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WikiLeaks: Afghanistan-Enthüller bauen Schutz von Informanten aus

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Geheime Afghanistan-Dokumente, veröffentlicht bei WikiLeaks, stürzen westliche Regierungen in Erklärungsnot - aber wie sicher können sich die Informanten fühlen? Technische Neuerungen sollen verhindern, dass Quellen auffliegen. Als nächstes müssen die Whistleblower an der eigenen Transparenz arbeiten.

Julian Assange: Der WikiLeaks-Gründer veröffentlicht als geheim eingestufte US-Dokumente Zur Großansicht
Axel Martens

Julian Assange: Der WikiLeaks-Gründer veröffentlicht als geheim eingestufte US-Dokumente

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Die Afghanistan-Protokolle: 91.731 Dokumente - fünf Probleme
Wie transparent muss eine Plattform sein, die antritt, Regierungen, Unternehmen und Organisationen zu mehr Offenheit zu zwingen? Die Enthüllungsseite WikiLeaks, die nun mehrere Zehntausend meist als "geheim" eingestufte Dokumente über den Afghanistan-Krieg veröffentlicht hat, hadert seit dem Start 2007 mit dieser Frage.

Zuletzt hatten die Gründer das Gefühl, sie sollten wohl etwas offener sein. Da kündigte auf der Hacker-Konferenz HOPE Aktivist Jacob Appelbaum für WikiLeaks an, man werde nun in einem Blog etwas mehr über die eigene Arbeit berichten. Denn, so Appelbaum: "Es ist enorm wichtig, dass wir euch sagen, was gerade passiert."

Das bezog sich vor allem auf technische Aspekte - und soll wohl Konsequenzen aus vergangenen Kommunikationspannen ziehen. Ein im Juni auf WikiLeaks beworbener Link zum sicheren Hochladen von Dokumenten führte nämlich lange nur zu einer Fehlermeldung. Das Online-Einreichungsformular war wochenlang nicht zu erreichen. Es gab viele Spekulation darüber, was da los war - hatten Geheimdienste einen Weg gefunden, die Plattform technisch zu sabotieren? Hatten die WikiLeaks-Macher geschlampt und vergessen, ein SSL-Sicherheitszertifikat zu erneuern?

Nach Wochen des Schweigens meldet sich WikiLeaks nun mit neuer Technik und einer einfachen Erklärung zurück: Man habe die ganze Zeit über an der technischen Infrastruktur gearbeitet, damit Informanten der Seite übers Web anonym Dokumente zuspielen können. Augenscheinlich hatte man vergessen, die potentiellen Tipp-Geber darüber in Kenntnis zu setzen.

Nun können Informanten der Plattform wieder Dokumente übermitteln. Entweder per verschlüsselter HTTPS-Verbindung oder über den Anonymisierungsdienst TOR. Bei TOR (eine Abkürzung für " The Onion Router") läuft der Datenverkehr immer wieder anders über zahlreiche Rechner weltweit, die TOR-Software nutzen. Wie in einem P2P-Netzwerk werden die Daten hin- und hergereicht, bis eine Rückverfolgung so gut wie unmöglich geworden ist ( Hier finden Sie Details zum Einsatz, zum Hintergrund und zu den Grenzen bei TOR).

Ziel dieser technischen Neuerungen ist es, dass Informanten Dokumente völlig anonym übermitteln können. Anfang Juli hatte die US-Armee gegen den Soldaten Bradley M., 22, offiziell Klage erhoben, weil er ein Video von einem umstrittenen Einsatz der US-Armee im Irak in Umlauf gebracht haben soll, das WikiLeaks veröffentlichte. Sollte sich dieser Vorwurf bestätigen, hätte bessere Technik den Angeklagten wohl nicht vor Entdeckung bewahrt. Der Angeklagte soll dem ehemalige Hacker Adrian Lamo gegenüber mit dem Coup geprahlt haben. Lamo erklärte, er habe die Behörden über die Weitergabe des Videos informiert.

Peer-to-Peer-Infrastruktur fürs Archiv

Auch das Archiv der bei WikiLeaks veröffentlichten Dokumente ist wieder abrufbar. Eine interessante Neuerung: Zu den einzelnen Dokumenten bietet WikiLeaks nun sogenannte Torrent-Dateien an. Diese beinhalten Links zu sogenannten Trackern, über die die BitTorrent-Software erfährt, welche Nutzer-Rechner die gesuchte Datei gerade komplett oder in Teilen haben. Die Torrent-Datei ist also nur ein Verweis auf eine andere Datenquelle, die wiederum auf weitere Adressen verweist, an denen dann Daten zu holen sind - eine dezentrale Archivstruktur, die Löschvorhaben erschwert.

Im WikiLeaks-Archiv finden Bürger zum Beispiel alte Handbücher für Wachen des US-Lagers auf Guantanamo veröffentlicht, außerdem E-Mails aus Sarah Palins gehacktem Yahoo-Konto, eine Sperrliste mit den nach einem in Australien geplanten Internetkontrollgesetz zu blockierenden Web-Seiten - und eine halbe Million Textnachrichten, die US-Bürger kurz vor, während und nach den Anschlägen am 11. September 2001 geschrieben haben.

Die größte Aufmerksamkeit bislang hat WikiLeaks mit der Veröffentlichung des " Collateral Murder"-Videos im April erregt. Zur Enthüllung dieses Materials hatte WikiLeaks in den National Press Club nach Washington geladen. Gründer Julian Assange führte den versammelten Medienleuten ein Video vor, in dem zu sehen war, wie durch Schüsse aus einem amerikanischen Apache-Hubschrauber über Bagdad zwölf Zivilisten ums Leben kamen, darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Veröffentlichung des Videos war in jeder Hinsicht ein Wendepunkt für WikiLeaks - erstmals in der Geschichte der Whistleblower-Web-Seite, die von der Netzgemeinde, von Nichtregierungsorganisationen und Journalisten von Beginn an mit viel Sympathie begleitet wurde, gab es nachhaltige Kritik.

Sie entzündete sich unter anderem an der Bezeichnung "Collateral Murder" und der Tatsache, dass WikiLeaks neben dem Original-Video auch eine bearbeitete kürzere Version präsentierte, und damit nach Ansicht vieler Kritiker von der puristischen Tradition abwich, nur Originaldokumente zu veröffentlichen und diese allenfalls mit einer einordnenden und wertenden Zusammenfassung zu versehen. Man habe die Zeile "Kollateral-Mord" ganz bewusst gewählt, sagt Assange dazu dem SPIEGEL, um die schönfärberische Kriegsvokabel "Kollateralschaden" zu entlarven. Im Übrigen habe die WikiLeaks-Analyse des Vorfalls ergeben, dass es sich genau darum gehandelt habe - um einen "Kollateral-Mord" eben.

Grundsätzliche Bedenken von Wissenschaftlern

US-Verteidigungsminister Robert Gates hatte die Veröffentlichung "unverantwortlich" genannt und eingeräumt, das Video sei "schwer zu ertragen". In der Folge des neuen Interesses an den Whistleblowern meldeten sich auch Kritiker zu Wort, die grundsätzliche Einwände gegen die Arbeit der Informationsaktivisten äußerten. Für besonders viel Aufsehen auch in den Reihen der vielen WikiLeaks-Sympathisanten und Unterstützer sorgten Äußerungen von Steven Aftergood, einem Sicherheitsexperten bei der Federation of American Scientists, der sich in den USA als einer der schärfsten Kritiker staatlicher Zensurmaßnahmen einen Namen gemacht hat und den Informationsdienst Secrecy News herausgibt. Er bezeichnete Assange und seine Kollegen als "Informationsvandalen".

Die Organisation "verletze regelmäßig das Recht auf Privatheit von Gruppierungen, die mit Regierungen und der Geschäftswelt nichts zu tun haben, und das ohne jeden Mehrwert für die Öffentlichkeit" - und nur aus einem Grund, weil sie es eben könnten. Als Beispiel führt Aftergood die von WikiLeaks veröffentlichten vertraulichen Rituale einer amerikanischen College-Studentinnenverbindung namens "Alpha Sigma Tau" an. Es gebe keinerlei Vorwürfe gegen die Gruppe, die diese Veröffentlichung rechtfertigen würden, so Aftergood. "Das ist weder Whistleblowing noch Journalismus."

Vorwürfe von ehemaligen Helfern

Noch schärfer waren die Vorwürfe, die ein anonymer "WikiLeaks-Insider" über die Web-Seite cryptome.org abfeuerte. Darin behauptete der angeblich Eingeweihte unter anderem, Assange würde WikiLeaks Spendengelder für Business-Class-Tickets und einen aufwändigen Lebensstil verschleudern - ohne dafür allerdings Belege zu liefern.

Auffallend ist, dass es sich in beiden Fällen um Kritiker - und im Fall von cryptome.org um eine Kritik-Plattform - handelt, die selbst Whistleblowing-Angebote betreiben. Im Wirtschaftsleben würde man von Konkurrenten sprechen. Dabei war das Verhältnis der Beteiligten in der Vergangenheit durchaus nicht schlecht.

So engagierte sich der Betreiber von cryptome.org, der New Yorker Architekt John Young, anfangs sogar selbst bei WikiLeaks - im Januar 2007 indes verließ er die Organisation im Streit, warf ihr vor, als CIA-Cover zu agieren - und veröffentlichte mehr als 150 interne WikiLeaks-E-Mails auf seiner eigenen Seite cryptome.org. Einflussreiche WikiLeaks-Mitarbeiter glauben, dass sich Young, der mit cryptome.org schon seit 1996 online ist, mit dem schnellen Erfolg von Assanges Start-up schwertat.

WikiLeaks-Sprecher schätzt Spendeneinnahmen auf 450.000 Euro

In anderer Hinsicht waren die Finanzen der Seite tatsächlich ein Problem - vor allem weil sie bislang ausschließlich durch Spenden finanziert wurde. Die knappe Kasse war nach Auskunft des deutschen WikiLeaks-Repräsentanten Daniel Schmitt auch der Grund, warum das Archiv von WikiLeaks bis zu diesem Frühjahr über mehrere Monate nicht erreichbar war.

Nach Veröffentlichung des "Collateral Murder"-Videos gab es offenbar eine neue Spendenwelle die es den Aktivisten erlauben könnte, zumindest den Vollzeitmitarbeitern künftig Gehälter zu zahlen. Assange spricht von rund einer Million Dollar. Über die Wau-Holland-Stiftung, die dem Chaos Computer Club nahesteht, werden große Teile des europäischen Spendengeschäfts abgewickelt. Auf diesem Weg kamen Schmitt zufolge bislang allein rund 450.000 Euro herein - die laufenden Gundkosten beziffert er auf etwa 200.000 Euro im Jahr.

WikiLeaks-Sprecher Daniel Schmitt verspricht mehr Transparenz beim Umgang mit Spendengeldern.

Dem " Freitag" sagte er, er gehe davon aus, WikiLeaks werde einmal veröffentlichen, wie die Spenden ausgegeben und wie die Verwendung kontrolliert wird. Über die Gesamthöhe der Einnahmen gab Schmitt keine Auskunft: "Wir haben ja zum Beispiel in Australien noch eine Non-Profit-Gesellschaft, die extra dafür gegründet wurde. Ich weiß nicht genau, wie groß der Anteil unserer Spenden ist, die nicht bei der Wau-Holland-Stiftung eingehen, habe aber das Gefühl, dass der mit Abstand größte Teil zu Wau Holland geht."

Mitte Juli äußerte sich der zweite Vorsitzende der Wau-Holland-Stiftung Hendrik Fulda zu den Auszahlungen. Man habe WikiLeaks bis dahin "etwa 30.000 Euro ausgezahlt". Davon seien Reisekosten für die WikiLeaks-Sprecher Julian Assange und Daniel Schmitt, Computer-Hardware, vor allem Server und Verträge für Datenleitungen bezahlt worden. Fulda erklärte dem " Freitag": "Geld gibt es von uns nur gegen Ausgabebeleg. Wir zahlen den WikiLeaks-Leuten kein Gehalt, keine Honorare, keine Tagessätze und nicht einmal die Spesenpauschalen wie sie im deutschen Steuerrecht vorgesehen sind."

WikiLeaks plant deutsche Stiftung

Obwohl eine komplette, sachbezogene Übersicht der Einnahmen und Ausgaben von WikiLeaks bislang fehlt, haben die Macher große Pläne. Irgendwann, so Daniel Schmitt, müsse man Vollzeit-Helfern auch ein Gehalt bezahlen, damit die von etwas leben können. Schmitt sagte dem SPIEGEL, es gäbe Pläne für eine eigene Stiftung in Deutschland.

Der würde allerdings das deutsche Stiftungsrecht erheblich mehr Transparenz vorschreiben als WikiLeaks sie bislang praktiziert. Dürfte so eine Organisation verschweigen, wem sie wie viel bezahlt? Aus Angst vor juristischen oder anderen Problemen für die Helfer? Angesichts der Pläne nimmt die Diskussion um die Transparenz der Enthüller wohl gerade erst an Fahrt auf.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. ...
Fabian G, 26.07.2010
Zitat von sysopGeheime Afghanistan-Dokumente, veröffentlicht bei WikiLeaks, stürzen westliche Regierungen in Erklärungsnot - aber wie sicher können sich die Informanten fühlen? Technische Neuerungen sollen verhindern, dass Quellen auffliegen. Als nächstes müssen die Whistleblower an der eigenen Transparenz arbeiten. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,708199,00.html
vieleicht gibt es irgendwann mal endlich einen tag, wenn die menschen die die welt in schutt und asche legen auch endlich mal die verantwortung übernehmen müssen!
2. darf doch nicht wahr sein...
heuwender 26.07.2010
unser Plappermäulchen Angela kommt nicht in Erklärungsnot,in Nosens plappern ist sie einsame Spitze und das Deutsche Volk verarschen,das kann sie perfekt ,besser wie anständig regieren.
3. mal Zeit für einen Preis???
EinGangLion 26.07.2010
Ich finde diese WikiLeaks Idee und Ausführung sehr gut. In Zeiten der gezielten Mißinformation genau das, was man braucht. In Zeiten wo ein amerikanischer President den Friedensnobelpreis kriegt, nur weil er Hoffnungen geweckt hat (was ich mit Verlaub nach George W. Bush auh schaffen könnte), wäre es meiner Meinung nach zumindest einen oder mehrere Gedanken wert, das Projekt WikiLeak für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Gibt es vom Deutschen Buchhandel nicht auch verschiedenste Preise (Interent ist ja auch "Geschriebenes"), etc. etc. Wer wäre sonst noch dafür? EinGangLion
4. Stoßseufzer
Transmitter, 26.07.2010
Zitat von Fabian Gvieleicht gibt es irgendwann mal endlich einen tag, wenn die menschen die die welt in schutt und asche legen auch endlich mal die verantwortung übernehmen müssen!
Ein Traum! Aber leider werden die verschiedenen "xyz-isten" dieser Welt immer obenauf bleiben. Wie Fettaugen auf der Suppe. In ihren Bonzen-Bunkern werden diese Hetzer und Herrscher überleben, wenn Anhänger wie Feinde bereits in Verwesung übergegangen sind, und sich mit den Handrücken die Münder abwischen. Es ist wie immer das Volk, das letzlich versagt. Der Demos, der seine Rechte nie einfordert, der sich nach Strich und Faden von den Herrschenden belügen und betrügen lässt, der die grössten Lügner und Betrüger unter ihnen sogar verehrt. Alle Informationen über diesen gigantischen Betrug der etablierten Politik diesseits wie jenseits des Atlantik kann man heute problemlos auf dem Netz recherchieren. Und was macht die Masse des Wahlvolkes?
5. Assange
Pos123 26.07.2010
Wann hat das letzte mal ein Mensch so viel für die Demokratie getan wie Assange?
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