspielen möchte, weiß ich nicht.

Aufgezeichnet von Rasmus Engler

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