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Infografiken zum Internet in Iran: Abbild der Schranken im Web

Wie macht man Verborgenes sichtbar? Die iranischstämmige Designerin Maral Pourkazemi erlebte im Land ihrer Eltern erstmals Internet-Zensur. Sie beschloss, das Thema mit Grafiken zu veranschaulichen - jetzt gehen sie auf Tournee. Ein Gastbeitrag über das Halal-Web und die Cyber-Cops aus Teheran.

Iran-Web: Maral Pourkazemi zeigt Zensur Fotos
Stephanie Neumann

Bei einer Reise nach Iran habe ich Internet-Zensur zum ersten Mal selbst erlebt. Ich wusste zwar, dass es so etwas gibt, aber ich konnte mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, was genau das zu bedeuten hat. Als ich einer Verwandten einige deutsche Webseiten zeigen wollte, wurde mir langsam bewusst, was Zensur überhaupt heißt. Die Webseiten wurden nicht angezeigt, es gab immer wieder eine Fehlermeldung im Browser. Zu diesem erschöpfenden "Interneterlebnis" hat auch die Geschwindigkeit beigetragen: Während wir darauf warteten, dass die Seite geladen wird, haben wir uns Tee gemacht, den Tee ausgetrunken und sind dann erst zurück zum Rechner gegangen.

Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009 haben mich schließlich dazu gebracht, mich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Damals konnte ich durch Bilder, Berichte und Videos im Internet alles mitverfolgen, was auf Irans Straßen passierte. Das Internet wurde wichtiger als die klassische journalistische Berichterstattung. Heute, einige Jahre nach den Unruhen, wächst die iranische Cyber-Szene immer noch - trotz der digitalen Repression. Allerdings aus allen Lagern; es gibt nicht nur regierungsferne, sondern auch regierungsnahe User und Cyber-Aktivsten - und auch solche, die keine politischen Ziele haben, sondern vielmehr ihre eigenen Interessen und Hobbys verfolgen.

Von der Idee zur Grafik

Als Designerin habe ich mich gefragt, wie man diese Internetzensur sichtbar machen kann. Zunächst habe ich recherchiert: Während meines Masterstudiums an der FH in Potsdam begann ich, Daten zu sammeln und zu kategorisieren. Ich besuchte Konferenzen und nahm Kontakt mit Experten aus anderen Disziplinen und Organisationen auf. Ich merkte früh, dass sich die Daten aus unterschiedlichen Quellen stark voneinander unterscheiden und dass es zu den meisten Bereichen - wie etwa der iranischen Cyber-Polizei und der iranischen Blogosphäre - gar keine handfesten Daten gibt. Gerade die Aussagen von iranischen Offiziellen können stark differieren: Innerhalb von zwei Wochen wurde die Zahl der Facebook-User in Iran von 17 auf sechs Millionen herunter korrigiert. Auch dieses Problem der fehlenden Information wollte ich als Designerin thematisieren.

Meist fehlt solchen komplexen Themen, die in Büchern und Konferenzen aufgearbeitet werden, eine visuelle Ebene. Dabei macht erst die grafische Aufarbeitung, zum Beispiel in Form einer Infografik, Unsichtbares sichtbar. Meine Grafik hat zwei Hauptbotschaften: Zum einen soll der Betrachter verstehen, dass die iranischen User trotz der wachsenden virtuellen Repression noch immer aktiv sind und immer aktiver werden. Zum anderen soll deutlich werden, dass dieser Mut auch bestraft werden kann. Denn trotz diverser Tools, um aus dem iranischen in das weltweite Internet zu kommen, bleibt der User nicht anonym und ist realen Gefahren ausgesetzt.

Insgesamt besteht meine Visualisierung aus sechs Bereichen:

  • Die allgemeine Internetnutzung in Iran. Wer hat Internet, wie viele Facebook-User gibt es und wie groß ist die Blogosphäre? Aussagen von iranischen Offiziellen und von westlichen Instituten stehen hier im Verhältnis.
  • Die Ausbreitung des Halal-Internets. Das iranische Internet ist isoliert und hat Grenzen, die noch durchbrochen werden können.
  • Wie der User aus diesen Grenzen ausbricht. Zwei Tools werden hier Beispielhaft abgehandelt, Tor und VPN-Verbindungen sind in Iran sehr beliebt.
  • Die iranische Blogosphäre. Zumindest ein Teil davon wird dargestellt. Hier habe ich mit dem Blog-Ranking von likekhor.com gearbeitet. Besonders interessant ist hier, dass die meisten geblockten Blogs satirische Inhalte haben und die beliebtesten Blogs von alltäglichen Dingen wie Gesundheit oder Sport handeln.
  • Die realen Folgen für Cyber-Aktivisten. In Iran kann man von einem Klick zum nächsten zum Dissidenten werden, und absurde Rechtsprechungen sind nicht unüblich.
  • Das iranische System. Es ist eine paradoxe Demokratie, denn das letzte Wort hat immer der Ajatollah.

Die Darstellung selbst hat durchaus visuelle Vorbilder: Als Inspiration habe ich mir iranische Teppiche, Architektur und islamische Kalligraphie angesehen. Besonders passend fand ich, dass diese Art der Kunst sehr chaotisch und detailreich ist und meist trotzdem durch ein dünnes Gerüst geordnet erscheint. Diese Metapher lässt sich genauso auf das iranische System und somit auch auf das iranische Internet übertragen.

Dieses Jahr sind einige kleinere Ausstellungen gemeinsam mit der Small Media Foundation aus London geplant - nicht nur in Deutschland, sondern erstmals europaweit. Und natürlich bot sich ein Event wie die diesjährige re:publica hervorragend dafür an. Mit der Small Media Foundation werden wir in diesem Jahr an einem größeren Ausstellungskonzept zu diesem Thema arbeiten und planen auch ein Buch, um ein tiefgründigeres Bild über das iranische Internet liefern zu können.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. optional
innajjanni 09.05.2012
ACTA lässt grüßen. Ist doch das perfekte Vorbild für ein "Europäisches Intranet", oder?
2.
deccpqcc 09.05.2012
Zitat von sysopStephanie NeumannWie macht man Verborgenes sichtbar? Die iranischstämmige Designerin Maral Pourkazemi erlebte im Land ihrer Eltern erstmals Internet-Zensur. Sie beschloss, das Thema mit Grafiken zu veranschaulichen - jetzt gehen sie auf Tournee. Ein Gastbeitrag über das Halal-Web und die Cyber-Cops aus Teheran. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,830779,00.html
m.e. sind die europäischen tugendwächter des internets nicht weniger gefährlich. auch wenn leute wie zensursula nicht vom halal-net reden, sie hängen dem ganzen halt das etikett "kinderporno" oder "urheberrechte" oder "kampf gegen terrorismus" um. es bringt nichts nur mit dem finger auf iran oder china zu zeigen und dabei zu verschweigen das die dinge in europa sich in ähnliche richtung entwickeln.
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Zur Autorin
Maral Pourkazemi hat Kommunikationsdesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel studiert. Sie wurde in Deutschland geboren und ist in Hamburg aufgewachsen. Nach einem Jahr als Freelancer hat sie an der Design FH in Potsdam das iranischen Internet erforscht. Mehr über ihre Masterthesis unter this-is-maral.com. Sie arbeitet bei einer NGO in London, die sich mit kulturellen Problemen in Iran beschäftigt.


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