Zensurgerüchte WikiLeaks angeblich zu populär für Twitter

Seit Tagen dreht sich im Web alles um WikiLeaks und Julian Assange - außer in der offiziellen Top-Themen-Liste von Twitter. Kritiker wittern Zensur, doch der Kurznachrichtendienst wiegelt ab: Die lange Popularität habe die Schlagworte aus der Zusammenstellung verschwinden lassen.

WikiLeaks auf Twitter: Nicht als Top-Thema gelistet
dpa

WikiLeaks auf Twitter: Nicht als Top-Thema gelistet


Wie kann das sein? Keine anderen Themen werden im Web derzeit heftiger diskutiert als WikiLeaks und Julian Assange. Natürlich sind beide schon lange populär im Netz - aber seit der Veröffentlichung der Botschaftsdepeschen und Assanges Verhaftung übertönen Meldungen, Meinungsäußerungen und Diskussionen dazu fast alles andere, was im Web passiert.

Außer bei Twitter.

Ausgerechnet bei dem Kurznachrichtendienst mit seinen geschätzt 190 Millionen Nutzern scheinen die beiden Begriffe nicht auf - zumindest nicht in den "Trending Topics" ("Top-Trendthemen"). Diese werden stattdessen von belanglos scheinenden Begriffen wie #whyrelationshipsdontlast und Yoko Ono dominiert. Von #wikileaks, #cablegate und #assange keine Spur.

Und das macht stutzig. Schließlich ist Twitter längst der wichtigste Kommunikationskanal der Enthüllungsplattform. Weit mehr als 400.000 Follower haben die Nachrichten der Organisation dort abonniert.

Firmen contra WikiLeaks
Visa
Der Kreditkartenkonzern Visa stellte inzwischen alle Zahlungen an WikiLeaks ein. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben zunächst prüfen, "ob die Tätigkeit von WikiLeaks den Geschäftsbedingungen von Visa zuwiderläuft". Visa habe die Entscheidung ohne "jeglichen Druck einer Regierung" getroffen.
Mastercard
Mastercard hat ebenfalls alle Kreditkartenzahlungen an WikiLeaks eingestellt. Das Unternehmen berief sich auf einen Passus seiner Geschäftsbedingungen, wonach alle Kunden gesperrt würden, die "illegale Handlungen direkt oder indirekt unterstützen oder erleichtern".
PostFinance
Die Schweizer PostFinance sperrte das Konto von WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Dieser habe "falsche Angaben zu seinem Wohnort gemacht", begründete der Finanzdienstleister den Schritt. Assange hatte als Wohnort Genf angegeben. Das Konto nutzte er, um Spenden von Unterstützern zu sammeln.
PayPal
Auch das Internet-Bezahlsystem PayPal, ein wichtiges Spendeninstrument, sperrte das Konto von WikiLeaks. Die Ebay-Tochter PayPal warf WikiLeaks eine Verletzung der Nutzungsbedingungen vor, welche "die Anregung, Förderung oder Erleichterung illegaler Vorgänge" verbieten.
Amazon
Der US-Internetriese Amazon verbannte WikiLeaks von seinen Servern. Amazon warf WikiLeaks eine Verletzung der Bestimmung vor, wonach alle Kunden-Web-Seiten im Besitz der Nutzungsrechte jener Inhalte sein müssen, die auf der Seite veröffentlicht werden. Das sei bei den US-Geheimunterlagen nicht der Fall.
everydns.net
Auch der US-Internet-Adressanbieter everydns.net stellte seine Dienste für WikiLeaks ein. Damit waren die Inhalte nicht mehr unter WikiLeaks.org abrufbar. Der Dienstleister begründete dies mit massiven Hackerangriffen, welche andere Kunden von everydns.net beeinträchtigten.
Tableau Software
Das US-Unternehmen Tableau Software, ein Experte für Datenvisualisierung, kündigte ebenfalls die Zusammenarbeit mit WikiLeaks auf. Mit den Diensten der Firma hatte WikiLeaks die Fülle seiner Dokumente grafisch aufbereitet. Tableau Software machte eine Verletzung der Geschäftsbedingungen geltend.
Dass nun ausgerechnet WikiLeaks nicht in den Trendthemen auftaucht, beschäftigt seit Tagen Blogger und Presse. Der Verdacht liegt nahe, Twitter zensiere die Liste der Top-Themen und versuche das Thema WikiLeaks zu verbergen. Schließlich haben längst auch andere Unternehmen die Enthüllungsplattform verbannt (siehe Kasten) - Amazon hat die Organisation von seinen Servern geworfen, Paypal, Visa und Mastercard den Zahlungsverkehr eingestellt. Warum also sollte nicht auch Twitter sich dem Druck einiger Politiker beugen, die drastische Strafen für WikiLeaks und ihre Unterstützer fordern?

Die Erklärung lieferte am Mittwoch - viel zu spät - Twitter-Pressesprecher Matt Graves per E-Mail. "Die Trends-Liste ist so gestaltet, das sie Usern hilft, 'die neuesten' der neuen Nachrichten weltweit in Echtzeit zu entdecken", schrieb er. Deshalb filtere der Algorithmus, der die Liste zusammenstellt, "gerade jene Themen heraus, über die genau jetzt mehr gesprochen wird als zuvor".

Einfacher ausgedrückt: Das Stichwort #wikileaks sei schon zu lange zu populär, um noch in Twitters Top-Liste aufzutauchen. Die Uhr tickt angeblich einfach zu schnell für Themen, mit denen sich die Netzgemeinschaft so lange beschäftigt.

Ein Indiz dafür, dass diese Erklärung stimmt, ist dem "Atlantic" aufgefallen. Kurz nach Assanges Verhaftung in England tauchte der Begriff "assange arrested" in den Top-Themen auf. Hätte Twitter tatsächlich Zensurpläne, hätte das nicht passieren dürfen.

mak



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