WikiLeaks-Geburtstag Assange verspricht Enthüllungen vor der US-Wahl

WikiLeaks feiert seinen zehnten Geburtstag und lädt dafür nach Berlin. Plattformgründer Julian Assange beweist dabei einmal mehr, wie gut er darin ist, Fans und Gegner auf die Folter zu spannen.

Julian Assange
AFP

Julian Assange

Aus Berlin berichtet


Rote Sofas, rote Vorhänge, rotes Licht. Wie eine fröhliche Geburtstagsparty wirkt es auf den ersten Blick nicht, im Roten Salon der Volksbühne in Berlin-Mitte. Sarah Harrison, Direktorin für Investigationen, die Nummer zwei von WikiLeaks, trägt zum zehnten Jahrestag der Gründung der Enthüllungsplattform ausschließlich schwarz. Die Engländerin hat ihre blonden Haare streng nach hinten gesteckt und blickt ernst in die gut 15 TV-Kameras, der Raum ist überfüllt.

Am 4. Oktober 2006 registrierte der Australier Julian Assange die Domain Wikileaks.org, diesen Dienstag wird deshalb der zehnte Geburtstag der Enthüllungsplattform gefeiert. WikiLeaks war für seine Arbeitsweise zuletzt mehrfach kritisiert worden, nicht nur von Betroffenen der Enthüllungen.

Die Betroffenen dagegen haben sich schon immer an WikiLeaks gestört. Gut vier Jahre nach der Gründung habe die massive Propaganda der Gegner begonnen, erzählt Sarah Harrison. "Sie haben Blut an ihren Händen", habe es geheißen, nachdem die Plattform Dokumente über die US-Kriegsführung im Irak und in Afghanistan veröffentlich hatte. WikiLeaks habe das Leben amerikanischer Soldaten riskiert. Aber in dem Verfahren gegen die US-Soldatin und WikiLeaks-Quelle Chelsea Manning hätten die Ankläger versucht, Beweise dafür zu liefern, sagt Harrison. "Es kam nichts. Nichts."

Beeinflusst von Russland?

In letzter Zeit sei das populärste Mantra der Anti-WikiLeaks-Propaganda, die Mitarbeiter der Plattform seien russische Spione oder würden von russischen Geheimdiensten gefälschte Dokumente veröffentlichen. Diese Beschuldigungen, ärgert sich Harrison, hätten Medien übernommen, obwohl WikiLeaks rund 650.000 russische Dokumente veröffentlicht hat, von denen viele für die Regierung peinlich waren.

Der Journalist John Goetz - früher SPIEGEL, heute NDR und "Süddeutsche Zeitung" - betont bei einem Kurzauftritt, "dass es nicht wahr ist, dass ich für WikiLeaks arbeite". Vielmehr kooperiere er mit WikiLeaks.

Anfangs sei das lästig gewesen mit WikiLeaks, all das Verschlüsseln, die komplizierten Passwörter, sagt Goetz. "Ich dachte, WikiLeaks wolle Journalisten das Leben schwer machen." Dank der Enthüllungen über die Massenüberwachung von Edward Snowden habe sich seine Einstellung aber wirklich verändert.

Asyl, bis die Verfolgung endet

Melinda Taylor, eine Anwältin von Assange aus Brüssel, sagt, die Verfolgung ihres Mandanten sei illegal. US-Ermittler wollen Assange verhaften, weil WikiLeaks militärische und diplomatische US-Geheimdokumente veröffentlicht hat. Eine schwedische Staatsanwältin ermittelt seit sechs Jahren wegen eines "minderschweren Falles der Vergewaltigung" gegen ihn, ohne Anklage zu erheben. Die Uno-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierungen hatte den Haftbefehl gegen ihn als widerrechtlich verurteilt.

Vor mehr als vier Jahren bekam Assange politisches Asyl von der Republik Ecuador, in deren Londoner Botschaft er geflüchtet ist. Dieses Asyl kann an sich erst widerrufen werden, wenn die Verfolgung endet, meint Anwältin Taylor, aber wirklich sicher könne man sich da nichts sein.

Assange sagte am Montag eine für Dienstag geplante Rede vom Balkon der Botschaft ab - aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Jetzt erscheint er via Videolink im Roten Salon. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "truth": Wahrheit. "Wir glauben an ein romantisches Ideal, das aus älteren Zeiten stammt", sagt er. "Wir denken, es ist faszinierend, die Welt um uns herum zu verstehen. Das Verstehen ist die Grundlage von Gerechtigkeit." Viele Zuschauer in der Volksbühne, darunter zahlreiche WikiLeaks-Sympathisanten, freuen solche Sätze.

Andeutungen über künftige Enthüllungen

Ein wenig stolz und feierlich klingt Assange schließlich doch. WikiLeaks habe sich trotz des enormen Drucks gut gehalten, sagt er. Man habe keine Schulden, es existiere keine Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen und Stiftungen, die eigene Interessen verfolgen. "Wir sind völlig unabhängig." In jedem Fall ist die weltweite Wirkung imposant, die eine derart kleine Gruppe wie WikiLeaks in relativ kurzer Zeit erzielt hat.

Wenn er über die Zukunft von WikiLeaks spricht, schlüpft Assange in die Rolle einer Sphinx. Er hat inzwischen Übung darin, vage Andeutungen zu machen, am liebsten Andeutungen über bevorstehende neue Enthüllungen. Diesmal munkelt er von einer bevorstehenden größeren Enthüllung im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl und insgesamt drei brisanten amerikanischen Enthüllungen.

"Um zu überleben, muss WikiLeaks sich ändern", sagt Assange. "Wir brauchen eine Armee, nicht eine Armee im traditionellen Sinne, sondern eine große Struktur, die WikiLeaks verteidigt." Es solle bald möglich werden, WikiLeaks beizutreten, näheres könne er aber noch nicht verraten.

Falls er irgendwann zurücktreten müsse, unkt Assange, würde WikiLeaks weitermachen. Wie es ihm aktuell gehe, in der Botschaft, will ein Journalist noch wissen. "Ich bin ein bisschen blass", antwortet Assange. "Es gibt wenige Menschen, die vier Jahre lang keine Sonne gesehen haben, aber ansonsten gesund sind. Das könnte interessant für die medizinische Forschung sein."

SPIEGEL-Interview mit Assange
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Seite 1
Herbert Diess 04.10.2016
1. Ein guter Mann
Der das asoziale Verhalten der Politiker weltweit an den Pranger stellt! Wir brauchen endlich komplett neue Strukturen, so wie es bisher lief funktioniert es ja nicht, wenn man sich in der Welt so umschaut. Die Menschheit wird (zum Glück) an ihrer eigenen Dummheit und Unfähigkeit zu grunde gehen.
oi_le 04.10.2016
2. Was vllt. noch fehlt...
...das Frau Clinton Herrn Assange per Drohne ausschalten wollte. Oder ist das bewusst unterschlagen worden? http://www.torontosun.com/2016/10/03/hillary-clinton-suggested-taking-out-wikileaks-founder-julian-assange-with-drone-report
maxi.koch99 04.10.2016
3. Die
Bemerkenswerte Arbeit, vermutlich die letzten echten Journalisten bei WikiLeaks. Sie zeigen uns die Wahrheit wie die Welt um uns herum ausgenutzt wird und Menschenleben Ware für Politik und Finanzwesen sind Aber es gibt keinen Aufschrei, keine Proteste kein Mob der durch die Straßen zieht und tausende Menschenleben rächen will Ist ja auch einfacher Probleme zu ignorieren. Vorallem weil die großen Medien es so viel angenehmer schreiben. Schuld ist hier immer Russland und dort immer die USA Aber tun kann man nie etwas. Wen intressiert schon wieviel Arbeiter sterben bis ein Iphone da ist. Vorallem warum sollte es intressieren? Solang es mir gut geht können alle sterben die ich nicht kenne Traurigerweise die heutige Denkweise
RudiRastlos2 04.10.2016
4.
Ich würde mich ja über ein paar Enthüllungen in Richtung Türkei oder Russland freuen, denn dort läuft wohl mit am meisten schief. Was die kommenden Enthüllungen betrifft, scheint es wohl um Hillary Clinton zu gehen. Hat natürlich ein Geschmäckle: So kurz vor der Wahl und dann noch gegen die vom Kreml eher weniger gern gesehene Präsidentschaftskandidatin. Aber naja, leak ist leak.
westin 04.10.2016
5. Es wird u.a. um illegalen Waffenhandel gehen
Mal sehen,ob sich unsere westlichen Medien an die Sache herantrauen. Oder Obama ein Veröffentlichungsverbot erlässt.
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