Von Ole Reißmann
Auf der Website des britischen Außenministeriums stand am Sonntag eine Meldung über die angestrebte Auslieferung von Julian Assange an Schweden neben einer über Balkonunfälle. Nur ein Zufall? Am Nachmittag hatte Assange vom Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London eine kurze Rede gehalten. Er forderte die USA auf, WikiLeaks nicht länger zu verfolgen und den mutmaßlichen Informanten Bradley Manning aus der Haft zu entlassen.
Artig bedankte sich Assange bei Volk und Präsident von Ecuador, das ihm am vergangenen Donnerstag Asyl gewährt hatte. Und genauso bei seinen Unterstützern in aller Welt. In seiner kurzen Rede wies Assange ausdrücklich auf die Unterstützung aus Süd- und Mittelamerika hin und verwies auf Länder wie Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Honduras oder Venezuela. Offensichtlich will er mit Hilfe seines Anwalts Baltasar Garzón und der Regierung von Ecuador maximalen diplomatischen Druck aufbauen.
"Ich stehe hier, weil ich nicht näher bei euch sein kann", sagte Assange zu der jubelnden Menge vor der Botschaft. Würde er das Gebäude, in dem er politisches Asyl gefunden hat, verlassen, würde er verhaftet und nach Schweden ausgeliefert werden. Dort soll er befragt werden, zwei Frauen werfen ihm sexuelle Nötigung und Vergewaltigung vor.
Vorwürfe, zu denen Assange nur zu seinen Bedingungen befragt werden möchte. Er weist die Anschuldigungen zurück. Für etliche Assange-Anhänger steckt hinter den Vorwürfen der Versuch, einen politisch missliebigen Gegner zu diskreditieren. Dass ein Dissident nicht politisch verfolgt werde, sondern strafrechtlich, sei typisch für totalitäre Regime, sagt beispielsweise der ehemalige britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray am Sonntag.
Ausgerechnet Ecuador
Assange und seine Anhänger sind überzeugt davon, dass Schweden den WikiLeaks-Gründer umgehend an die USA überstellen würde, wo eine geheime Anklage gegen ihn existieren soll. Tatsächlich wird in den USA gegen Assange ermittelt. Ob wirklich genug Beweise für eine Anklage gegen den gebürtigen Australier Assange zusammen gekommen sind, ist unklar.
Doch nur, wenn man dieser Logik folgt, lässt sich Assanges erbitterter Kampf gegen eine Auslieferung nach Schweden nachvollziehen. Sogar der britische Oberste Gerichtshof musste sich mit dem Fall befassen - hielt den europäischen Haftbefehl allerdings für rechtens. Spätestens da muss Assange beschlossen haben, seine Kautionsauflagen zu verletzten. Am 19. Juni betrat er die ecuadorianische Botschaft.
Fehler von Großbritannien
Im Verfahren gegen den mutmaßlichen WikiLeaks-Zuträger Bradley Manning, der Assange mit Hunderttausenden geheimen Botschaftsdepeschen und Akten über den Irak- und Afghanistankrieg versorgt haben soll, wird jedenfalls versucht, eine Verbindung herzustellen. Manning droht wohl nicht die Todesstrafe, aber er könnte den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen müssen. Assange könnte wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat verfolgt werden.
Wegen dieser Möglichkeit, gegen die sich Assange natürlich bestmöglich absichern will, riskiert Präsident Correa nur zu gerne diplomatischen Ärger, mindestens mit Großbritannien. Eingefädelt wurde das ganze wohl Ende Mai, als Assange Correa in seiner Talkshow zu Gast hatte. Die wurde auf dem vom russischen Staat finanzierten Auslandssender RT ausgestrahlt. Noch so ein Staat mit einem fragwürdigen Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit, aber bei Assange heiligt der Zweck die Mittel, und das war in dem Fall eine möglichst hohe Verbreitung in den US-Kabelnetzen.
Vergangene Woche leistete sich dann das Land, dass in diesem Fall bisher gelassen und gründlich nach Gesetzbuch vorging, einen schweren Schnitzer: Die Briten übermittelten eine schriftliche Drohung an Ecuador. Gegen Assange liege ein Haftbefehl vor, man könne auch gewaltsam in die Botschaftsräume eindringen, um ihn zu verhaften. Die Regierung in Quito schäumte, mehrere britische Ex-Diplomaten kritisierten den Vorstoß des Außenministeriums.
Außenminister planen Ärger
Am Sonntag trafen sich die Außenminister des südamerikanischen Staatenbundes Unasur, dem neben Ecuador elf weitere Länder angehören, um über die Situation zu beraten. Die Union kündigte an Ecuador im diplomatischen Konflikt mit Großbritannien um Assange zu unterstützen, wie am späten Sonntagabend bekannt wurde.
Assange mag zwar politisches Asyl erhalten haben, in der Botschaft sitzt er trotzdem in der Falle. Betritt er britischen Boden, wird er festgenommen, selbst versteckt im Diplomatengepäck dürfte eine Flucht kaum gelingen.
Keine glückliche Situation für Großbritannien. Am Freitag treffen sich die Außenminister der Organisation Amerikanischer Staaten in Washington. Zu den 35 Mitgliedstaaten gehören auch die USA und Kanada. Ausgang des diplomatischen Schaulaufens: ungewiss.
Seine Anhänger jubelten Assange am Sonntagnachmittag zu, als er US-Präsident Barack Obama aufforderte, die "Hexenjagd" auf WikiLeaks zu beenden. Assange beherrscht das Spiel mit der Öffentlichkeit noch immer ziemlich gut. Der Balkon-Auftritt war perfekt inszeniert, auch wenn er selbst nicht all zu viel Neues zu sagen hatte.
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