WikiLeaks Mächtige spüren die Macht der Hacker-Ethik

Die Enthüllungsplattform WikiLeaks steht massiv unter Druck. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Ein Ansinnen, das der Ideologie von WikiLeaks und seiner Unterstützer komplett widerspricht. Wer WikiLeaks verstehen will, muss die Hacker-Ethik kennen.

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Erst wikileaks.org, jetzt wikileaks.ch. Eine amerikanische Internetfirma hat jetzt auch die Schweizer Website mit den Depeschen des US-Außenministeriums aus ihrer Datenbank gelöscht und damit den Zugang unmöglich gemacht. Die Adresse wikileaks.ch war am Abend nicht mehr erreichbar - ein weiteres Puzzlestück im Versuch der US-Regierung, WikiLeaks verschwinden zu lassen.

Seit WikiLeaks begonnen hat, Hunderttausende Diplomatischer Depeschen aus den Beständen von US-Botschaften zu veröffentlichen, wird die Web-Seite von Hackern attackiert, das US-Unternehmen Amazon hat WikiLeaks von seinen Servern verbannt, die Regierungen der USA und Frankreich üben Druck aus, um der Plattform den digitalen Lebensraum zu entziehen. Was treibt WikiLeaks-Gründer Julian Assange dazu, sich mit solchen Mächten anzulegen?

Seiner radikalen Haltung und der seiner Mitstreiter liegt ein ideologisches Gerüst zugrunde, das ein Vierteljahrhundert alt ist: die Hacker-Ethik, die wichtigste unbekannte Ideologie des 21. Jahrhunderts. Und ihr Schöpfer Steven Levy ist der unbekannteste unter den einflussreichen Theoretikern des 20. Jahrhunderts.

Levy ist kein Philosoph, auch kein Soziologe oder Staatsrechtler. Aber seine Thesen haben in der digitalen Gegenwart massive, weltverändernde Auswirkungen. Mit seiner "Hacker-Ethik" legte er den Grundstein für eine Ideologie, die schon Industrien ins Wanken, Regierungen in die Bredouille und Politiker und Manager an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Linux und Napster, Wikipedia und WikiLeaks - eine Vielzahl von Schöpfungen des digitalen Zeitalters, die radikale, rasante Veränderungen hervorgebracht haben, sind Kinder von Levys Hacker-Ethik. Genau wie viele derer, die sich nun hinter WikiLeaks stellen und das Recht der Organisation verteidigen, Geheimdokumente zu veröffentlichen.

So wie das Internet-Urgestein, der Althippie und Bürgerrechtler John-Perry Barlow, der am Freitag über Twitter eine Einmann-Unterstützungskampagne für WikiLeaks startete und von einem "Informationskrieg" sprach. Als Barlow gemeinsam mit dem Software-Multimillionär Mitch Kapor die Electronic Frontier Foundation (EFF) gründete, eine einflussreiche Bürgerrechtsorganisation der digitalen Welt, ging es um einen ähnlichen Konflikt wie heute: Hacker hatten sich - vermeintlich - geheime Dokumente eines US-Telekom-Riesen verschafft und sie in digitaler Form verfügbar gemacht. Kapor und Barlow sahen die Informationsfreiheit und das freie Streben nach Wissen in Gefahr. Die EFF bezahlte Anwälte, die die Hacker vor Gericht verteidigten - und gewannen. Bis heute ist Levys Hacker-Ethik eine Art heimliches Gründungsdokument der EFF.

"Alle Information soll frei sein"

Levy ist eigentlich kein Theoretiker, kein Ideologe, sondern ein Journalist, ein Chronist. Er fasste zusammen, was andere erdacht und erlebt hatten und schuf so eine Basis, die bis heute hält. In seinem Buch "Hacker - die Helden der Computerrevolution" beschrieb er 1984, wie sich das Hacker-Ethos in den Laboren US-amerikanischer Universitäten entwickelte, wie die ersten Spaß-Programmierer der fünfziger und sechziger Jahre den spielerischen Umgang mit digitaler Technologie zum Prinzip erklärten. Er zeichnete eine Entwicklungslinie vom "Modelleisenbahnclub" am Massachusetts Institute of Technology bis hin zu den Software-Antipoden der frühen Achtziger: Microsoft-Gründer Bill Gates und Richard Stallmann, dem Begründer der "Free Software"-Bewegung.

Aus all den Gesprächen, die er mit den Protagonisten dieser revolutionären Jahrzehnte geführt hatte, destillierte er sieben Grundregeln, die er Hacker-Ethik taufte. Den Kerngedanken all der Regeln könnte man so zusammenfassen: Technik und Wissen können den Menschen freier machen, wenn er selbst in die Lage versetzt wird, sich ihrer frei und schöpferisch zu bedienen.

Einer der sieben Leitsätze erscheint im Licht der aktuellen Ereignisse besonders relevant: Regel Nummer drei - "Alle Information soll frei sein".

Das Lebensgefühl, das Levys Regeln ausdrücken sollen, hat die vergangenen drei Jahrzehnte maßgeblich geprägt, auch wenn das den wenigsten bewusst sein dürfte. Vom Wunsch nach freier Information und dem Hinweis, dass "Computer dein Leben zum Besseren verändern können" lässt sich eine direkte Entwicklungslinie ziehen zur Entwicklung all der Internet-Tauschbörsen, die seit der Jahrtausendwende der Musik- und inzwischen auch der Kinobranche solches Kopfzerbrechen bereiten. Das eigentlich viel ältere, nämlich aus dem Fundus der modernen Naturwissenschaft stammende Ideal des freien Zugangs zu Wissen ist eine maßgebliche Triebkraft hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Freie Software-Entwicklungen wie Linux oder Firefox sind ohne Hacker-Ethik ebenso wenig denkbar wie die Google-Maps-Alternative OpenStreetMap oder die "Jailbreak"-Programme, mit denen sich neue Mobiltelefone von den Fesseln ihrer Hersteller befreien lassen. Levy beschrieb das Leben eines Hackers als das eines Abenteurers, eines Grenzgängers an den Rändern des derzeit Möglichen. Mit revolutionärem Potential.

"Besonders verwundbar"

Das Programm von WikiLeaks setzt die Hackerethik nun in ihrer radikalsten Form um: Wenn alles öffentlich, jede Information verfügbar ist, so interpretiert Julian Assange Regel Nummer drei, dann kann das der Menschheit nur zum Vorteil gereichen. Nur so könne die Ungerechtigkeit in der Welt bekämpft werden, glaubt er: "Nur auf enthüllte Ungerechtigkeit kann man antworten; damit der Mensch intelligent handeln kann, muss er wissen, was tatsächlich vor sich geht", schrieb er Ende 2006, kurz nach der Gründung von WikiLeaks. Assange geht allerdings in seiner Interpretation deutlich weiter, als sich Levy das wohl gedacht hatte. Er betrachtet Information explizit als Werkzeug radikaler politischer Veränderung: "Ungerechte Systeme", schrieb er 2006, seien durch massenweise Datenlecks "besonders verwundbar denen gegenüber, die sie durch offenere Formen des Regierens ersetzen wollen."

Die Kehrseite der Forderung nach totaler Informationsfreiheit zeigt sich nicht nur an der Kritik und den Drohungen, die nach den jüngsten Veröffentlichungen - Afghanistan, Irak, Depeschen - auf Assange und WikiLeaks einprasseln. Sie zeigt sich auch in den Debatten, die in diesen Tagen über Privatsphäre und Datenschutz in Zeiten digitaler Technologie geführt werden.

Nackt in der Sauna - nackt im Netz?

Ob Facebook oder Google - die Sorge um die wachsenden Datenbestände der neuen Konzerne und ihr umfassendes Wissen über viele ihrer Nutzer wächst. Die Motivation der Datensammler jedoch hat im Kern wieder viel mit Levys Ideen zu tun. Die Liebe zur Machbarkeit paart sich mit der radikalen Levy-Interpretation, dass auch Information über Privates frei und offen sein sollte. Der Autor und Journalist Jeff Jarvis bringt diese extreme Auslegung auf den Punkt, wenn er sich über die Privatsphäreängste der Deutschen lustig macht, wo die doch gleichzeitig auch nackt in die Sauna gingen.

Warum sollte so ein Volk denn online etwas zu verbergen haben?, fragt Jarvis rhetorisch und ignoriert dabei, dass es einen Unterschied gibt zwischen freigewählter Nacktheit in privaten Situationen und unfreiwilliger Entblößung vor einem potentiell weltweiten, gesichtslosen Publikum. Die radikalsten Interpreten dieser Denkrichtung sehen das Zeitalter der Postprivacy heraufziehen. Kerngedanke: Wenn alles offen ist, muss sich auch niemand mehr vor Veröffentlichungen fürchten. Michael Seemann, Blogger und Postprivacy-Advokat aus Berlin, formuliert es so: "Wir steuern auf eine Gesellschaft zu, in der es keine Geheimnisse mehr gibt. Das wird nicht der Weltuntergang sein, wir müssen uns nur darauf einstellen."

Die etwas überdrehte Street-View-Debatte hierzulande illustriert sehr schön, wo das Problem liegt: Hacker-ethisch orientierte Menschen, wie sie etwa bei Google arbeiten, sehen im Verfügbarmachen von Fotos sämtlicher Straßen und Häuserfronten in einem Land einen Dienst am Menschen, einen Schritt in die richtige Richtung. Manche deutschen Häuslebauer halten es dagegen für einen Eingriff in ihre Privatsphäre, wenn man von Tokio oder Kairo aus einen Blick in ihren Vorgarten werfen kann. Das Internet ist die perfekte Informationsbefreiungsmaschine - aber das Ideal totaler Informationsfreiheit ist beileibe nicht überall mehrheitsfähig.

Deutsche Hacker, die Steven Levy durchaus schätzten, erkannten diesen Zwiespalt schon in den Achtzigern. Wau Holland, einer der Gründer des Chaos Computer Clubs, ergänzte Levys Regeln damals um zwei weitere. Auf den Web-Seiten des CCC ist bis heute diese ergänzte Version der Hacker-Ethik zu finden. Die beiden angefügten Sätze lauten: "Mülle nicht in den Daten anderer Leute" - eine wohlmeinende Ermahnung an die jugendlichen Hacker von damals, sich bei ihren Datenstreifzügen durch die Großrechner in Forschungseinrichtungen und Regierungsbehörden überall im Westen nicht zum Vandalismus hinreißen zu lassen.

Die zweite Holland'sche Ergänzung aber ist eine, die aus heutiger Sicht, mit Blick auf Facebook, Vorratsdatenspeicherung und Datenschutzdebatte nachgerade prophetisch klingt. Sie lautet: "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen."

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Seite 1
plastikjute 03.12.2010
1. Differenzierung bitte
"das Ideal totaler Informationsfreiheit ist beileibe nicht überall mehrheitsfähig" Es ist vor allen Dingen gar nicht realisierbar, also wieso überhaupt dies als "Drohung" aufbauschen im Kontext mit Wikileaks? Auch wenn Wikileaks der Ehrgeiz haben sollte, alle Regierungsdokumente zu veröffentlichen - was sie ohnehin nicht tun, sondern nur ausgewählte Dokumente (!) - bliebe noch unglaublich viel Information über die Machenschaften der Politikerkaste oder der Bankster im Verborgenen. Und man soll doch bitte nicht so tun, als ginge es Wikileaks darum, den Einzelnen zu einem gläsernen Menschen zu machen! Es ist doch ein gewaltiger Unterschied, ob Informationen einer Privatperson oder von Regierungen veröffentlicht werden.
gue5003 03.12.2010
2. wikileaks
Allein schon wegen des Videos: Collateral Murder vom 2010-04-05 muss wikileaks leben, z.B. unter wikileaks.de
Loewe_78 03.12.2010
3. Hihihi
Zitat von sysopDie Enthüllungsplattform WikiLeaks steht massiv unter Druck. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Ein Ansinnen, das der Ideologie von*WikiLeaks und seiner Unterstützer komplett widerspricht. Wer WikiLeaks verstehen will, muss die Hacker-Ethik kennen. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,732785,00.html
Ich find's irgendwas zwischen derb und urkomisch: Ein Dissident veröffentlicht Material, er wird mit Strafverfahren überzogen und man versucht mit aller Gewalt, das inkriminierende Material aus dem Netz zu verbannen. Man stelle sich vor, China würde das machen. Der Aufschrei wäre gigantisch. Menschen würden den 3. Weltkrieg fordern, China wäre ganz doll böse, lichtscheues Gesindel die Regierung... Da sieht man: Auch "unsere" Regierungen mögen vor allem eins: Dunkelheit in ihren Angelegenheiten; wenn die durch Licht gestört wird, die ganze Mauschelei offenbar wird, dann, ja dann wird auch aus "demokratisch legitimierten" Regierungen ein wutgeifernder, argumentativ wild um sich tretender, lichtscheuer Haufen, der mit aller Gewalt, unter Biegung und Missachtung des Rechtes seine Gegner bekämpft. Und in den tiefsten Kerker werfen möchte, bis sie dort verschimmeln mögen. Wie in China halt.
mardas 03.12.2010
4. Transparenz und Volkssouverän
"Die zweite Holland'sche Ergänzung aber ist eine, die aus heutiger Sicht, mit Blick auf Facebook, Vorratsdatenspeicherung und Datenschutzdebatte nachgerade prophetisch klingt. Sie lautet: "Öffentliche Daten nützen, private schützen."" Das ist sehr wichtig. Denn oftmals wird Transparenz der Regierungen mit Transparenz des Einzelnen gleichgesetzt, um diese völlig gegensätzlichen Dinge ineinanderzuformen und Ersteres in Misskredit zu bringen. In Deutschland gilt das Volkssouverän, und daher hat eine Regierung überhaupt keine Rechte, wenn sie nicht im Sinne des Volkes handelt. Daher muss die Regierung vom Volke überwacht werden, beziehungsweise muss deren Informationen auch allen zugänglich gemacht werden, denn erst dann trägt sie dem Volkssouverän Rechnung. Die private Tranparenz steht sogar gegen das Volkssouverän, denn sie ist gegen persönliche und bürgerliche Freiheiten eingestellt von der Seite von Staat oder Konzernen. Bitte also nicht verwechseln. Die Stasi wusste alles über seine Bürger. Die Bürger wussten nichts über ihren Staat. Und hätten wir WikiLeaks vor Jahrzehnten schon gehabt, wäre uns Dolchstoßlegende, Hitlerdiktatur, Stalindiktatur und vieles mehr erspart geblieben. Was wäre denn, wenn die Norkoreaner auf einmal wüssten, was ihre Regierung treibt? Ist da Transparenz fehl am Platze? Nein. Gut möglich, dass WikiLeaks viel zur Vermeidung von Propaganda und Regierungsrepressionen beitragen kann, aber das geht nur, wenn es weiterarbeiten kann. Hoffentlich hat die globale Kampagne verschiedenster Regierungen gegen Assange keinen Erfolg...
elpaso, 03.12.2010
5. Ethik
Welche Ethik? Dieser Kerl, der weltweit wegen Vergewaltigung gesucht wird, der ohne Sinn und Verstand Menschen gefährdet?? Da sind glaube ich viele ganz anderer Meinung. Diebstahl bleibt Diebstahl, auch wenn es Daten sind.
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