WikiLeaks-Gründer: "Mut ist ansteckend"

Von , London

Für die US-Regierung ist der Mann ein Sicherheitsrisiko - er selbst sieht sich als Vorkämpfer gegen Kriegsverbrechen. WikiLeaks-Gründer Julian Assange will nach den Afghanistan-Enthüllungen zur neuen Macht aus dem Netz aufsteigen: Er hofft auf den endgültigen Durchbruch, finanziell und bei potentiellen Informanten.

Assange (mit "Guardian"-Titel vor Vietnam-Foto): "Missstände abstellen" Zur Großansicht
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Assange (mit "Guardian"-Titel vor Vietnam-Foto): "Missstände abstellen"

Julian Assange kommt schwer bepackt. Er holt seinen silbernen Laptop aus einer grünen Umhängetasche und bringt ihn auf dem Rednerpult in Stellung. Einen ausgebeulten grauen Rucksack stellt er hinter sich auf den Boden. Der Legende zufolge befinden sich darin seine Klamotten.

Der 39-jährige Australier hat keinen festen Wohnsitz. Er ist ein moderner Nomade, taucht mal hier auf, mal dort. Bevorzugt ist er in Schweden und Island, wo der Staat Internetaktivisten wie ihn in Ruhe lässt. Aber an diesem Montagmittag ist er in London, im Frontline Club, einer Bastion des unabhängigen Journalismus - und 15 Kameras folgen ihm durch den Raum, Dutzende Reporter bestürmen ihn mit Fragen. Denn an diesem Montagmorgen hat Assange der US-Regierung bewiesen, dass sie sich nie sicher sein kann, dass ihre Geheimnisse geheim bleiben.

Auf der Webseite WikiLeaks hat Assange rund 76.000 geheime Dokumente der US-Armee und der Marines über den Afghanistan-Krieg veröffentlichen lassen. Weitere 15.000 sollen in den kommenden Wochen folgen. Die Aktion sei vergleichbar mit dem Öffnen der Stasi-Archive, sagt Assange zu den Reportern. Der Ex-Hacker mit dem schlohweißen Haar ist ziemlich zufrieden mit sich selbst.

Es ist sein bisher größter Coup - nach drei Jahren vielleicht der endgültige Durchbruch für seine notorisch klamme Non-Profit-Organisation. Drei Traditionsmedien hat er vorab Einblick in die Daten gegeben, dem Londoner "Guardian", der "New York Times" und dem SPIEGEL, die in der Nacht die Nachricht von den Enthüllungen (Überblick siehe Fotostrecke) in aller Welt verbreitet haben - aber Assange spricht stolz von "vier Medienorganisationen", die an der Sache gearbeitet hätten. Die "drei besten Investigativredaktionen der Welt" und sein eigenes Team.

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Die Afghanistan-Protokolle: 91.731 Dokumente - fünf Probleme
Er redet langsam. Die sonore Bariton-Stimme klingt teilnahmslos, fast ein bisschen gelangweilt, aber davon soll man sich nicht täuschen lassen. Hier spricht ein Mann aus Überzeugung. Seine Eltern haben sich einst auf einer Demo gegen den Vietnamkrieg kennengelernt. Der Sohn protestiert nun auf seine Weise. "Wir haben keine Meinung darüber, ob der Krieg in Afghanistan beendet werden sollte", sagt Assange. "Aber wir wollen, dass die Missstände abgestellt werden." An der Backsteinwand hinter ihm hängt ein Pressefoto aus dem Vietnamkrieg. Ein müder US-Soldat blickt unter dem Stahlhelm hervor.

Die US-Regierung hat inzwischen spürbar verärgert auf Assanges Aktion reagiert. Präsidentensprecher Robert Gibbs verurteilte die Veröffentlichung der Dokumente als "alarmierend" und kündigte eine Untersuchung an. In den Dokumenten würden Namen, Einsätze und logistische Unternehmungen genannt: "Das stellt eine sehr reale und potentielle Bedrohung für jene dar, die jeden Tag sehr hart für unsere Sicherheit arbeiten", sagte Gibbs. Er sprach von einer "Verletzung von Bundesgesetzen": Der Schritt habe "das Potential, sehr schädlich zu sein - für Militärangehörige, für jene, die mit unserem Militär zusammenarbeiten, und für jene, die für unsere Sicherheit sorgen". Die Dokumente enthielten allerdings großteils "keine neuen Enthüllungen".

"Das ist die Geschichte des Krieges seit 2004"

So ähnlich formuliert es auch Assange. In den exakt 91.731 Dokumenten gebe es nicht "die eine große Enthüllung", die am meisten Aufsehen erregte, sagt er. Es gehe vielmehr um die unzähligen kleinen Zwischenfälle, die aneinandergereiht einen Krieg ausmachen.

Viele einzelne Akten, keine für sich genommen spektakulär, könnten in der Summe eine große Wirkung erzielen. "Wenn Sie nach dem Wort Amputation suchen, dann finden sie Dutzende und Dutzende Treffer. Das ist die Geschichte des Krieges seit 2004." Assange spricht auch von Hinweisen auf Kriegsverbrechen, nennt als Beispiel einen Angriff der Spezialeinheit Task Force 373, bei dem mehrere Kinder gestorben sind (mehr dazu...). Allerdings müssten Gerichte darüber entscheiden, ob etwas ein Verbrechen ist, sagt er.

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Protokoll-Ausrisse: Der Wortlaut des Krieges
Er lobt, wie in Deutschland die Kunduz-Affäre aufgeklärt wurde. Das sei der am besten untersuchte tödliche Vorfall in der Geschichte des ganzen Krieges (mehr dazu...), sagt er. Ähnliches will er mit der Veröffentlichung jetzt anstoßen, das hat er schon im SPIEGEL-Interview klargemacht: Die Dokumente sollen "die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss".

Dass die Nato nun ihre Afghanistan-Strategie ändern wird, ist nicht abzusehen. Mit einiger Sicherheit aber wird der Tag für WikiLeaks weitreichende Folgen haben. Der Spendenstrom dürfte erneut anschwellen, wie im April, als interne Videoaufnahmen eines US-Kampfhubschraubers im Irakkrieg veröffentlicht wurden - und das zynische Vorgehen der Soldaten an Bord bloßgestellt wurde (mehr dazu...). Eine Million Dollar sind seither hereingekommen.

"Wir arbeiten, so hart wir können"

Assange hofft außerdem, dass künftig mehr Leute Geheimdokumente der Webseite anvertrauen. "Mut ist ansteckend", sagt er.

Dabei wird das Mitteilungsbedürfnis potentieller Informanten für die kleine Organisation WikiLeaks schon jetzt zum Problem. Täglich werden rund 30 neue Dateien eingereicht. Das Kernteam besteht nur aus wenigen Mitarbeitern, dazu kommen 800 Freiwillige. Man komme mit dem Auswerten und Veröffentlichen kaum hinterher, sagt Assange. Die am Montag veröffentlichten Dokumente seien nur ein Teil des Materials, das sich bei ihnen anhäuft. Wann die nächste Veröffentlichung zu erwarten ist, will er nicht verraten: "Wir arbeiten, so hart wir können."

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30  Bilder
Gefechtszone Afghanistan: Bilder eines Krieges
Mit zunehmender Prominenz wächst die Kritik. Der WikiLeaks-Gründer wird im Frontline Club nach Transparenz und professionellen Standards der Webseite gefragt. Er bügelt sie ab - ebenso wie die Kritik des Weißen Hauses. Es handele sich um alte Berichte von 2004 bis 2009, die nichts über die aktuelle Afghanistan-Strategie verrieten, sagt er.

Nichts kann ihm an diesem Tag die Laune verderben. Assange gefällt sich in seiner Rolle als Chefaufklärer. London habe er als Standort für die Pressekonferenz gewählt, weil WikiLeaks hier viele Unterstützer habe und er sicher sei, dass ihn die britische Regierung nicht festnehmen werde, sagt er. Und er erzählt die Geschichte, die australische Regierung habe ihn im Auftrag der US-Regierung überwacht. Außerdem habe das britische Verteidigungsministerium die WikiLeaks-Webseite für sämtliche Mitarbeiter blockiert - aus Angst davor, dass sie dort Dokumente einreichen.

Ob diese Geschichten wahr sind, lässt sich nicht überprüfen. Die Behörden äußern sich nicht dazu. Doch Assange erzählt sie gern. Für WikiLeaks sind sie die beste Werbung.


Die zentralen Erkenntnisse aus den WikiLeaks-Dokumenten - der Überblick:

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insgesamt 52 Beiträge
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1. .
faustjucken_de 26.07.2010
Dieser Mann ist ein wahrer Held. "Und die Wahrheit wird euch freimachen." Johannes 8,32
2. Ich mach es Kurz
rudirastlos60 26.07.2010
Zitat von sysopFür die US-Regierung ist der Mann ein Sicherheitsrisiko -*er selbst sieht sich als Vorkämpfer gegen Kriegsverbrechen. WikiLeaks-Gründer Julian Assange will nach den*Afghanistan-Enthüllungen zur neuen Macht*aus dem Netz aufsteigen: Er hofft auf den endgültigen Durchbruch, finanziell und bei potentiellen Informanten. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,708604,00.html
für mich ist dieser Mann der noch E..r in der Hose hat, ei absolutes Vorbild in jedweder Hinsicht er hat sich nie kaufen lassen... Peace
3. Julian Assange / Ein Held
dehnübung 26.07.2010
Ich habe es schon an anderer Stelle geschrieben. Bundesverdienstkreuz, Kopf auf Briefmarke, Denkmal setzen, Straßen nach Ihm benennen.
4.
silenced 26.07.2010
Das so eine Institution wie WikiLeaks überhaupt notwendig ist in unserer freien demokratischen Welt, die ganz ohne Zensur, Geheimniskrämerei und korrupte Machenschaften auskommt, das ist schon sehr traurig. Aber das zeigt nur einmal mehr wie verlogen die Politik ist und das wir inzwischen wirklich schon an dem kritischen Punkt angelangt sind: "Die Politik mißtraut dem Volk".
5. Gegen den Mainstream
Baikal 26.07.2010
Zitat von sysopFür die US-Regierung ist der Mann ein Sicherheitsrisiko -*er selbst sieht sich als Vorkämpfer gegen Kriegsverbrechen. WikiLeaks-Gründer Julian Assange will nach den*Afghanistan-Enthüllungen zur neuen Macht*aus dem Netz aufsteigen: Er hofft auf den endgültigen Durchbruch, finanziell und bei potentiellen Informanten. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,708604,00.html
Gegen die amtlichen Lügen, gegen die Medien-Macht von Springer, Bertelsmann, Holtzbrink & Co: Was allein die Nachdenkseiten schon bewirkt haben, ja, Geld dahin und Abos des Mainstream kündigen. Leider ist ja auch der Spiegel nicht mehr das Sturmgeschütz der Demokratie, nicht mehr im Zweifelsfall links - Aust und Leute ohne jede Überzeugunmg wie Doerry haben dazu beigetragen.
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