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Zensus 2011: So wird Deutschland durchgezählt

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Wie viele Bürger hat Deutschland? Wo leben sie? Und wie? Der Staat will es genau wissen: Erstmals seit 1987 werden im großen Stil Informationen über die Lebensumstände der Bundesbürger abgefragt. Die wichtigsten Fakten zum Zensus 2011.

Zensus 2011: So läuft die Volksbefragung ab Fotos
DPA

Eines ist den Organisatoren wichtig. Der Zensus 2011 sei keine "Volksbefragung", betonen sie. Anders als zuletzt 1987 wird diesmal nur rund ein Drittel aller Bürger überhaupt mitbekommen, dass da etwas passiert. Das spare Steuergelder, senke die Kosten auf voraussichtlich 710 Millionen Euro, soll aber wohl auch Konflikte vermeiden. Denn das Konzept der umfassenden Volksbefragung, bei der ein Staat ausnahmslos alle Bürger mit deren Daten und Auskünften erfasst, gilt seit der Widerstandswelle gegen den "Schnüffelstaat" in den achtziger Jahren als verbrannt.

Die harte Linie der Regierung Kohl mit Geldstrafen und zahlreichen Verfahren gegen Auskunftsverweigerer sowie die Zwangsverpflichtung von Bürgern als Zähler führte damals zur Radikalisierung des Widerstandes. Das Wort Volkszählung wurde zum Synonym für den neugierigen Staat, der die Einwohner auch gegen deren Wille ausforscht. PR-technisch war das ein Desaster, zumal sich am Ende herausstellte, dass dann doch nicht alles so schlimm kam wie befürchtet.

Dennoch schreckte bisher jede Regierung vor einer neuen umfassenden Befragung zurück - auch wenn die Statistiker wiederholt nach frischen Zensusdaten verlangten. Stattdessen begnügten sich die Analysten mit den sogenannten Mikrozensus-Erhebungen, in deren Verlauf jedes Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung befragt wird.

Auch der Mikrozensus gilt als repräsentativ. Trotzdem sollen die Staatsstatistiker nun wieder mit frischen Zahlen auf breiterer Basis versorgt werden. Initiiert wurde das von der EU, die seit den Jahren 2000 und 2001 von allen Mitgliedstaaten alle zehn Jahre neues Datenmaterial einfordert. Im ersten Durchgang hatten sich Deutschland und Schweden noch verweigert. Inzwischen aber gibt es das auf der EG-Verordnung 763/2008 beruhende deutsche Zensusgesetz, das die Teilnahme an der EU-weiten Zensusrunde regelt. Der Zensus 2011 entspricht also weitgehend den Befragungen, die es aktuell in den anderen EU-Staaten gibt oder die dort schon durchgeführt wurden.

Verstärkte Neugier in Glaubens- und Herkunftsfragen

Die deutschen Statistiker folgen den EU-Vorgaben, in einigen Bereichen entwickeln sie jedoch eine besondere Neugier, die darüber hinausgeht: Glaube und Herkunft, und das bis in die zweite Generation hinein, zum Beispiel. Ein besonderes Interesse gilt auch der Erfassung von Menschen, die in sogenannten Sonderbereichen leben - Wohnheimen etwa, von der Therapieeinrichtung über das Studentenwohnheim bis hin zur Gemeinschaftsunterkunft für saisonale Arbeitnehmer. Dass auch das wieder Kritiker auf den Plan ruft, ist kaum verwunderlich.

Ansonsten hält sich Deutschland beim Zensus 2011 an die Vorgaben aus Brüssel. Schon die beinhalten allerdings einen Freibrief für die Abfrage zahlreicher sensibler Daten. Der Abgleich von Informationen aus Melde- und Erwerbsregistern mit den Daten aus Grundbuchämtern, Befragungen von Hausverwaltungen und Eigentümern, Stichprobenbefragungen von Haushalten und der Befragung von Leitern von Wohneinrichtungen über deren Klienten verspricht aussagekräftige Daten über die Wohn-, Lebens- und Arbeitssituation der Bürger. Nebenbei dürften dabei aber auch Sünden wie Wohn-Zweckgemeinschaften von Leistungsbeziehern, illegal beschäftigte Haushaltshilfen, ungemeldete Pendler und vieles mehr ans Tageslicht kommen - Stoff für hitzige Debatten.

Methodisch wurde in Deutschland allerdings ein ganz eigener Ansatz gewählt. Der wird dafür sorgen, dass die meisten Bürger den Zensus diesmal selbst gar nicht wahrnehmen werden. Das System bezieht das Gros seiner Daten aus staatlichen Datenbanken, die normalerweise nicht miteinander verbunden sind - und über die längst nicht alle EU-Staaten verfügen. Großbritannien etwa kennt bis heute keine Einwohnermelderegister. Alles, versichern die Organisatoren, geschehe aber in anonymisierter Form und unter Einhaltung deutscher Datenschutzstandards.

An diesem Punkt aber beginnt der Zensus erst wirklich. Begründet wird er ja damit, dass dem Staat Daten fehlten und somit die Grundlagen für das staatliche Handeln. Man weiß eben erst, was man an Infrastrukturen braucht, wenn man wirklich weiß, wie viele Menschen unter welchen Umständen und Bedingungen an einem Ort leben; wie alt, gesund, wohlhabend oder notleidend sie sind.

Wer muss Rede und Antwort stehen? Was wird abgefragt? Und was bringt das dem Staat? Die wichtigsten Fragen zum Zensus 2011:

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