Bei einer Reise nach Iran habe ich Internet-Zensur zum ersten Mal selbst erlebt. Ich wusste zwar, dass es so etwas gibt, aber ich konnte mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, was genau das zu bedeuten hat. Als ich einer Verwandten einige deutsche Webseiten zeigen wollte, wurde mir langsam bewusst, was Zensur überhaupt heißt. Die Webseiten wurden nicht angezeigt, es gab immer wieder eine Fehlermeldung im Browser. Zu diesem erschöpfenden "Interneterlebnis" hat auch die Geschwindigkeit beigetragen: Während wir darauf warteten, dass die Seite geladen wird, haben wir uns Tee gemacht, den Tee ausgetrunken und sind dann erst zurück zum Rechner gegangen.
Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009 haben mich schließlich dazu gebracht, mich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Damals konnte ich durch Bilder, Berichte und Videos im Internet alles mitverfolgen, was auf Irans Straßen passierte. Das Internet wurde wichtiger als die klassische journalistische Berichterstattung. Heute, einige Jahre nach den Unruhen, wächst die iranische Cyber-Szene immer noch - trotz der digitalen Repression. Allerdings aus allen Lagern; es gibt nicht nur regierungsferne, sondern auch regierungsnahe User und Cyber-Aktivsten - und auch solche, die keine politischen Ziele haben, sondern vielmehr ihre eigenen Interessen und Hobbys verfolgen.
Von der Idee zur Grafik
Als Designerin habe ich mich gefragt, wie man diese Internetzensur sichtbar machen kann. Zunächst habe ich recherchiert: Während meines Masterstudiums an der FH in Potsdam begann ich, Daten zu sammeln und zu kategorisieren. Ich besuchte Konferenzen und nahm Kontakt mit Experten aus anderen Disziplinen und Organisationen auf. Ich merkte früh, dass sich die Daten aus unterschiedlichen Quellen stark voneinander unterscheiden und dass es zu den meisten Bereichen - wie etwa der iranischen Cyber-Polizei und der iranischen Blogosphäre - gar keine handfesten Daten gibt. Gerade die Aussagen von iranischen Offiziellen können stark differieren: Innerhalb von zwei Wochen wurde die Zahl der Facebook-User in Iran von 17 auf sechs Millionen herunter korrigiert. Auch dieses Problem der fehlenden Information wollte ich als Designerin thematisieren.
Meist fehlt solchen komplexen Themen, die in Büchern und Konferenzen aufgearbeitet werden, eine visuelle Ebene. Dabei macht erst die grafische Aufarbeitung, zum Beispiel in Form einer Infografik, Unsichtbares sichtbar. Meine Grafik hat zwei Hauptbotschaften: Zum einen soll der Betrachter verstehen, dass die iranischen User trotz der wachsenden virtuellen Repression noch immer aktiv sind und immer aktiver werden. Zum anderen soll deutlich werden, dass dieser Mut auch bestraft werden kann. Denn trotz diverser Tools, um aus dem iranischen in das weltweite Internet zu kommen, bleibt der User nicht anonym und ist realen Gefahren ausgesetzt.
Insgesamt besteht meine Visualisierung aus sechs Bereichen:
Die Darstellung selbst hat durchaus visuelle Vorbilder: Als Inspiration habe ich mir iranische Teppiche, Architektur und islamische Kalligraphie angesehen. Besonders passend fand ich, dass diese Art der Kunst sehr chaotisch und detailreich ist und meist trotzdem durch ein dünnes Gerüst geordnet erscheint. Diese Metapher lässt sich genauso auf das iranische System und somit auch auf das iranische Internet übertragen.
Dieses Jahr sind einige kleinere Ausstellungen gemeinsam mit der Small Media Foundation aus London geplant - nicht nur in Deutschland, sondern erstmals europaweit. Und natürlich bot sich ein Event wie die diesjährige re:publica hervorragend dafür an. Mit der Small Media Foundation werden wir in diesem Jahr an einem größeren Ausstellungskonzept zu diesem Thema arbeiten und planen auch ein Buch, um ein tiefgründigeres Bild über das iranische Internet liefern zu können.
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