Bericht über Streit Auch zweiter WhatsApp-Gründer verlässt Facebook

Jan Koum ist einer der Gründer von WhatsApp, der Verkauf des Chatdienstes an Facebook machte ihn zum Milliardär. Nun zieht er sich zurück. Einem Bericht zufolge gab es Meinungsverschiedenheiten mit Mark Zuckerberg.

Jan Koum (2016)
REUTERS

Jan Koum (2016)


"Es ist fast ein Jahrzehnt her, dass Brian und ich WhatsApp gegründet haben, und es war eine wunderbare Erfahrung mit einigen der besten Menschen. Aber jetzt ist es Zeit für mich weiterzuziehen." Mit diesen Worten beginnt der Facebook-Post von Jan Koum. Der Mitgründer und langjährige Chef des Chatdienstes teilt darin mit, dass er die Konzernmutter Facebook verlassen wird.

Einzelheiten zu den Gründen erwähnte Koum nicht. Laut "Washington Post" streitet er sich mit dem Management des sozialen Netzwerkes über Versuche von Facebook, persönliche Daten von WhatsApp-Nutzern zu verwenden und die Verschlüsselung der Nachrichten einzuschränken.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg antwortete auf Koums Nachricht, dankte ihm für seine Arbeit und dafür, dass er ihm zum Thema Verschlüsselung einiges beigebracht habe. Außerdem schrieb Zuckerberg, er werde die enge Zusammenarbeit mit Koum vermissen; und dass Werte wie Verschlüsselung immer zentraler Bestandteil von WhatsApp bleiben würden.

Jan Koum - vom Hilfsempfänger zum Milliardär

Koum und Brian Acton hatten WhatsApp 2014 für rund 22 Milliarden Dollar an Facebook verkauft. Der Deal hatte Koum - einen Einwanderer aus der Ukraine, dessen Familie einst auf Lebensmittelhilfen angewiesen war - zum Milliardär gemacht (mehr zu Koums Biografie lesen Sie hier). Er und Acton sicherten sich zudem weitreichende Unabhängigkeit: So blieb WhatsApp werbefrei, und die Daten wurden zunächst komplett getrennt.

Inzwischen gleichen WhatsApp und Facebook Chart zeigen nach Angaben des Unternehmens Telefonnummern ab, um Spam herauszufiltern. Zugleich setzt WhatsApp auf die sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der Nachrichten nur für Absender und Empfänger lesbar sind, aber nicht für die Firma selbst.

Worüber sich WhatsApp und Facebook uneins sind

Der Dienst hat inzwischen mehr als 1,3 Milliarden Nutzer weltweit. Doch der Datenschutz-Fokus der WhatsApp-Gründer und deren prinzipielle Ablehnung von Werbung machten es für Facebook schwieriger, Geld mit dem teuer gekauften Dienst zu verdienen. Der "Washington Post" zufolge sperrten sich WhatsApp-Manager dagegen, Daten des Dienstes für übergreifende Nutzerprofile einzusetzen, bei denen auch Informationen von Facebook und der ebenfalls zum Konzern gehörenden Fotoplattform Instagram verknüpft würden.

In Europa waren schon erste Versuche, Informationen von WhatsApp mit Facebook auszutauschen, auf Widerstand von Datenschützern gestoßen. Und die EU-Kommission belegte das Online-Netzwerk vor einem Jahr mit einer Strafe von 110 Millionen Euro. Der Grund war, dass Facebook bei der Freigabe der Übernahme erklärte, es sei technisch nicht möglich, Daten von WhatsApp und des Online-Netzwerks zu verknüpfen - dann aber 2016 den Abgleich der Telefonnummern ankündigte.

Die Geschäftsidee bei WhatsApp war zuletzt die Möglichkeit, Unternehmen mit ihren Kunden kommunizieren zu lassen. Auch hier gab es nach Informationen der Zeitung aber Differenzen: Facebook habe die Nutzung des Dienstes für Firmen vereinfachen wollen, nach Ansicht von WhatsApp hätte dies ein Aufweichen der Verschlüsselung erfordert. Am Ende sei Koum der Meinungsverschiedenheiten überdrüssig geworden, hieß es unter Berufung auf informierte Personen. Andere WhatsApp-Mitarbeiter wollen demnach im November gehen, wenn ihre Aktienoptionen fällig werden.

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Brian Acton hatte das Unternehmen bereits im vergangenen September verlassen. Vor wenigen Monaten investierte er 50 Millionen Dollar in Technologie für verschlüsselte Kommunikation, in Form einer gemeinnützigen Organisation.

Facebook kämpft zurzeit mit einem der größten Datenschutzskandale in der Firmengeschichte. Der US-Konzern hatte im März zugegeben, dass die britische Politikberatung Cambridge Analytica die Daten von Millionen Nutzern zu Unrecht in die Hände bekam. Acton rief im Zusammenhang mit dem Skandal Facebook-Nutzer via Twitter dazu auf, ihre Accounts zu löschen.

Koum galt in dem Unternehmen als einer der wichtigsten Datenschutzbefürworter. Er schrieb nun, er gehe zu einer Zeit, in der das Team bei WhatsApp stärker sei als jemals zuvor. Er selbst werde sich nun erst mal eine Auszeit nehmen "um Sachen zu tun, die nichts mit Technologie zu tun haben" - zum Beispiel seltene, luftgekühlte Porsche-Modelle sammeln, an seinen Autos arbeiten und Ultimate Frisbee spielen.

aar/dpa

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chico11mbit 01.05.2018
1. Acton investiert 50 Mio in Messenger Signal
Man darf schon sagen, dass Acton 50 seiner Millionen dem OpenSource Messengerdienst Signal frei zur Verfügung stellt, der von einer gemeinnützigen Stiftung entwickelt wird. Seine Intention ist, dass der Dienst auf sehr sehr lange Zeit unabhängig von jeder industriellen und staatlichen Einflussnahme bleibt. Ich denke das ist ein starkes Zeichen Richtung Signal.
bookwood74 01.05.2018
2.
'Abgleichen von Telefonnummern' ist ein schönes Wort. Facebook kommt damit in den Besitz von Namen, Adressen, Geburtsdaten von Personnen die nichts mit Facebook zu tun haben und nie irgendeine Bewilligung gegeben habem, geschweige jemals einen Computer benutzt haben. Das alles ueber Dritte. Meine Grossmutter zum Beispiel. Das ist Schnueffeln pur.
Cr4y 01.05.2018
3. Deswegen fragt FB so vehement nach meiner...
... Handynummer. Seit geflühlten 5 Jahren klicke ich die Meldung weg. Klar, ein zweiter Faktor macht die Authentifizierung sicherer. Aber das ist wohl nur ein Feigenblatt, um eine sichere Verknüpfung der beiden Profile gewährleisten zu können. Die Facebook apps habe ich schon seit Ewigkeiten vom Handy gelöscht. Das bisschen was ich noch in Facebook mache geht auch per Browser...
FritzR. 01.05.2018
4. Alternative Messenger laden - jetzt!
Jeder Leser dieses Artikels, der findet, dass das WhatsApp-Monopol unheimlich ist, sollte daraus jetzt sofort Konsequenzen ziehen und einen oder zwei der sicheren WhatsApp-Alternativen (z.B. Threema oder Signal) auf das eigene Smartphone laden! Auch wenn da erstmal nur wenige Kontakte erscheinen, sollte man die nicht gleich wieder löschen. Nur so können sich die Alternativen langsam verbreiten.
permissiveactionlink 01.05.2018
5. Das ist doch nichts Neues,
dass es zu What's app weitaus bessere und wesentlich sicherere Alternativen gibt. Aber Vorsicht : Maximale Sicherheit bieten eigentlich nur fünf Messenger, Signal, Xabber, Wire, Chatsecure (nicht verwechseln mit Securechat !) und Conversations. (Sorry, Threema und Telegram gehören leider nicht dazu !) Xabber bietet nur die etwas überholte OTR Verschlüsselung, Chatsecure wird nur noch für iOS weiterentwickelt, für Android wird Conversations empfohlen. Alle Fünf bieten freien, einsehbaren Source-Code (Git-Hub/GPL), Ende-zu-Ende- Verschlüsselung, verschlüsselte Client-Server-Verbindung (TLS, Transport Layer Security), Authentifizierung, Abstreitbarkeit und Perfect Forward Secrecy. Conversations ist ein relativ junger Instant-Messenger eines deutschen Entwicklers, Daniel Gultsch. Die von ihm entwickelte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung OMEMO wird neuerdings auch in Chatsecure (nur iOS) genutzt. Conversations bietet aber auch Verschlüsselung nach dem Open-PGP Standard an, desgleichen natürlich auch verschlüsselte Gruppenchats oder Dateien und Bilder. Es gibt keinen Grund mehr, bei What's app und seiner Facebook-Datensammelwut zu verweilen. Es gibt besseres und sichereres, noch dazu open source und für Krypto-Experten überprüfbar.
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