Hilferuf: WikiLeaks fleht um Spenden
WikiLeaks' Geldnöte wachsen weiter, nicht zuletzt wegen der Blockade durch Visa und Mastercard. Nun aber will die Enthüllungsplattform auf neuem Weg an Spendengelder kommen: über französische Lastschriftkarten.
Hamburg - Julian Assange, derzeit asylsuchend in der ecuadorianischen Botschaft in London, sparte wie üblich nicht mit Pathos: "Wir haben sie in Island besiegt und bei Gott, wir werden sie auch in Frankreich besiegen", erklärte der WikiLeaks-Gründer. Mit "sie" sind in diesem Fall Mastercard und Visa gemeint, die sich seit Ende 2010 weigern, Spenden an die Enthüllungsplattform weiterzuleiten. WikiLeaks prozessiert deshalb gegen die Unternehmen. Nun soll das Geld wieder fließen können - über Frankreich.
Der neue Spendenkanal basiert auf einer französischen Lastschriftkarte namens Carte Bleu. Das Geld werde über eine französische Organisation namens Fond zur Verteidigung der Netzneutralität (FDN) geleitet, teilte WikiLeaks mit. FDN bestätigte die Kooperation. Allerdings steht auch Carte Bleu mit Visa und Mastercard in Geschäftsbeziehungen, die Frage ist deshalb, wie lange diese Konstruktion funktionieren wird. Genau diesen Punkt betonte WikiLeaks in einer Presseerklärung, womöglich auch in dem Bemühen, die Dringlichkeit des eigenen Spendenbedarfs zu betonen: "WikiLeaks rät allen Unterstützern überall auf der Welt, diesen Weg zu nutzen, bevor Visa/MasterCard versucht, ihn zu blockieren."
Nach eigenen Angaben hat die Organisation nur noch knapp 100.000 Euro Reserve, in "einigen Monaten" werde auch dieses Geld aufgebraucht sein. WikiLeaks brauche eine Million Euro, und zwar "sofort".
Nach Angaben der Wau-Holland-Stiftung gab WikiLeaks 2011 allein über 70.000 Euro für anwaltlichen Beistand aus. Für "Infrastruktur", offenbar die Server, auf denen die Enthüllungsplattform läuft, sollen knapp 100.000 Euro angefallen sein. 200.000 Euro wurden dem Bericht nach (PDF-Datei) für "Logistik" ausgegeben, dazu gehören Treffen des Teams, Konferenzen sowie die Projektleitung durch Julian Assange. WikiLeaks selbst behauptet, durch den Konflikt mit US-Unternehmen seien der Organisation 20 Millionen Dollar an potentiellen Spenden entgangen.
Dies ist nicht der erste verzweifelte Spendenaufruf, mit dem WikiLeaks versucht, seine Finanzierung zu sichern. Im Oktober 2011 hatte Assange bei einer Pressekonferenz in London erklärt, man werde vorerst keine Dokumente mehr veröffentlichen, sondern sich auf die Lösung der eigenen Geldprobleme konzentrieren. Zuletzt veröffentlichte WikiLeaks in Kooperation mit mehreren Medienunternehmen E-Mails von Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens aus Syrien.
In Island hatte die Organisation kürzlich einen kleinen Sieg vor Gericht errungen: Der Zahlungsabwickler Valitor wurde verpflichtet, wieder Spenden an WikiLeaks auf die Konten der Organisation weiterzuleiten. Valitor ist ein regionaler Partner von Visa. Das Unternehmen kann gegen den Richterspruch jedoch Rechtsmittel einlegen und es bleibt unklar, ob Visa Zahlungen an WikiLeaks weiterleiten muss.
Julian Assange hält sich in der Botschaft Ecuadors in London auf, um seiner Auslieferung nach Schweden zu entgehen. Dort werden ihm Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vorgeworfen. Assange hat Asyl in Ecuador beantragt.
cis/AP
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