#YesAllWomen Twitter-Aufschrei nach Amoklauf in Santa Barbara

Der Amokläufer von Santa Barbara hat ein krudes Frauenhasser-Manifest hinterlassen. Jetzt wird auf Twitter diskutiert: Nicht jeder Mann sei gewalttätig gegen Frauen - doch jede Frau sei männlicher Gewalt ausgeliefert.

Gedenken in Santa Barbara: Sechs Tote, mehr als ein Dutzend Verletzte
DPA

Gedenken in Santa Barbara: Sechs Tote, mehr als ein Dutzend Verletzte


Am Freitagabend stieg ein 22-Jähriger Mann in Santa Barbara, Kalifornien, in sein BMW Coupé, um endlich für Gerechtigkeit zu sorgen. Der Mann, inzwischen von der Polizei identifiziert als Elliot Rodger, hatte diesen Abend seit langem geplant, er hatte sich drei halbautomatische Waffen gekauft, ein 140-seitiges Manifest geschrieben, sechs Menschen getötet und 13 weitere verletzt, bevor er sich selbst in den Kopf schoss.

In der Welt von Elliot Rodger, wie sie sich in seinem Manifest und in fast zwei Dutzend YouTube-Videos darstellt, herrscht Krieg. Ein Krieg, den Frauen seit Jahren gegen ihn geführt hatten. In dieser Nacht würde er bewaffnet zurückschlagen, diesen Frauen nun selbst den Krieg erklären und all den "herzlosen Schlampen", die ihn jahrelang nicht rangelassen hatten, ihre gerechte Strafe zukommen lassen: "Ich werde sie dafür leiden lassen, dass sie mich zurückgewiesen haben."

Aus dem Brief und den Videos Rodgers klingt die gleiche misogyne Sprache, wie sie viele Frauen aus dem Netz kennen, aus bestimmten Foren, von Facebook, Twitter oder aus dem Kommentarbereich ihrer eigenen Blogs. Es ist die Sprache einer Welt, in der Frauen intrigante, undankbare "Schlampen" sind, eine "Plage", die "Wurzel alles Bösen", "Tiere", die auch als solche behandelt werden sollten.

Frustrierte junge Männer

In dieser Logik sind Frauen keine vollwertigen Menschen. Frauen sind vor allem Schuldnerinnen. Sie schulden Männern Liebe, Aufmerksamkeit, Respekt, Bewunderung - und natürlich Sex. Diese Ideologie des Frauenhasses hatte Elliot Rodger offenbar über Jahre aufgesogen, in Foren wie puahate.com, in denen frustrierte junge Männer Frauen für ihr Unglück verantwortlich machen.

Als Frauen auf Twitter und in Blogs diese Morde als einen Fall von militanter Misogyne bezeichneten, folgten darauf reflexhaft die Einwände von Männern, die in solchen Fällen fast immer schnell folgen: Es ist wichtig, nicht zu verallgemeinern. Nicht alle Männer denken so! Der Mann war gestört! Außerdem seien schließlich vier seiner sechs Opfer Männer gewesen, da könne man schlecht einen Fall von militantem Frauenhass ausmachen.

In der Nacht zum Samstag, etwa 24 Stunden nach Rogers' Morden, erschien dann folgender Tweet: "Leute, ich werde jetzt unter #YesAllWomen twittern. Lasst uns darüber diskutieren, was vielleicht "nicht alle Männer" machen, aber was alle Frauen zu befürchten haben." Die Absenderin war eine Twitternutzerin namens @gildedspine, laut Selbstbeschreibung muslimische Autorin und Bloggerin, und was in den folgenden Stunden passierte, erinnert an die Tage, nachdem der Hashtag #Aufschrei durch das deutschsprachige Twitter fegte.

#YesAllWomen

Frauen begannen sofort, den Hashtag zu nutzen, um auf all die verschiedenen Formen hinzuweisen, in denen sich Frauenhass und Sexismus in unserer Gesellschaft äußert, in denen er sie als Frauen trifft und verletzt. Die Morde von Freitag waren nur noch der letzte Anlass, es ging um viel mehr. Die Twitter-Nutzerin Soraya Chemaly (@schemaly) schreibt, dass zwar nicht alle Männer gewalttätig gegenüber Frauen seien, aber trotzdem alle Frauen mit dieser Gefahr leben müssten.

Seit Samstagnacht ist der Hashtag #YesAllWomen fast eine Million Mal gesendet worden, derzeit wird er 24.000 Mal in der Stunde verwendet. Während dieser Artikel geschrieben wird, berichten Medien von England bis Australien über diese neue Welle feministischer Kritik. Es ist unklar, wo diese Debatte hinläuft, ob sie, wie der Aufschrei in Deutschland, zum Anlass wird, in nationalen Talkshows über Sexismus zu diskutieren - darüber, wie sich hier in der brachialsten Form ein frauenverachtendes Denken äußerte, mit dem Frauen in ihrem Alltag ständig zu tun haben, nur ohne damit ein schockiertes Weltpublikum zu erreichen.

In seinem Wahn schrieb der Amokläufer: "Ich bin mehr als ein Mensch. Ich bin ihnen allen überlegen, Ich bin Elliot Rodger, herrlich, großartig, unangefochten... göttlich!"

Es wäre eine tröstliche Wendung, wenn ausgerechnet ein gewalttätiger Frauenhasser wie Elliot Rodger zum Anlass für eine neue Welle des Feminismus würde.

Zur Autorin
Chris Köver ist Chefredakteurin des "Missy Magazine" und freie Journalistin. Sie lebt in Berlin und Hamburg, schreibt über das Netz, Kultur und Gesellschaftspolitik. Für Spiegel Online berichtet sie im Wechsel mit Sonja Eismann und Katrin Gottschalk als netzfeministische Korrespondentin.

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