Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

WikiLeaks und der Irak-Coup: Assange feiert seine Auferstehung

Von , London

Schafft es Julian Assange, seinen Ruf zu retten? Die Veröffentlichung Hunderttausender Irak-Geheimdokumente hat gezeigt, dass seine Enthüllungsplattform WikiLeaks den Mächtigen noch viel Ärger bereiten kann. Jetzt fühlt sich der Aktivist obenauf. Trotz aller Querelen der vergangenen Monate.

WikiLeaks-Gründer Assange: Wieder im Blitzlichtgewitter Zur Großansicht
REUTERS

WikiLeaks-Gründer Assange: Wieder im Blitzlichtgewitter

London - Als Julian Assange in den unterirdischen Tagungsraum des Londoner Park Plaza einzieht, folgen ihm rund 20 Kameras. Sobald er sich hinsetzt, bildet sich eine Traube aus Fotografen. Das Blitzlichtgewitter dauert minutenlang.

Assange, 39, WikiLeaks-Gründer, der zuletzt vor allem durch Negativschlagzeilen aufgefallen ist - er ist wieder da.

Die Organisation, die seit 2006 geheime Regierungsakten veröffentlicht, hat ihren bisher größten Coup gelandet. Fast 400.000 interne Feldprotokolle der US-Armee aus dem Irak-Krieg hat sie ins Internet gestellt. Der Andrang der Netz-Nutzer war so groß, dass man zeitweise nicht auf die Seite kam, und nun ist Assange zufrieden. Nach wenigen Stunden schon mehr als 1500 Treffer bei Google News! Es gefällt ihm, die Zahl am Samstag bei der Pressekonferenz zu verkünden. Man werde immer besser, sagt er und führt das darauf zurück, dass WikiLeaks die Dokumente diesmal noch mehr Medien vorab zur Analyse bereitgestellt hat - nicht nur der "New York Times", dem britischen "Guardian" und dem SPIEGEL wie vor drei Monaten bei den mehr als 70.000 Afghanistan-Protokollen (mehr zur Veröffentlichungspolitik des SPIEGEL...).

In der ersten Reihe: der Enthüller der Pentagon Papers

Alles ist jetzt eine Nummer größer als damals, nicht nur die Zahl der Dokumente. Im Juli war Assange in London allein vor die Presse getreten - im intimen Frontline Club, einem Zentrum des unabhängigen Journalismus. Nun sitzt er auf einem Podium im Tagungssaal des Park Plaza. Das Hotel liegt an der Themse in Sichtweite der Zentrale des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6. Es wirkt fast so, als wolle Assange schon mit der Ortswahl die Staatsmacht provozieren.

Deutlich mehr Journalisten sind angereist als vor drei Monaten. Der Irak-Krieg ist im Unterschied zum Afghanistan-Einsatz kein drängendes Thema mehr, aber seit Afghanistan ist klar, dass WikiLeaks-Enthüllungen ein heißes Thema sind. Die US-Regierung hat umgehend nach der Veröffentlichung in der Nacht auf Samstag protestiert (zu den Reaktionen...), und auch die irakische Regierung ist erbost. Einige Einheiten, denen Misshandlungen vorgeworfen werden, unterstehen Premier Nuri al-Maliki. Der Mann, der seit der Patt-Wahl vom März nur noch kommissarisch im Amt ist, ließ die WikiLeaks-Aktion als PR-Kampagne politischer Gegner abtun: Die Dokumente enthielten "keinen einzigen Beweis dafür, dass sich die irakische Regierung oder der Ministerpräsident persönlich unpatriotisch verhalten haben".

WikiLeaks hat erneut bewiesen, dass es den Mächtigen dieser Welt großen Ärger bereiten kann. Assange weiß darum und will die Chance bestmöglich nutzen. Diesmal hat er sich in London Verstärkung an seine Seite geholt: Gavin McFadyean, Direktor des internationalen Zentrums für investigativen Journalismus, WikiLeaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson, Iraq-Body-Count-Gründer John Sloboda und Phil Shiner von der Anwaltsfirma Public Interest Lawyers. Sie alle sitzen auf dem Podium, was dazu führt, dass Assange mehr präsidiert, als ständig das Wort zu führen.

Als Ehrengast sitzt in der ersten Reihe Daniel Ellsberg, "der berühmteste Whistleblower der Welt", sagt McFadyean. Der Enthüller der Pentagon-Papiere (mehr auf Wikipedia...) ist in der Nacht extra aus den USA herübergeflogen, um WikiLeaks zu unterstützen. Der alte Mann ist voll des Lobes für den Australier: Er selbst sei einst als "gefährlichster Mann Amerikas" betitelt worden. Assange aber sei der "gefährlichste Mann der Welt".

Der interne Streit, die Vergewaltigungsvorwürfe - kein Thema

Ellsberg ist an diesem Tag der größte WikiLeaks-Fan. Die Protokolle aus Afghanistan und Irak seien nicht mit seinen Pentagon-Papieren zum Vietnam-Krieg zu vergleichen, sagt der Opa der Whistleblower - weil sie keine Innenansicht zum Entscheidungsprozess der Regierung böten. Dem komme immer noch US-Journalist Bob Woodward am nächsten, der für seine Enthüllungsbücher auch hochgeheime Akten zu Gesicht bekomme. Ellsbergs Vorschlag: Woodwards Rechercheure sollten das eine oder andere an WikiLeaks durchstechen. Da muss Assange lächeln.

Der WikiLeaks-Chef kann die Hilfe gebrauchen. Der gemeinsame Auftritt mit den anderen Aktivisten auf dem Podium soll offensichtlich dazu dienen, WikiLeaks wieder einen seriöseren Anstrich zu geben - nachdem die One-Man-Show des egomanischen Gründers das Projekt zuletzt in eine Krise gestürzt hatte.

In den vergangenen Monaten war der Eindruck entstanden, WikiLeaks zerlege sich gerade selbst. Assange sieht sich nach Vergewaltigungsvorwürfen zweier Frauen mit der schwedischen Justiz konfrontiert, was die Arbeit der Internetplattform belastet. Er hat alles stets zurückgewiesen und äußert sich an diesem Samstag in London nicht dazu - genausowenig wie zuvor in einem CNN-Interview, das er nach einem Eklat verärgert verlassen hat.

Dazu kommen interne Probleme. Der deutsche Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat sich über Assanges autoritäres Gehabe beklagt und die Organisation im Streit verlassen. Aber auch hier: kein Thema in London.

"Aufhören zu vertuschen"

Bei der Pressekonferenz steht damit zum ersten Mal seit Monaten wieder die Arbeit von WikiLeaks im Vordergrund. Wie die Afghanistan-Protokolle bieten die Irak-Dokumente weniger spektakuläre neue Enthüllungen als vor allem einen anschaulichen, sehr detaillierten Einblick in den Kriegsalltag (mehr zu den Protokollen...). "Seit sieben Jahren hat die Öffentlichkeit ein unvollständiges Bild dieses Krieges", sagt Sloboda von Iraq Body Count, einer gemeinnützigen Organisation, die die Kriegsopfer zählt. Bisher seien es nur Journalisten gewesen, die über die Opfer berichtet hätten. Nun gebe es eine weitere Quelle: die US-Armee.

Fotostrecke

15  Bilder
US-Soldaten im Irak: Bilder eines Krieges
107.000 Tote hatte Iraq Body Count bislang auf seiner Web-Seite aufgeführt. Dank der neuen Dokumente ließen sich 15.000 weitere identifizieren, sagt Sloboda. Die meisten seien bei alltäglichen Schießereien umgekommen, ein, zwei Mann pro Zwischenfall. "Dies sind die kleinen Tragödien dieses Krieges." Außerdem könne man dank der Dokumente vielen bislang anonymen Toten einen Namen zuordnen. Es werde Monate, vielleicht Jahre dauern, bis alle 400.000 Berichte ausgewertet seien.

Viele Fälle fielen unter die Europäische Menschenrechtskonvention fallen, sagt Anwalt Phil Shiner. Leider vertrete zum Beispiel das britische Verteidigungsministerium die Position, dass es nur einen Fall pro Jahr behandeln könne - und allein seine Anwaltskanzlei habe 142 Klagen gegen Misshandlung durch britisches Militär vorliegen. Er könne keine 142 Jahre warten. "Das Verteidigungsministerium muss wirklich aufhören zu vertuschen."

Von der US-Kritik will keiner auf dem Podium etwas wissen

Die Aktivisten klagen das US-Militär und dessen Alliierte als unmoralisch an - ihr stärkstes Argument gegen die Vorwürfe, die vor allem von der US-Regierung gegen WikiLeaks erhoben werden. Diese protestiert, weil die Plattform die nationale Sicherheit der USA und durch Identifizierbarkeit das Leben von Soldaten und Zivilisten gefährde. Dabei stehe in den Dokumenten nichts grundsätzlich Neues oder Erhellendes (mehr dazu...). Die Afghanistan- und Irak-Protokolle müssten sofort vom Netz.

Assanges Podiumsteilnehmer in London verteidigen das Recht, Geheimdokumente ins Internet zu stellen. "Die Öffentlichkeit hat ein Recht, die Wahrheit zu erfahren", sagt Sloboda. Assange weist die Vorwürfe zurück, Leben aufs Spiel zu setzen. Erstens seien Namen getilgt worden. Zweitens sei das auch nach der Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle behauptet worden - am Ende aber habe Verteidigungsminister Robert Gates in einem Brief an einen Senator zugegeben, dass niemand zu Schaden gekommen sei.

Triumphierend zitiert Assange eine Studie von Pew Research, der zufolge die Kriegsberichterstattung nach Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle um 300 Prozent angestiegen sei. Gleichzeitig sei die Unterstützung für den Krieg und für US-Präsident Barack Obama gesunken. "Ich erwarte, dass das Gleiche mit den Irak-Protokollen passiert", sagt er.

Die US-Regierung findet offensichtlich kein wirksames Mittel gegen WikiLeaks.

Diesen Artikel...
Forum - Sind die Opfer im Irak-Krieg zu rechtfertigen?
insgesamt 1528 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Krieg
Dr.Strangelove, 22.10.2010
Krieg und Vernunft passen nicht sonderlich gut zusammen. Es versucht immer eine Seite ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Partei ergreifen, ist da nichts weiter als Partei für die Schlächterei ergreifen.
2. nein
Antje Technau, 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
nein. Dieser Krieg war damals ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der auf einer Lüge basierte. Auf der Lüge, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen, unter anderem Atomwaffen, besessen und er hätte "mit Terroristen" unter einer Decke gesteckt. Wie schon vor dem Krieg jeder halbwegs gebildete und informierte Mensch wusste, hatte Saddam Hussein weder Atomwaffen noch sonstige nennenswerte Massenvernichtungswaffen noch hatte er je mit alQaeda etwas zu tun. Und daran hat auch der Showprozess und die Hinrichtung von Saddam Hussein nichts geändert. Auch, dass es im Irak nun eine "Demokratie" gibt, die den irakischen Frauen ihre Menschenrechte genommen hat und sie durch Scharia-Recht ersetzt hat, rechtfertigt diesen Krieg, seine Toten und die Folteropfer unter den Irakern nicht. Wo kämen wir da hin, wenn man - nur weil es heute mit dem Irak *vielleicht* wieder aufwärts geht, falls den Irakern ihre Bodenschätze nicht von US-Firmen gestohlen werden - diese "Erfolge" als Argument für völkerrechtswidrige Angriffskriege gelten lassen wollte? Da könnte man doch genauso gut die Saudis von ihrem Königshaus "befreien", damit "unser Öl" endlich in die richtigen Hände gerät...//Ironie off
3. Natürlich nicht
derKanoniker 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Natürlich nicht. Und bitte mal daran erinnern: Stoiber und Merkel waren für diesen Krieg.
4. Destabilisierung
ANDIEFUZZICH 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Absolut nicht.
5. .
roflem 22.10.2010
Der Krieg war nur wegen Öl geführt worden. Dafür zu töten war bestimmt nicht gerechtfertigt. Wenn das Öl mal alle ist und Kriege wegen Wasser geführt werden wären sie genauso ungerechtfertigt. Aber wir werden es nie verhindern können.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr im SPIEGEL

Alles zu den Irak-Protokollen
lesen Sie im SPIEGEL 43/2010

  • - Die zentralen Erkenntnisse aus den Dokumenten
  • - Der Irak am Rande des Bürgerkriegs
  • - Die Fehler und Trauma des US-Militärs

Ab diesem Samstag 22 Uhr als E-Paper,
ab Montag an jedem Kiosk

Inhaltsverzeichnis | E-Paper des Heftes
DER SPIEGEL auf dem iPhone und iPad
Heft kaufen | Abo-Angebote und Prämien

Diskutieren Sie über das Thema

Mehr im Internet

SPIEGEL ONLINE ist nicht verantwortlich
für die Inhalte externer Internetseiten.

Fotostrecke
US-Soldaten im Irak: Bilder eines Krieges

Fotostrecke
Die Invasion: Wie die US-Truppen auf Bagdad marschierten

Fotostrecke
Irak nach der Invasion: Von "Mission Accomplished" zu Abu Ghuraib

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: