Propaganda und Profit YouTube zeigt Werbung vor rechten Hetzvideos

Viele YouTube-Videos schüren Angst vor Flüchtlingen. Vor einigen dieser Hetz-Clips läuft Werbung. Die betroffenen Unternehmen sind empört, die Urheber der Videos können auf diese Weise sogar Geld verdienen.

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Wer diese Clips sieht, dem muss angst und bange werden. Entweder, weil er glaubt, was darin verbreitet wird - Deutschland wird "überrannt" von Flüchtlingen, attackiert mit der "Migrationswaffe", "destabilisiert" im Interesse der USA, "dazu verdammt, für diese Leute Unterhalt zu zahlen". Oder, weil er all das nicht glaubt, aber bei einem Blick auf Abrufzahlen und Kommentare feststellen muss, dass andere YouTube-Nutzer das womöglich anders sehen.

YouTube hat sich zu einer zentralen Propagandaplattform all jener entwickelt, die mit großem Eifer die aktuelle Lage zu einem Menetekel umdeuten, das ihre Verschwörungstheorien bestätigt. Die Clips tragen Titel wie "Asylbewerber stürmen Europa" oder "Deutschland braucht die Deutschen nicht mehr". Viele sind Hunderttausende Male abgerufen worden. In den Kommentaren finden sich die üblichen braunen Parolen im grammatikalisch-orthografischen Grenzbereich. Manchmal wird auch gefordert, Politiker "zu pfählen und an den Landesgrenzen aufzustellen".

"Diese Videos reihen sich ein in Hatespeech-Posts bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken", sagt Holger Girbig von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Dagegen vorzugehen sei aber schwer: "Eine genaue Prüfung und Ahndung von medienrechtlichen Verstößen ist nur sehr selten möglich", denn die Urheber blieben meist anonym. Ohne Unterstützung von Youtube und Facebook seien sie "kaum zu ermitteln".

Und vor manchen dieser Clips laufen Werbespots, wie unsere Fotostrecke zeigt.

"Wir sind davon ausgegangen, dass das nicht passieren kann"

Zu sehen ist zum Beispiel ein Spot der Aktion Mensch. Ein Sprecher der Organisation, die sich unter anderem für Inklusion und Behindertenrechte einsetzt, ist offenkundig entsetzt davon, in welchem Umfeld die Werbung seines Arbeitgebers da plötzlich auftaucht: "Wir sind Ihnen sehr dankbar dafür, dass Sie uns diese Information direkt weitergeleitet haben."

Man wusste nichts davon, "dass unsere Spots in diesem Umfeld ausgestrahlt werden" und bedauere das: "Wir sind bisher davon ausgegangen, dass das auf keinen Fall passieren kann", denn die mit der Werbeschaltung beauftragte Agentur schließe bestimmte Umfelder eigentlich aus, "selbstverständlich auch rechtsradikale". Bis die Sache mit YouTube geklärt sei, werde man "keine Spots mehr schalten".

Ähnlich reagieren auch weitere Unternehmen, die SPIEGEL ONLINE damit konfrontiert hat, dass ihre Werbespots auf YouTube vor Hetzvideos laufen.

Edeka-Werbung vor Hetzvideo: Die Unternehmen ärgern sich über die Platzierungen
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Edeka-Werbung vor Hetzvideo: Die Unternehmen ärgern sich über die Platzierungen

Es sind viele, und wir haben nur eine kleine Auswahl angeschrieben. Edeka zum Beispiel, die Lebensmittelkette, in deren Märkten man derzeit Spendenpakete für Flüchtlingsunterkünfte kaufen kann. Man habe die eigene Werbung entfernen lassen, teilt die Supermarkt-Kette mit. Es werde nun geprüft, ob "weitere konkrete Schlüsselbegriffe in unsere Ausschlusskriterien" aufgenommen werden müssen, "um solche Fälle für die Zukunft möglichst zu vermeiden".

Von Henkel, für deren Waschmittel vor einem der Clips geworben wurde, heißt es: Eine Schaltung in diesem Umfeld sei "keinesfalls akzeptabel". "Jede weitere Ausstrahlung" sei deshalb "sofort gestoppt" worden. Man kläre das jetzt mit Google.

Auch Check24 will "in diesem Umfeld nicht auftauchen" und fragt bei YouTube nach, wie das passieren konnte. Die Lufthansa distanziert sich "von den dort gezeigten Inhalten", die Drogeriemarktkette DM spricht derzeit mit YouTube darüber, "wie wir das künftig verhindern können".

Geld verdienen mit Hetze?

YouTube teilt auf Anfrage mit: "Für YouTube gelten strenge Werberichtlinien. Für den Fall, dass sich Inhalte als ungeeignet für unsere Werbepartner herausstellen, ergreifen wir Maßnahmen, dass keine Werbung in entsprechenden Videos, Kanälen oder Seiten erscheint." Die Werbepartner könnten zudem "selbst entscheiden, welche Inhalte-Kategorien oder Keywords sie von Werbeschaltungen ausschließen wollen."

Augenscheinlich aber funktioniert dieser Mechanismus nicht so recht. Was unter anderem damit zusammenhängt, dass die Schlüsselwörter, mit denen die Beiträge versehen werden, von denjenigen vergeben werden, die sie hochladen. Oder eben nicht, so wie bei einigen der hier angesprochenen Clips, die ganz ohne die sogenannten Keywords online stehen.

Die Media-Agenturen, die für Werbeschaltungen in der Regel zuständig sind, haben außerdem die Möglichkeit, bestimmte Suchbegriffe auszuschließen, so dass jemand, der etwa nach "Asylbetrug" sucht, keine Werbung der jeweiligen Firmen gezeigt bekommt. Auch einzelne Videos oder Kanalseiten lassen sich gezielt ausschließen.

Oft wird nur TV-Material zusammenkopiert

All das kann aber augenscheinlich nicht verhindern, dass Werbung auch von Firmen, die so etwas explizit und dringend vermeiden wollen, vor derartigen Videos landet. Sogar Google selbst ist betroffen - auch Reklame der hauseigenen Wohltätigkeitsorganisation Google.org findet sich vor entsprechenden Clips.

Aus den generierten Erlösen werden womöglich sogar Anteile an die Urheber ausgeschüttet. "Jeder, der die YouTube-Bedingungen akzeptiert, kann monetarisieren", erklärt der Webvideo-Experte Bertram Gugel. Geschätzt bringen tausend Abrufe bei YouTube etwa ein bis zwei Euro. Bei Hunderttausenden von Abrufen kommen also immerhin Hunderte von Euro für den oder die Urheber zusammen.

Urheber ist hier übrigens eher im weiteren Sinn zu verstehen: Die meisten der beschriebenen Videos bestehen zum Großteil aus zusammenkopiertem Material - aus Nachrichtensendungen, aus öffentlich-rechtlichen Dokumentationen oder Beiträgen privater TV-Sender, garniert mit dräuender Musik, düsteren Kommentaren und Texteinblendungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um Urheberrechtsverletzungen.

Das ist übrigens auch der Grund, warum zwei der hier als Screenshots gezeigten Clips jetzt nicht mehr bei YouTube zu finden sind. Ein Video wegen Urheberrechtsverstößen zu melden und sperren zu lassen ist wesentlich leichter, als das gleiche wegen fragwürdiger Inhalte zu erreichen. Die konkreten Videos, teilte die YouTube-Mutterfima Google auf Rückfrage mit, verstießen "nicht gegen die Hatespeech-Regularien" der Plattform.


Zusammengefasst: Bei YouTube laufen vor zusammengestückelten Clips, in denen gegen Flüchtlinge gehetzt wird, Werbespots. Die betroffenen Unternehmen bekommen das offenbar gar nicht mit. Wirklich werben will in diesem Umfeld offenbar niemand, doch die Automatismen YouTubes versagen augenscheinlich immer wieder.



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