WikiLeaks: US-Anklage gegen Assange existiert angeblich bereits

Die US-Regierung ist auf den WikiLeaks-Gründer nicht gut zu sprechen, so viel ist sicher. Nun scheint eine geleakte E-Mail zu belegen, dass bereits seit über einem Jahr eine geheime Anklage gegen Assange vorliegt. WikiLeaks nutzt die Gelegenheit, um Spenden einzuwerben.

Julian Assange in London: WikiLeaks veröffentlicht E-Mails der US-Firma Stratfor Zur Großansicht
REUTERS

Julian Assange in London: WikiLeaks veröffentlicht E-Mails der US-Firma Stratfor

Hamburg - Die Information über die angebliche Anklage gegen Julian Assange stammt offenbar aus den E-Mails, die dem US-Strategieberatungsunternehmen Stratfor abhanden gekommen sind. Über fünf Millionen Stratfor-Mails sollen WikiLeaks vorliegen, sie stammen vermutlich aus einem Hack der Aktivistengruppe Anonymous. In einer nun veröffentlichten E-Mail, die der der Stratfor-Vizepräsident für "Intelligence", Fred Burton, an eine hausinterne Mailingliste geschrieben haben soll, ist zu lesen: "Wir haben eine versiegelte Anklageschrift gegen Assange." Die E-Mail sei markiert mit den Vermerken "bitte schützen" und "Nicht zur Veröffentlichung bestimmt".

Burton war früher einmal im diplomatischen Sicherheitsdienst des US-Außenministeriums für Terrorabwehr zuständig und gilt als in US-Sicherheitskreisen gut vernetzt. Die zitierte E-Mail soll schon vom 26. Januar 2011 stammen. Seitdem ist viel passiert: Julian Assange kämpft in Großbritannien gegen seine Auslieferung nach Schweden, wo die Staatsanwaltschaft ihn im Zusammenhang mit Vergewaltigungsvorwürfen vernehmen will.

Der US-Soldat Bradley Manning, die angebliche Quelle vieler wichtiger WikiLeaks-Daten, etwa der Irak- und der Afghanistan-Protokolle sowie der Botschaftsdepeschen aus den Beständen des US-Außenministeriums, wird sich demnächst vor einem Kriegsgericht verantworten müssen.

Australische Zeitungen brachen das Embargo

Mannings Fall gilt als zentral auch für die juristischen Anstrengungen von US-Gerichten, Assanges habhaft zu werden. Um ihn in den USA vor Gericht stellen zu können, müsste man Assange nachweisen, dass er Manning zur Herausgabe der Daten überredet oder sich zumindest mit ihm abgestimmt hat - man könnte ihn dann möglicherweise der Verschwörung zum Geheimnisverrat beschuldigen.

Die Veröffentlichung der angeblichen E-Mail kam offenbar früher als eigentlich geplant. Mehrere Medienpartner von WikiLeaks in diversen Ländern rund um den Globus haben Zugriff auf die Stratfor-E-Mails, darunter auch die neuseeländische "Sunday Star-Times". Die australischen Zeitungen "The Age" und "Sydney Morning Herald" ("SMH") gehören beide zur gleichen Mediengruppe, Fairfax Media. Beide, "SMH" und "The Age", hatten am Dienstagnachmittag deutscher Zeit über die Burton-E-Mail berichtet - offenbar entgegen einer Absprache, diese Information noch einige Tage zurückzuhalten. Bei einer Pressekonferenz in London am Montag hatte Assange für die kommenden Tage größere Enthüllungen im Zusammenhang mit den E-Mails angekündigt.

Kurz nach dem Erscheinen der Berichte auf den australischen Websites wurde über den offiziellen Twitter-Account von WikiLeaks verbreitet: "Da Fairfax (SMH, The Age) versehentlich das Embargo zur Assange-Anklage gebrochen hat, steht es nun allen Partnern frei, die Geschichte JETZT zu veröffentlichen." Parallel wurde die entsprechende E-Mail auf der WikiLeaks-Seite öffentlich gemacht - und zu Spenden für WikiLeaks aufgerufen. Man könne so "unmittelbar auf die Anklage gegen Assange reagieren", hieß es via Twitter.

cis

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insgesamt 12 Beiträge
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1. titel
membot 28.02.2012
Zitat von sysopREUTERSDie US-Regierung ist auf den WikiLeaks-Gründer nicht gut zu sprechen, so viel ist sicher. Nun scheint eine geleakte E-Mail zu belegen, dass bereits seit über einem Jahr eine geheime Anklage gegen Assange vorliegt. WikiLeaks nutzt die Gelegenheit, um Spenden einzuwerben. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,818146,00.html
So viel zu den angeblichen Verschwörungstheorien, dass die USA mit allen Mitteln versuchen Assange ans Bein zu pinkeln.
2. Suchen sie sich ihre eigene Wahrheit
Barath 28.02.2012
Zitat von membotSo viel zu den angeblichen Verschwörungstheorien, dass die USA mit allen Mitteln versuchen Assange ans Bein zu pinkeln.
Ich lasse mich da schon lange nicht mehr irritieren.
3. Hier könnte mein Klarname stehen
snickerman 28.02.2012
Zitat von membotSo viel zu den angeblichen Verschwörungstheorien, dass die USA mit allen Mitteln versuchen Assange ans Bein zu pinkeln.
Wieso angeblich? Das ist doch genau die Bestätigung dafür! Lesen würde helfen...
4.
dertordesmonats 28.02.2012
Zitat von sysopREUTERSDie US-Regierung ist auf den WikiLeaks-Gründer nicht gut zu sprechen, so viel ist sicher. Nun scheint eine geleakte E-Mail zu belegen, dass bereits seit über einem Jahr eine geheime Anklage gegen Assange vorliegt. WikiLeaks nutzt die Gelegenheit, um Spenden einzuwerben. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,818146,00.html
Assange Friedensnobelpreis 2012!
5. ...
-mowgli- 28.02.2012
Zitat von sysopREUTERSDie US-Regierung ist auf den WikiLeaks-Gründer nicht gut zu sprechen, so viel ist sicher. Nun scheint eine geleakte E-Mail zu belegen, dass bereits seit über einem Jahr eine geheime Anklage gegen Assange vorliegt. WikiLeaks nutzt die Gelegenheit, um Spenden einzuwerben. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,818146,00.html
Und worum gehts da in der Anklage? Schnellfahren? Urheberrechtsverstoß? Und wer hat die Anklage getippselt? Gehts vielleicht etwas genauer, bevor die Verschwörungstheoretiker gleich wieder eine riesen Story um eine angebliche Email spinnen?
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Anonymous: Die Maske des Protests

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Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.


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