Ein Kommentar von Konrad Lischka
"So was kommt von so was."
Erfreuter Twitter-Nutzer über die Angriffe auf die Seiten von Mastercard, Visa, PayPal und anderen Firmen, die WikiLeaks ihre Dienstleistungen verweigern
Ein Zitat, das die Geschichte eines Cyber-Konflikts erzählt, der sich in den vergangenen vier Tagen zugespitzt hat. Eine Geschichte von Angriffen und Gegenangriffen, von Aktionen und Racheaktionen.
Seit WikiLeaks vor eineinhalb Wochen die ersten US-Botschaftsdepeschen veröffentlicht hat, haben Gegner die Internetseite der Enthüllungsplattform abzuschießen versucht. Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) heißt die Angriffstechnik, bei der Server mit Anfragen überflutet werden, so dass sie kollabieren. Doch seit diesem Dienstag, an dem WikiLeaks-Gründer Julian Assange in London verhaftet wurde, nutzen Sympathisanten der Plattform dieselbe Methode - in viel größerem Ausmaß. Sie zwingen die Online-Auftritte von Weltunternehmen wie Mastercard, Visa und Paypal in die Knie, die WikiLeaks ihre Dienstleistungen versagt hatten.
"So was kommt von so was" - der Spruch erfasst den gemeinsamen Nenner der Angriffe von beiden Seiten. Er offenbart eine bedenkliche Logik der Aktivisten. Wenn Protest im Netz diesem Satz folgt, gilt das Recht des technisch Stärkeren.
Das heißt, der Stärkere gewinnt.
Die Demo-Drohnen übernehmen den Kampf
Mit Gewalt werden Gegner ausgeschaltet. Zwar richteten sich die Attacken nur gegen die öffentlich zugänglichen Web-Seiten der Firmen, nicht gegen ihre kritische Infrastruktur wie die Systeme zur Zahlungsabwicklung. Das macht die Sache aber nicht besser. Aus dem Netz gefegt wurde zum Beispiel das öffentliche Blog von PayPal, indem ein Manager erklärte, warum man nicht mehr für WikiLeaks arbeitet.
Man mag anderer Meinung sein - aber warum darf PayPal sein Recht auf Feigheit nicht verteidigen?
Noch bedenklicher ist die Organisationsform der Attacken. Beteiligte an den DDoS-Attacken schätzen die Teilnehmerzahl auf mehrere tausend Personen weltweit. Wie viele es auch genau waren, fest steht: Vergleichsweise wenig Menschen haben hier dank der richtigen Software so viel Schaden wie eine enorme Menschenmenge entfaltet. Sie haben weltweit Server abgeschossen, weil ein Programm das Schadenspotential ihrer Seitenaufrufe technisch vervielfacht hat - LOIC ("Low Orbit Ion Cannon") heißt es. Wer es installiert, kann selbst Attacken auf Server ausführen. Oder dies einem Koordinierungsserver der Aktivisten überlassen, was viele getan haben dürften.
Im Klartext: Die Protestierer schließen sich damit freiwillig zu einem Botnet zusammen. Also zu einem Rechnernetz, das Schaden anrichtet - das kennt man sonst von illegal auf Computer eingeschleusten Trojanern.
Diese Protestform unterscheidet sich in drei wesentlichen Punkten von Online- oder Offline-Demonstrationen, wie man sie bisher kennt:
Zwischenzeitlich drohte ein Aktivist über den Twitter-Kanal Anon_Operations, wo die Attacken begleitet werden, der EFF wegen ihres kritischen Kommentars: "Soso, die EFF duldet also Selbstjustiz nicht? Wollt ihr die nächsten sein, Schlaumeier?" Wenn der Mensch, der diese Nachricht geschrieben hat, die Drohung wahrgemacht hätte, wäre die Seite einer WikiLeaks freundlich gesonnenen Bürgerrechtsorganisation ausgeschaltet worden.
Der Vorfall veranschaulicht, wie schnell bei dieser Art von Aktivismus die Logik der Aktion herrscht. Irgendetwas muss getan werden - weil die Tat das verbindende Moment ist. Wer gegen die Tat ist, stellt die Gruppe in Frage.
Am Ende schadet dieser Software-Aktivismus der Meinungsfreiheit im Netz, statt sie zu verteidigen. Wenn Schadensmaximierung mittels technischer Hilfsmittel das Eintreten von Bürgern für bestimmte Positionen ersetzt, bestimmt Rüstungslogik den Protest.
Wer die bessere Technik nutzt, wer mit einfachen Botschaften und klaren Angriffszielen möglichst viele Demo-Drohnen für seine Sache gewinnt, der erlangt mehr Aufmerksamkeit als andere. Doch wenn einfach die stärkere Technik gewinnt, wird die Meinungsvielfalt verlieren.
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