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11. Dezember 2009, 08:22 Uhr

Wikipedia-Debatte

Hilferuf aus dem Maschinenraum

Wikipedia wird zensiert von Besserwissern, die entscheiden wollen, was wichtig ist und was nicht - sagen die Kritiker der Online-Enzyklopädie. Das stimmt nicht, sagt Ur-Wikipedianer Kurt Jansson: Es mangelt nicht an Vielfalt. Sondern an Menschen, die bereit sind, die Dreckarbeit zu machen.

Wikipedia ist eine postmoderne Enzyklopädie. Eigentlich. Ihre Einträge folgen nicht einer bestimmten Ideologie, sondern sie nimmt für sich in Anspruch, alle Gegenstände von einem neutralen Standpunkt aus zu beschreiben.

Nicht der eine, einzig korrekte Zugang zum Thema soll gewählt werden, die Autoren dürfen auch die weniger ausgetretenen Seitenpfade beschreiben, sofern sie wissenschaftlich korrekt ihre Quellen zitieren und die unterschiedlichen Standpunkte jeweils einordnen: Im Artikel "Homöopathie" darf die Behandlungsmethode ausführlich beschrieben werden, solange der Leser erfährt, dass Wissenschaftler bisher keine Wirkung über Placeboeffekte hinaus nachweisen konnten. Und im Artikel "Elvis Presley" dürfen die Elvis-Sichtungen Erwähnung finden, solange klargestellt wird: Der King ist tot.

Wikipedia ist ein spätes Kind der Aufklärung, und eine Vielzahl von Autoren treibt weiterhin der Ansporn des Enzyklopädisten Denis Diderot, "nicht zu sterben, ohne (sich) um die Menschheit verdient gemacht zu haben". Der altehrwürdige Brockhaus war in den ersten Jahren die Messlatte, die es in Sachen Aktualität und Umfang zu übertreffen galt; auch in puncto Verlässlichkeit wollte man dem alles überstrahlenden Standardwerk das Wasser reichen. Doch nie hatte man wie der Brockhaus den Anspruch, einen Kanon wichtigen Wissens festzulegen. Nie wollte man dem Leser vorschreiben, was ihn zu interessieren habe und über welche Trivialitäten er sich doch bitte in anderen, weniger anspruchsvollen Werken informieren möge. Nie sollte es um Relevanz im eigentlichen Wortsinn gehen.

Warum künstlich einen Mangel herstellen?

Doch wozu dann die derzeit auch außerhalb der Wikipedia vieldiskutierten Relevanzkriterien? Weshalb nicht Alles für Alle sein? Die Wikipedia als Gelbe Seiten für den, der gerade einen Wasserrohrbruch hatte. Als Zitatenschatz für den Redenschreiber. Als Diskussionsforum für den Erbosten. Als Cocktail-Sammlung für den Barkeeper. Festplatten sind billig, weshalb sich also ohne Not beschränken, wo man doch - vom Größenwahn getrieben - "das Wissen der Menschheit allen Menschen zugänglich machen" will, wie Wikipedia-Gründer Jimbo Wales seit Jahren nicht müde wird zu wiederholen? Warum künstlich einen Mangel herstellen, wo keiner sein müsste?

Fragt der Beobachter, der Leser, der Konsument. Und auch so mancher Gelegenheitsautor, der an einem Sommernachmittag auf dem Balkon sitzend mit dem Laptop auf dem Schoß einen Wikipedia-Artikel über seine frisch gegründete Nachbarschaftsjazzcombo verfasst. Und anschließend den Artikel "Pfauenauge" mit ein paar blumigen Adjektiven verziert.

Im Inneren des Projekts, im Maschinenraum, in dem - von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen - schwitzend und keuchend der harte Kern der Community schuftet, stellt sich die Frage nach dem Mangel nicht. Es herrscht kein Mangel an Themen, über die sich schreiben ließe. Es herrscht nicht mal ein Mangel an Autoren, die man mit niedrigeren Ansprüchen sicher in noch größerer Zahl anlocken könnte. Aber es herrscht ein Mangel an Arbeitern, an Redakteuren. Wikipedia wird überflutet von Änderungen. Pro Minute sind es 26, am Tag 38.000; in allen Sprachausgaben waren es im Jahr 2009 weit über 100 Millionen Bearbeitungen, die an Wikipedia-Artikeln vorgenommen wurden. Oft sind es Verbesserungen, Korrekturen, Ergänzungen. Nicht selten jedoch ist es auch schnöde Werbung, Manipulation, üble Nachrede oder ganz schlicht: Unsinn. Horden von PR-Agenturen werden beauftragt, im Web 2.0 ordentlich Buzz für neue Produkte zu erzeugen. Und während eine Schriftstellerbiografie gerade von geschickt verschleierten Bösartigkeiten bereinigt wird, notiert an anderer Stelle schon wieder jemand seine an Schönheit unübertroffene - aber leider komplett falsche - Lösung des Vier-Farben-Problems.

Wer überprüft das aus einer Lokalzeitung übernommene Datum?

Ständig muss hinterhergeräumt, geputzt, gejätet werden, damit die erreichte Qualität gesichert werden kann. Und dies ist die eigentliche Crux: Die vielbeschworene Weisheit der Massen ist nicht über alle denkbaren Themengebiete gleich verteilt. In dieser Sekunde schreibt vielleicht jemand einen Artikel über ein winziges, abgelegenes Dorf - was im Rahmen der Relevanzrichtlinien auch derzeit schon möglich ist. Aber wer sorgt in fünf Jahren dafür, dass der Name des Bürgermeisters und die Einwohnerzahl auf dem aktuellen Stand sind? Und wenn es jemand tut, wer überprüft dann, ob die Daten aus der angegebenen Quelle, womöglich eine Lokalzeitung, korrekt übernommen wurden? Und wer kann einschätzen, ob die verwendete Quelle verlässlich ist? Ein Berg von halb richtigen - und damit eben falschen - Textmassen wächst aus solchen "ungepflegten" Artikeln heran.

Ich wette: Eine dreistellige Zahl von Artikeln behandelt Persönlichkeiten, die vor über einem Jahr verstorben sind - sich laut Wikipedia aber noch bester Gesundheit erfreuen. Viertligavereine, deren Kader in der Wikipedia hoffnungslos veraltet ist. Unentdeckten Nonsens über ehemalige Lokalpolitiker. Und unüberschaubar viele Halb- und Unwahrheiten verstreut über Themengebiete, um die sich schlicht niemand kümmern mag. Leider fallen darunter in der deutschsprachigen Wikipedia auch große Teile der Popkultur, die sich lexikalisch in einem überraschend traurigen Zustand befinden. Ja, es gibt einzelne hervorragende Artikel, sei es zu Blade Runner, Pink Floyd oder Super Mario. Aber es scheint so, als ob Fans nicht immer die sorgfältigsten Artikelpfleger sind. Veraltete Einträge zu Indie-Bands, unbelegte Biografien von Showbiz-Sternchen, Angaben zu Filmplots, die sich lesen wie von der DVD-Schachtel abgeschrieben - schon nach wenigen Klicks stößt man auf sie.

Abhandlungen über physikalische Phänomene neben Artikeln zu Pornofilmen

Ganz anders das Bild im englischsprachigen Schwesterprojekt: Auch hier ist nicht alles eitel Sonnenschein, doch viel öfter lassen die Artikel zu Fernsehserien ausreichende Distanz zum beschriebenen Gegenstand erkennen, und selbst Einträge zu einzelnen Musikstücken machen keinen halbfertigen Eindruck. Das liegt nicht etwa an weniger restriktiven Relevanzkriterien, sondern vor allem an der Tatsache, dass Populärkultur im anglo-amerikanischen Raum einen sehr viel höheren Stellenwert einnimmt und mit den Cultural Studies sogar ein eigener Forschungsansatz entstanden ist.

Es geht also nicht um high versus low oder E versus U. Auch die Debatte um Inklusionismus versus Exklusionismus - kurz gesagt: "möglichst viele" versus "möglichst perfekte" Artikel - geht am Kern der Sache vorbei. Die Frage lautet nicht: Welches Wissen ist wertvoll genug, um in die Wikipedia aufgenommen zu werden, denn die berechtigte Gegenfrage würde immer lauten: wertvoll für wen? Die entscheidende Frage ist vielmehr: Wer kümmert sich? Die Community muss das Wachstum des von ihr verwalteten Artikelbestands in einem Rahmen halten können, der gerade noch zu bewältigen ist. Und das Mittel hierzu sind die über viele Jahre in endlosen Diskussionen entstandenen Relevanzkriterien.

Leider ist Relevanz in diesem Zusammenhang ein ziemlich dummes Wort. Wie gesagt, Wikipedia ist eigentlich eine postmoderne Enzyklopädie ohne ideologische Mission. Akribische Abhandlungen über physikalische Phänomene stehen neben Artikeln zu Pornofilmen, mittelalterlichen Handschriften und seltsamen Rockbands. Will man hier Aufnahmekriterien im Sinne eines Bildungskanons festlegen, kommt man schnell in Teufels Küche. Nein, es sind nicht Relevanz-, sondern "Hierum können und wollen wir uns kümmern"-Kriterien, für die die Weisheit der Massen irgendwann einen griffigeren und präziseren Namen finden wird.

Wikipedia-Artikel werden im Rahmen einer Kooperation auch auf SPIEGEL ONLINE eingebunden. Der Autor ist Angestellter der SPIEGEL-Gruppe.

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