Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Whistleblower-Affäre: Snowden spaltet Amerika

Von , Washington

Die USA debattieren über den NSA-Skandal, doch nicht die Abhöraktionen stehen im Fokus. Stattdessen geht es vor allem um die Rolle von Whistleblower Snowden - US-Präsident Obama kommt das gelegen.

Ist Edward Snowden ein Verräter und Spion, und gilt dies auch für die Menschen, denen er seine heiklen Informationen übergab? In der renommierten NBC-Sendung "Meet the Press" kam es am Sonntag zum Schlagabtausch zwischen Moderator David Gregory und Glenn Greenwald, also jenem Blogger vom "Guardian", dem der Enthüller Snowden die Dokumente über die amerikanisch-britischen Schnüffelaktionen zugespielt hatte.

Gregory: "Insofern Sie Snowden geholfen und unterstützt haben, warum sollten dann nicht auch Sie, Mr. Greenwald, einer Straftat angeklagt werden?"

Greenwald: "Das ist schon sehr außergewöhnlich, dass jemand, der sich selbst Journalist nennt, öffentlich darüber nachsinnt, ob andere Journalisten einer Straftat angeklagt werden sollten…"

Gregory: "Die Frage, wer hier Journalist ist, können wir gern diskutieren mit Blick auf das, was Sie tun…"

Ein paar Minuten später twittert Greenwald: "Wozu braucht es noch den Versuch der Regierung, Journalismus zu kriminalisieren, wenn David Gregory das übernimmt?"

Man kann diesen geharnischten Dialog der beiden Amerikaner auf verschiedene Weise lesen. Einerseits als Beleg, dass selbst US-Journalisten wie Gregory die Überwachungsprogramme ihres Staates nicht wirklich hinterfragen: Warum unterstellt er in seiner Frage dem Kollegen, Snowden unterstützt zu haben? Andererseits als Beleg für unabhängigen Journalismus: Warum sollte die Rolle des gelernten Anwalts Greenwald, der sich stets auch als Aktivist gibt, eigentlich nicht kritisch beleuchtet werden? Jedenfalls diskutiert Amerikas Deutungselite seit zwei Tagen munter, wie das zu verstehen ist.

"NSA-Story ist zur Snowden-Story geworden"

Und die US-Bevölkerung? Was sagen die Leute mit Blick auf den NSA-Skandal? Diverse Meinungsumfragen der vergangenen Tage belegen auch hier: einerseits, andererseits. 54 Prozent der Amerikaner meinen laut einer Befragung im Auftrag des "Time"-Magazins, Snowden habe mit seinen Enthüllungen der Öffentlichkeit einen Dienst erwiesen. Gleichzeitig aber sagen wiederum 53 Prozent, wer geheimes Material veröffentliche, der solle bestraft werden. Und während 43 Prozent meinen, dass die Regierung die Überwachungsprogramme einschränken solle, sind 28 Prozent mit der gegenwärtigen Politik einverstanden. 20 Prozent wären sogar bereit, mehr Privatsphäre aufzugeben, um potentiell terroristische Anschläge zu verhindern.

Das heißt: Es gibt eine gewisse Sympathie für den Enthüller, aber grundsätzlich ist der Mehrheit der US-Bürger Sicherheit wichtiger als Datenschutz. Die Terrorangst ist allgegenwärtig. Warum ist das so, ausgerechnet im selbsterklärten "Land of the Free"? Und warum scheinen die Europäer im aktuellen Fall weit empörter?

"Sowohl Amerikaner als auch Europäer legen durchaus Wert auf ihre Privatsphäre, aber auf unterschiedliche Art und Weise", sagt Neil Richards, Jura-Professor an der Washington University in St. Louis - und Engländer. Es gebe Bereiche, wo US-Bürgern "Privacy" weit wichtiger sei als Europäern, etwa wenn es um Finanzinformationen oder körperliche Nacktheit gehe. Dagegen seien Amerikaner zum Beispiel über das Ausmaß der Videoüberwachung in Großbritannien schockiert. "Und dann argumentieren sie ganz ähnlich und meinen, für die Briten spiele die Privatsphäre keine Rolle", sagte Richards SPIEGEL ONLINE. Zudem bereite die NSA-Überwachung weniger Sorgen hierzulande als in Europa, weil sie sich eben nach Aussagen der Regierung vornehmlich gegen Ausländer richte.

Tatsächlich setzen US-Politiker beider Parteien bisher auf genau dieses Argument. Präsident Barack Obama hat wieder und wieder versichert, es würden keine E-Mails von Amerikanern gelesen. Allerdings bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen die Enthüllungen des vergangenen Wochenendes über die massiven Schnüffelaktionen des britischen Geheimdienstes GCHQ auf die US-Öffentlichkeit haben - schließlich haben auch amerikanische Dienste Zugriff auf die Daten der Verbündeten. Wohlgemerkt, die Briten zapfen die Transatlantikkabel an. Wie sollen US-Bürger da verschont bleiben von der Spionage?

Die spannendste Frage: Wo steckt Snowden?

Diese Frage allerdings ist ins Abseits gedrängt worden durch Edward Snowden selbst: Spätestens seit dem Wochenende dominieren nicht mehr seine Enthüllungen, sondern seine Flucht weltweit die Schlagzeilen. "Jetzt weiß die ganze Welt, in welchem Flugzeug er vermutet wird und welche Länder er als Zufluchtsort erwägt", schreibt der "Washington Post"-Kolumnist Ezra Klein. Die Namen der Schnüffelprogramme dagegen seien aus den Nachrichten verschwunden: "Die NSA-Story ist zur Snowden-Story geworden."

Präsident Obama kann das nur recht sein. Zwar lenkt der Fall Snowden ab von den Themen, mit denen er in dieser Woche punkten wollte - Einwanderungsreform, große Rede zum Klimawandel, Reise nach Afrika - aber dafür darf seine Regierung nun Fragen nach Auslieferungsabkommen beantworten oder Hongkong und Russland kritisieren, statt über Schnüffelprogramme Auskunft zu geben.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 138 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. gesteuerte medien
idealist100 25.06.2013
Zitat von sysopAP/dpaDie USA debattieren über den NSA-Skandal, doch nicht die Abhöraktionen stehen im Fokus. Stattdessen geht es vor allem um die Rolle von Whistleblower Snowden - US-Präsident Obama kommt das gelegen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/whistleblower-snowden-amerika-gespalten-ueber-umgang-mit-nsa-affaere-a-907638.html
Ist doch wunderbar für die Abhörpolitik. Man steuert die Medien wie man will und die spielen alle mit. Wer das noch nicht mit bekommen hat lebt in einer anderen Welt.
2. Man liebt den Verrat, hasst aber Verräter
Septic 25.06.2013
Das ist eine uralte Erkentnis, dass ein Verräter (das deutsche Wort für Whistleblower) gehasst wird, man das was er aber verraten hat gerne wissen möchte. Man sollte als Presse also weg von der Person kommen (denn da kommen irrationalte psychologische Reaktionen bei denen sogar persönliches Aussehen der Person eine Rolle spielt) und sich mal voll auf die eigentliche Information die er verraten hat konzentrieren. Ist das was die Regierungen hier tun, nämlich die komplette Informationsüberwachung, mit den Grundsätzen von Freiheit und Privatssphäre vereinbar? Gilt hier nicht der weise Satz von Benjamin Franklin?: „Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“
3. Die Wahrheit ist bitter
EvilGenius 25.06.2013
Snowden erinnert die Amerikaner daran, für welche moralischen Werte ihr Land früher einmal gestanden hat. Nicht jedem gefällt der Blick in den Spiegel...
4. wenn
jamesbrand 25.06.2013
ich das richtig verstehe ist die Bekanntmachung einer Straftat das wahre Delikt, nicht die Straftat selbst?
5. Nebelmaschinen und Nebelkerzen...
spargel_tarzan 25.06.2013
Zitat von sysopAP/dpaDie USA debattieren über den NSA-Skandal, doch nicht die Abhöraktionen stehen im Fokus. Stattdessen geht es vor allem um die Rolle von Whistleblower Snowden - US-Präsident Obama kommt das gelegen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/whistleblower-snowden-amerika-gespalten-ueber-umgang-mit-nsa-affaere-a-907638.html
haben reißenden Absatz und Hochkonjunktur. jeder ordenliche Staat sollte davon immer ein aufgefülltes Lager haben, man weiß ja nie wann man es benötigt. Alles Sandmänner, die den Leuten ordentlich Sand in die Augen streuen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
US-Whistleblower: Snowdens Ankunft in Moskau

Fotostrecke
Utah: Die NSA und ihr Mammut-Datencenter

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: