WikiLeaks-Video Assange klagt über sechs Monate "Hausarrest"

Julian Assange sitzt seit einem halben Jahr wegen eines angeblichen Sex-Delikts in England fest. Der WikiLeaks-Gründer kam zwar gegen Zahlung einer Kaution frei und wehrt sich bislang erfolgreich gegen die Auslieferung nach Schweden. Doch in einem Video beschwert er sich über seinen "Hausarrest".

WikiLeaks-Gründer Assange: Video-Botschaft an die Unterstützer

WikiLeaks-Gründer Assange: Video-Botschaft an die Unterstützer


Hamburg - Jeden Tag dieselbe Prozedur: Julian Assange, Anführer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, betritt eine kleine Polizeiwache in der englischen Grafschaft Norfolk, bekommt von den Beamten eine Anwesenheitsliste zum Abzeichnen überreicht. Die tägliche Meldung ist Teil der strengen Auflagen, unter denen er vor sechs Monaten auf Kaution freigekommen ist.

In einem am Donnerstag veröffentlichten Video ist Assange bei mehreren dieser Unterschriften zu sehen. Unterstützer erklären in dem rund fünfeinhalbminütigen Clip, dass sie den "Hausarrest" von Assange unmöglich finden und wie die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit ihn an seiner Arbeit hindert. Vor allem stört sie, dass es bisher keine Anklage gegen den WikiLeaks-Gründer gibt: "191 Tage ohne Anklage" heißt das Video dann auch. Außerdem werfen sie der britischen Regierung vor, Assanges Aufenthaltsort mit Videokameras zu überwachen.

Assange kämpft mit seinen Anwälten derzeit gegen die Auslieferung nach Schweden. Dort wird wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung in einem minder schweren Fall, sexueller Belästigung und Nötgung gegen ihn ermittelt. Die schwedische Staatsanwaltschaft hat einen europäischen Haftbefehl erlassen. Anfang Dezember stellte sich Assange der britischen Polizei, wurde verhaftet und nach mehreren Tagen im Gefängnis auf Kaution freigelassen.

Zu den Auflagen gehört neben der täglichen Meldung außerdem das Tragen einer elektronische Fußfessel. Auch darf er das Land nicht verlassen und muss nach 22 Uhr zu Hause sein. Vaughan Smith, der Gründer des Londoner Journalisten-Clubs Frontline, lässt Assange seit Dezember auf seinem Landsitz in Südostengland leben. Auch er tritt in dem nun veröffentlichten Video auf. Zu sehen sind außerdem Techniker, die die elektronische Fußfessel kontrollieren.

Ein britischer Richter hatte im Februar entschieden, dass Assange an Schweden ausgeliefert werden darf - gegen diesen Beschluss wehrt er sich und legte im März Berufung ein. Hintergrund dürfte nicht nur der Prozess wegen der von ihm stets bestrittenen Vergewaltigung sein, sondern auch ein mögliches Verfahren in den USA, wohin ihn Schweden wiederum ausliefern könnte.

In den Vereinigten Staaten wird eine Anklage gegen den WikiLeaks-Gründer offenbar vorangetrieben. Eine Grand Jury vernahm am Mittwoch unter Eid einen Freund des US-Soldaten Bradley Manning, der Zehntausende geheime Regierungsdokumente an WikiLeaks weitergegeben haben soll.

Mutmaßlichem WikiLeaks-Zuträger droht lebenslange Haft

Vor der Grand Jury sollen laut dem Unterstützerkomitee Mannings Freund David House, der den Soldaten mehrfach im Gefängnis besuchte, sowie "mehrere Personen mit Wohnsitz in der Region Boston" unter Eid aussagen. WikiLeaks bestätigte den Termin. Er bedeutet nicht unbedingt, dass eine Anklage gegen Assange bevorsteht, sondern eher, dass die US-Justiz dieses Ziel weiterverfolgt. Ermittlungen gegen Assange waren im Juli 2010 eingeleitet worden. Eine Anklageerhebung gegen den Australier gilt aber juristisch als schwierig.

Eine Möglichkeit wäre laut Rechtsexperten, zu belegen, dass Assange Manning dazu angestiftet hat, die vertraulichen Dokumente zu stehlen. Manning selbst droht wegen der Weitergabe der Daten vor einem Kriegsgericht lebenslange Haft.

Die technische WikiLeaks-Plattform funktioniert seit Monaten nicht mehr, im internen Streit verabschiedeten sich mehrere Mitglieder der Gruppe. Sie sollen Assange den Zugriff auf anonym bei WikiLeaks eingeschicktes Material entzogen haben. Sie beklagten einen autoritären Führungsstil und Versäumnisse beim Aufbau der Organisation und beim Umgang mit Spendengeldern.

WikiLeaks beschreitet unterdessen ungewöhnliche Wege der Geldbeschaffung: Über Ebay versteigert WikiLeaks ein Essen mit Julian Assange. Unterstützer sollen in einem edlen Restaurant in London mit ihm speisen dürfen. Aktuell verfügbar sind die Plätze sechs und sieben von insgesamt acht. Einer der Tischplätze steht derzeit bei über 4500 Euro.

ore/amz/AP

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Seite 1
timewalk 16.06.2011
1. Progress
Zitat von sysopJulian Assange sitzt seit einem halben Jahr wegen eines angeblichen Sex-Delikts in England fest. Der WikiLeaks-Gründer kam zwar gegen Zahlung einer Kaution frei und wehrt sich bislang erfolgreich gegen die Auslieferung nach Schweden. Doch in einem*Video beschwert er sich über seinen "Hausarrest". http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,768708,00.html
Wikileaks hat mehr zum Weltfrieden beigetragen wie sonst kaum Jemand! Zudem hat Wikileaks den USA einen großen gefallen getan um deren Schuld quasi im Turbowaschgang, weiss zu waschen! Free Julian Assange + Free Braedley Manning!
n.holgerson 16.06.2011
2. Wäre ja mal was ganz neues
Zitat von timewalkWikileaks hat mehr zum Weltfrieden beigetragen wie sonst kaum Jemand! Zudem hat Wikileaks den USA einen großen gefallen getan um deren Schuld quasi im Turbowaschgang, weiss zu waschen! Free Julian Assange + Free Braedley Manning!
Mal abgesehen davon, dass die ganzen Unterlagen doch nur dazu gedient die Neugier von diversen Verschwörungstheoretikern zu befriedigen... Was hat denn dieser ganze Quark zum Weltfrieden beigetragen? Nichts, aber auch gar nicht.
timewalk 16.06.2011
3. Secrets
Zitat von n.holgersonMal abgesehen davon, dass die ganzen Unterlagen doch nur dazu gedient die Neugier von diversen Verschwörungstheoretikern zu befriedigen... Was hat denn dieser ganze Quark zum Weltfrieden beigetragen? Nichts, aber auch gar nicht.
Wahrheiten, Tatsachen und Fakten haben ua. die Eigenschaft Gemüter zu kühlen, da Sie für Klarheit sorgen. Mitunter ein Grund wieso es Geheimdienste gibt.
bef, 16.06.2011
4. Den kann man verstehen...
Zitat von sysopJulian Assange sitzt seit einem halben Jahr wegen eines angeblichen Sex-Delikts in England fest. Der WikiLeaks-Gründer kam zwar gegen Zahlung einer Kaution frei und wehrt sich bislang erfolgreich gegen die Auslieferung nach Schweden. Doch in einem*Video beschwert er sich über seinen "Hausarrest". http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,768708,00.html
Tja, den kann man verstehen. Der war blöd genug, nach Schweden zu reisen und dort Affären mit zwei Frauen gehabt zu haben. Sobald die beiden Frauen von einander erfahren, erheben sie Vergewaltigungsvorwürfe. Da soll noch einer sagen, die meisten Vergewaltigungsvorwürfe seien keine Falschbeschuldigungen.
n.holgerson 16.06.2011
5.
Zitat von timewalkWahrheiten, Tatsachen und Fakten haben ua. die Eigenschaft Gemüter zu kühlen, da Sie für Klarheit sorgen. Mitunter ein Grund wieso es Geheimdienste gibt.
Und mal abgesehen davon, dass sie hier hole Phrasen verbreiten... was hat das mit dem Thema zu tun? Welche Gemüter wurden denn bitte "gekühlt"?
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