Werbeblocker-Firma Shine "Es wird Opfer geben"

Ein werbefreies mobiles Internet verspricht das Unternehmen Shine. Über Technik, die direkt beim Mobilfunkanbieter aufgestellt wird, soll Reklame aus dem Netz gefiltert werden. Aber ist das legal? Und welche Provider machen mit?

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Werbeblocker für den Browser: Mobiles Netz ohne Reklame?
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Werbeblocker für den Browser: Mobiles Netz ohne Reklame?


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Gerade Werbung auf Mobilgeräten gilt als großer Wachstumsmarkt. Das Marktforschungs-Unternehmen eMarketer zum Beispiel prognostiziert für 2016 im Bereich mobile Reklame weltweite Umsätze jenseits von hundert Milliarden Dollar. Damit würde Werbung auf Handys und Tablets schon im kommenden Jahr mehr Geld einbringen als alle anderen digitalen Werbeformen zusammen. All das könnte jedoch anders kommen, wenn es nach den Betreibern eines israelisch-kalifornischen Unternehmens namens Shine geht.

Shine plant, das berichtet die "Financial Times" an diesem Freitag, Werbung auf Handys zum Verschwinden zu bringen. Aber nicht mit einem Werbeblocker auf dem Endgerät selbst: "Wir installieren bei den Providern Kisten mit unserer Technik", so Shines Vermarktungschef Roi Carthy auf Anfrage. Mit einer Reihe von Mobilfunkanbietern habe man bereits Vereinbarungen geschlossen, darunter auch europäische Unternehmen. Einer der Partner soll 40 Millionen Vertragskunden haben.

Was sagen die deutschen Provider?

Zum Vergleich: Die Telekom, in Deutschland Marktführer, hat hierzulande knapp 40 Millionen Mobilfunkkunden. Weltweit allerdings waren es Anfang 2015 schon über 150 Millionen.

"Provider rund um die Welt" dächten bereits über Anzeigenblockaden auf Mobilgeräten nach, sagt Carthy. Welche das seien und mit wem man bereits Verträge geschlossen habe, könne er aber nicht verraten. Diese Entscheidung läge bei den jeweiligen Unternehmen. Provider hätten mit der Lösung seines Unternehmens die Chance, "Vorkämpfer für die Rechte der Verbraucher" zu werden.

Ob unter den Shine-Kunden auch deutsche Mobilfunkanbieter sind, ist derzeit unklar, wahrscheinlich ist es nicht. Vodafone und Telefonica (E-Plus und O2), erklärten auf Anfrage, man kommentiere den Bericht der "Financial Times" nicht. Von der Telekom heißt es: "Wir beobachten den Markt, haben aber derzeit keine Maßnahmen geplant."

Werbung bei Twitter und im Facebook-Feed bleibt erhalten

Im Browser, sagt Shine-Manager Carthy, habe man heute schon "ziemlich angemessene Möglichkeiten", Werbung zu blockieren. Gegen den Anbieter des größten Herstellers von Adblocker-Plug-ins für Webbrowser laufen in Deutschland derzeit mehrere Klagen. Das Landgericht Hamburg hat im April zwar eine Klage von "Zeit Online" und dem "Handelsblatt" gegen solche Programme zur Werbeunterdrückung abgewiesen. Die beiden Unternehmen erwägen jedoch, in Berufung zu gehen, zudem sind weitere Prozesse vor anderen deutschen Gerichten anhängig oder geplant.

Dass Internetnutzer überhaupt Werbeblocker einsetzten, zeige doch, dass es einen Bedarf gebe, sagt Carthy: "Wir sind für eine Wahlmöglichkeit für die Nutzer, wir halten das für deren Recht." Auf die Rückfrage, wie das offene Internet weiterbestehen könne, wenn Anzeigen flächendeckend ausgeblendet und damit Geschäftsmodelle zerstört würden, antwortet der Marketingchef, es gebe ja andere Möglichkeiten, online Geld zu verdienen. Etwa mit sogenanntem Native Advertising, also Werbung im redaktionellen Gewand. Außerdem nennt er Abonnement-Modelle oder Werbung in personalisierten Nachrichtenfeeds wie bei Twitter, Facebook oder Snapchat. Werbeformate wie gesponserte Tweets soll die Shine-Technik nicht ausfiltern.

Dass das Geschäftsmodell seines Unternehmens auf heftigen Widerstand stoßen dürfte, ist Carthy klar. "Ich bin sicher, dass man das juristisch anfechten wird", sagt er, die juristischen Implikationen seien aber "von allen Beteiligten geprüft worden", die Rechtsabteilungen der kooperierenden Provider eingebunden. Es sei klar, dass es hier "um ein Spiel mit hohem Einsatz" gehe, sagt Carthy: "Das wird eine große Schlacht, ja ein Krieg, und es wird Opfer geben."

Selbst werben und Werbung der anderen ausblenden?

Auf die Frage, ob das Shine-Modell, das ja einen Eingriff der Provider in den Internet-Datenstrom darstellt, nicht gegen Regeln zur Erhaltung der Netzneutralität verstoße, antwortet Carthy ausweichend: Man kämpfe schließlich für die Rechte der Nutzer. Die EU steht derzeit kurz davor, die Netzneutralität verbindlich festzuschreiben, auch in den USA wird es Internetprovidern wohl verboten, in den Datenverkehr einzugreifen.

Gerade für Mobilfunkanbieter, die selbst Geld mit Werbung verdienen - etwa auf den Webseiten ihrer Webmail-Angebote - könnte die Einbindung eines providerseitigen Werbeblockers auch ansonsten heikel sein: Das Ausblenden der Reklame der Konkurrenz könnte als Wettbewerbsverzerrung gedeutet werden.

Ein deutscher Branchen-Insider sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass sich die großen Provider an solch einem Projekt versuchen - allein schon, weil sie sich mit einer solchen Blockade rechtlich auf dünnem Eis bewegen würden. Vielleicht wolle jemand einfach ausprobieren, wie die mediale Reaktion auf solch einen Vorstoß ausfiele.

Als der französische Provider Free Anfang 2013 begann, Onlinewerbung bei seinen Kunden routinemäßig über eine Einstellung im Router auszublenden, hatte das umgehend Folgen: Sogar die Ministerin für digitale Wirtschaft protestierte damals öffentlich gegen das Vorgehen. Nur wenige Tage später stellte Free die Werbeblockade wieder ein.

Zusammenfassung: Das Unternehmen Shine will providerseitig Werbung aus mobilen Webseiten und Apps herausfiltern. Für den deutschen Markt wollen Vodafone und Telefonica das nicht kommentieren, die Telekom erklärt, man habe derzeit keine derartigen Pläne. Große Teile des mobilen Internets sind werbefinanziert. Werbefiltern direkt bei den Anbietern stehen mehrere juristische Hindernisse entgegen.

Mitarbeit: Markus Böhm

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insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
kynik 15.05.2015
1. teil des sicherheitskonzeptes
mittlerweile geht es bei adblockern nicht mehr nur um den surfkomfort. nach den vielen bekannt gewordenen vorfällen, in denen schadsoftware über adserver verteilt wurde, gehören werbeblocker mittlerweile zum sicherheitskonzept dazu.
kevinschmied704 15.05.2015
2. @spon
und denoch habe ich mein internen tracking schutz acktiviert. ^^ ein dank an alle deutsche unis und Vereinigungen die listen dazu bereitstellen. es ist ein traum auf spiegel und sonst wo zu sein und komplett frei von Werbung...aber vorallem komplett frei von auspionierender Werbung...zu sein. wer daran interessiert ist... sollte einfach" tracking schutz" aktivieren über Google suchen. übrigens wer sich ein Programm rauf zieht um Werbung zu blocken..erhöt das Risiko durch vieren und Spionage Software, sich leichter angreiffbar zu machen. gruss
uherm_ 15.05.2015
3. Für SPON
würde ich gerne bezahlen, wenn er werbefrei wäre. Banner am Smartphone sind einfach nur ärgerlich.
cededa 15.05.2015
4. Werbung?
Im Internet? Nonsense!
Phil2302 15.05.2015
5.
Werbung auf dem Handy ist auch nicht aufdringlich. Das ist mal als Seite zwischengeschaltet, mal ein kleiner Banner. Da brauch ich keinen Adblocker. Auf dem PC ohne ist es jedoch die Hölle - und mitunter auch gefährlich.
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