Überwachungsskandal: Wie Microsoft systematisch den Geheimdiensten hilft

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Skype-Telefonat (Archivbild): FBI und NSA könne Bild und Ton erfassen Zur Großansicht
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Skype-Telefonat (Archivbild): FBI und NSA könne Bild und Ton erfassen

Skype galt lange als absolut abhörsicher, auch Eigentümer Microsoft behauptete das stets. Jetzt zeigen neue Enthüllungen: Der Konzern kooperiert mit FBI und NSA, der Telefondienst wird abgeschöpft, andere Angebote der Firma auch. Microsoft gerät immer stärker in Erklärungsnot.

Hamburg/Redmond - "Die Grenzen zwischen öffentlich und privat werden vielleicht nie perfekt sein", heißt es in einem Microsoft-Werbespot vom April dieses Jahres, "aber bei Microsoft ist Ihre Privatsphäre unsere Priorität". Der Werbespot wird am Freitag mit viel Häme im Social Web herumgereicht, denn er passt so gar nicht zu dem, was der "Guardian" am Donnerstagabend enthüllte. Microsoft arbeite in großem Stil mit den US-Sicherheitsbehörden zusammen, heißt es da, insbesondere mit der Data Intercept Technology Unit (DITU) des FBI.

Nun veröffentlichte Jubelarien über die gute Zusammenarbeit der US-Behörden veranschaulichen ein ganz neues Feld im NSA-Skandal: Den neuen Veröffentlichungen zufolge können auch FBI und CIA einfach auf die durch Prism erfassten Informationen zugreifen: "Das FBI und die CIA können ein Kopie der Prism-Sammlung zu jedem Selektor (Suchbegriff) erbitten", heißt es da laut "Guardian", all das unterstreiche, "dass Prism ein Teamsport ist!".

Die US-Bundespolizei stellt offenbar die Verbindung mit den Unternehmen vor Ort her: "Kollaborative Teamarbeit war der Schlüssel dabei, einen weiteren Anbieter ins Prism-System einzubinden", zitiert der "Guardian" aus NSA-Newslettern.

Der Anbieter, um den es hier geht, war der Kommunikationsdienstleister Skype. Seit 2011 gehört das Unternehmen Microsoft. Skype galt jahrelang als sicheres Mittel zum Informationsaustausch im Netz, auch gerade unter Dissidenten in Staaten mit repressiven Regimen. Der Grund: Skype basierte ursprünglich auf einer verschlüsselten Peer-to-Peer-Lösung. Die Rechner der Teilnehmer des Netzwerks waren gleichzeitig Knotenpunkte zur Weiterleitung von Chats und Internet-Telefonaten. Noch im Jahr 2008 antwortete Skype auf die Anfrage eines US-Mediums, Chats und VoiP-Telefonate anzuzapfen, erlaube die Architektur des Dienstes gar nicht. Deutsche Sicherheitsbehörden begründen die angebliche Notwendigkeit sogenannter Staatstrojaner bis heute auch damit, dass Skype-Gespräche ohne direkten Zugriff auf den Rechner des Abgehörten nicht überwacht werden könnten. Deshalb brauche man "Quellen-Telekommunikationsüberwachung".

Für NSA, CIA und FBI gilt das augenscheinlich nicht.

"Der erfasste Skype-Anruf war sehr klar"

Das begann, als Microsoft den Dienst übernahm: Nun liefen die Verbindungen über Knotenpunkte, die Microsoft selbst betreibt. Im Sommer 2012 verweigerte Skype, nun im Besitz von Microsoft, zur Frage nach den eigenen Abhörmöglichkeiten die Aussage. Im Mai 2013 wiesen Fachleute von "Heise Security" nach, dass vermeintlich verschlüsselte, getippte Skype-Chats offenbar doch mitgelesen werden.

Für die Überwacher von NSA, FBI und CIA ist es aber offenbar sogar möglich, auch Voice-over-IP- und sogar Videotelefonate mitzuschneiden. "Der erfasste Skype-Anruf war sehr klar und alle Metadaten sahen vollständig aus", zitiert der "Guardian" aus einer NSA-Erfolgsmeldung. Andernorts freut sich der Autor einer internen NSA-Nachricht: "Die Audio-Anteile dieser Sitzungen konnten ja schon die ganze Zeit korrekt verarbeitet werden, aber ohne das zugehörige Video. Jetzt haben Analysten endlich das vollständige Bild." Das war im Juli 2012.

Microsoft selbst behauptete noch 2012 in seinem jährlichen Transparenzbericht: "Skype-Anrufe über die reguläre Desktop-Software sind auf Peer-to-Peer-Basis verschlüsselt." In der Spalte "Inhalte preisgegeben" steht bei Skype jeweils die Zahl Null - die NSA-Anfragen sind ja auch geheim. Allerdings, warnt Microsoft könnten natürlich "Kriminelle oder Regierungen" unter Umständen auf die Endpunkte eines Gesprächs zugreifen.

Neue Produkte erst einmal den Überwachern vorgelegt

Vor dem Hintergrund der neuen Enthüllungen erscheint das wie ein reichlich kreativer Umgang mit der Wahrheit. Skype-Anrufe waren eben nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt. Wie soll ein Unternehmen, das Produkte von Microsoft einsetzt, künftig noch darauf vertrauen, dass die eigenen Betriebsgeheimnisse nicht ausgeforscht werden, wenn das Unternehmen sogar in Bezug auf die Sicherheit der eigenen Dienste die Wahrheit verschleiert?

FBI und NSA arbeiteten aber offenbar nicht nur an dieser Front eng mit Microsoft-Personal zusammen. Die vom "Guardian" zitierten Dokumente scheinen auch zu belegen, dass sogar neue Produkte erst einmal den Überwachern vorgelegt und nach deren Wünschen modifiziert werden, bevor Endkunden sie benutzen dürfen. So hätten die Fachleute von der Special Source Operations (SSO) Divsion der NSA schon Monate vor dem Start von Microsofts neuer Internetplattform outlook.com Bedenken angemeldet: Dort seien verschlüsselte Chats möglich, das sei ein Problem.

Dem "Guardian" zufolge wurde dieses Problem dann innerhalb von fünf Monaten in Zusammenarbeit von Microsoft und FBI gelöst. Die Lösungen seien "erfolgreich getestet" und dann am 12. Dezember 2012 in den Regelbetrieb aufgenommen worden. Am 18. Februar 2013 wurde outlook.com dann für die Allgemeinheit geöffnet - samt FBI-Hintertür.

Zugriff auf Hotmail und outlook.com - unverschlüsselt

Auch um problemlosen Zugang zu Microsofts Could-Speicherdienst SkyDrive zu bekommen, hätte das FBI "viele Monate lang" mit Microsoft zusammengearbeitet, heißt es im "Guardian". Die neuen Zugänge würden nun "vollständigere und zügigere Erfassung" erlauben. Zugriff auf E-Mails bei outlook.com und Hotmail hätten die US-Dienste und das FBI schon zuvor gehabt, berichtet die Zeitung.

Die Pressemitteilung, mit der Microsoft reagierte, wirkt angesichts all dessen ziemlich lahm. Man stelle Daten über Kunden ja "nur in Reaktion auf legale Prozesse" zur Verfügung. Rechtlich nicht haltbare Anfragen würden zurückgewiesen. Man reagiere immer nur auf Anfragen zu spezifischen Accounts oder "Identifikationsmerkmalen" (identifiers) und würde sich nicht mit "flächendeckenden Anordnungen" abfinden.

Wenn neue Produkte eingeführt oder alte verbessert würden, müsse man das "unter Umständen" mit den Behörden absprechen, um weiterhin "auf Anfragen der Strafverfolger reagieren zu können". Kein Wort darüber, dass im Transparenzbericht noch die Rede davon war, Skype-Telefonate würden nicht an Strafverfolger weitergegeben, obwohl die NSA davon offenbar reichlich Gebrauch macht. Der "Guardian" berichtet, die Zahl dieser Zugriffe habe sich verdreifacht, seit die Agenten auch Video-Anrufe erfassen können.

Die NSA bestätigte den Bericht sogar. Sie teilte mit, die beschriebenen Überwachungsmaßnahmen seien "von Gerichten angeordnet" und unterlägen "einer strengen Aufsicht durch Gerichte, den Kongress und den nationalen Geheimdienstdirektor".

All das dürfte Microsoft-Kunden kaum beruhigen. Gerade auch Geschäftskunden, die nun um die Sicherheit ihrer Daten und die Vertraulichkeit von Skype-Gesprächen fürchten müssen.

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insgesamt 319 Beiträge
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1. trap door,
ambulans 12.07.2013
so heißt das bezeichnende stichwort für all diese kleineren und größeren schweinereien, die jetzt allmählich auf den tisch kommen. von vorn herein angelegte "hintertürchen" für den großen bruder und all seine kleineren helfershelfer und schergen, damit sie überall hinein gelangen können - wenn jeder einen schlüssel hat (oder sich schnell und einfach einen besorgen kann), habens einbrecher und andere ganoven wahrlich einfach bei allem, was sie so erreichen wollen ...
2. Ctakah
CTAKAHOCTEP 12.07.2013
Der Spiegel hat schon 2007 darüber geschrieben: http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/it-sicherheit-windows-vista-powered-by-nsa-a-459005.html
3. Demokratier ade
goofy1 12.07.2013
Die USA sind nach meinem Empfinden schon lange keine Demokratie mehr, sondenr versuchen jedem und der Welt den Stempel aufzudrücken. Das ist auch der Grund für die weltweiten Unruhen, die allesamt zu Lasten der USA gehen. Dass aber die großen Firmen der NSA noch helfen die Daten abzugreifen finde ich ein starkes Stück. Am liebsten würde ich den ganzen Windows Mist vom Rechner schmeissen, aber was dann? Apple ist ja auch nicht besser und ansonsten kenne ich keine Alternative. Vielleicht kann SPON mal einen Artikel über die wirklichen Alternativen erstellen
4. W a n n
mehrgedanken 12.07.2013
Zitat von sysopDPASkype galt lange als absolut abhörsicher, auch Eigentümer Microsoft behauptete das stets. Jetzt zeigen neue Enthüllungen: Der Konzern kooperiert mit FBI und NSA, der Telefondienst wird abgeschöpft, andere Angebote der Firma auch. Microsoft gerät immer stärker in Erklärungsnot. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/wie-microsoft-mit-fbi-nsa-und-cia-kooperiert-a-910863.html
Wann macht die Kanzlerin ihren Job? "...Schaden abzuwenden..." ? Die Opposition sollte vielleicht doch mal über ein konstruktives Misstrauensvotum nachdenken. Es reicht jetzt langsam! Betriebssystem offen, mail offen, chat offen, cloud offen - alles "Neuland"?
5. Na wer sich heute noch mit windows ins Internet begiebt
blaudistel 12.07.2013
der ist wirklich selber schuld.
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