Zwei-Klassen-Internet: Warum YouTube manchmal ruckelt

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YouTube-Videos tröpfeln nur durch die Leitung? Die Telekom hat schnelle Abhilfe versprochen, die Kapazitäten für die Übertragung sollen verdreifacht werden. Künftig könnte garantierte Daten-Geschwindigkeit extra kosten - zunächst allerdings nur die Anbieter.

Glasfaserkabel: Best-Effort oder Quality of Service? Zur Großansicht
dapd

Glasfaserkabel: Best-Effort oder Quality of Service?

Hamburg - "YouTube ist bei der Telekom langsam", bloggte Carsten Knobloch Mitte Mai, "Leute, was bin ich genervt." Damit ist er nicht alleine, mehr als 200 Kommentare haben Leser unter dem Eintrag hinterlassen. Vielen Telekom-Kunden geht es offenbar bis heute ähnlich: Videos laden zum Teil nur langsam von Googles Videoplattform YouTube, bei anderen Websites tritt das Problem nicht auf.

Der YouTube-Traffic explodiert. "Ja, es läuft langsamer", bestätigte Telekom-Sprecher Mark Nierwetberg daraufhin - und kündigte an, der Konzern werde die Kapazitäten verdreifachen. Gleichzeitig gab er zu Bedenken, dass der Ausbau der Infrastruktur Geld koste. Die Refinanzierung, schreibt Nierwetberg, könne auch auf die Anbieter der Inhalte verlagert werden. Der Vorschlag des größten deutschen Providers: Wer störungsfrei zu jeder Tageszeit mit einer bestimmten Geschwindigkeit Datenpakete zu seinen Nutzern schicken will, soll dafür extra bezahlen.

Bisher gilt im Internet die Regel, dass alle Datenpakete so schnell wie möglich ans Ziel gebracht werden, egal ob E-Mail, YouTube-Video oder Nachrichtenseite. Dieses Prinzip heißt Best-Effort, größte Mühe. Mit wenigen Ausnahmen, die der Stabilisierung des Netzwerks dienen und dann unter das Schlagwort Netzwerkmanagement fallen, verhält sich der Provider neutral - daher der Begriff Netzneutralität.

"Quality of Service"

Provider wie die Deutsche Telekom wollen aber künftig Qualitätsstufen für den Daten-Transit anbieten, die unter anderem garantierte Übertragungsraten umfassen. Quality of Service heißt dieser Ansatz, der Provider guckt in die Datenpakete und entscheidet dann, mit welcher Priorität er das Paket durch seine Leitungen schickt. Die Telekom plant, die Pakete entsprechend ihrer Priorität mit einem Label zu markieren, ein Hineinschauen soll dann nicht nötig sein.

"Klar ist, dass jeder diese Angebote buchen können soll und niemand bevorteilt wird, auch unsere eigenen Dienste nicht", sagt Telekom-Sprecher Philipp Blank. "Wir denken da gerade auch an kleine, spezialisierte Anbieter, zum Beispiel für Telemedizin oder Video-Conferencing." Damit würde die Trennung von Netzen und Diensten aufgehoben.

Schon jetzt bezahlen Content-Anbieter die Provider für eine möglichst direkte und schnelle Anbindung. Wenn ein Anbieter einen Zugang zum Backbone des Providers bucht, spricht man von einer Netz-Zusammenschaltung. Auch die kostet Geld - aber im Vergleich zu den Summen, die mit Qualitätsstufen erzielt werden sollen, doch eher wenig. Die Details solcher Deals sind meist vertraulich, Telekom und Google wollten sich zu einem entsprechenden Abkommen nicht äußern.

Hinten anstellen

Immerhin soviel: "Ein Geschäftsmodell für die Netz-Zusammenschaltung gibt es bereits. Uns geht es aber darum, neue Geschäftsmodelle zu etablieren und dazu gehören auch unterschiedliche Qualitätsstufen", sagt Telekom-Sprecher Blank. Nicht nur die Internet-Nutzer sollen für den Netzzugriff bezahlen, sondern verstärkt auch die Inhalte-Anbieter: ein zweiseitiger Markt.

Wenig begeistert von den zwei (oder mehr) Geschwindigkeitsklassen ist die "Digitale Gesellschaft", eine Organisation, die sich selbst als Lobby der Internet-Nutzer versteht. "Finanzstarke Unternehmen können sich die Kosten für den Transit eher leisten als kleine Start-ups. Das widerspricht der Idee des Internets und behindert den Wettbewerb", sagt ein Sprecher. Die Befürchtung: Die großen Internet-Konzerne können sich einen Premium-Zugang leisten, digitale Inhalte wie Kinofilme, Serien und Musik in bester Qualität zu den Kunden bringen. Kleine Anbieter mit weniger Finanzkraft müssten ihre Datenpakete auf gut Glück abschicken und sich hinten anstellen.

Auch der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco, dem die Telekom nicht angehört, warnt vor einer solchen Wettbewerbsverzerrung. Allerdings könnten Endkunden Interesse an unterbrechungsfreiem Live-Fernsehen über das Internet haben, heißt es in einer Stellungnahme zum Thema Netzneutralität.

Flatrates sind schuld

Ein Gedankenspiel: Künftig könnten Provider nicht nur versuchen, sich von Inhalte-Anbietern zusätzliches Geld zu holen. Sie könnten auch ihren Kunden anbieten, für fünf Euro im Monat eine besonders schnelle YouTube-Anbindung zu bekommen.

Die "Digitale Gesellschaft" fordert hingegen die strikte Trennung von Netz und Diensten. Wenn die Provider mehr Geld brauchen, um es in die Infrastruktur stecken zu können, sollen sie es sich von den Kunden holen. "Niemand zwingt die Provider dazu, Daten-Flatrates anzubieten", sagt der Sprecher der "Digitalen Gesellschaft". Als die Provider anfingen, ihren Kunden unbegrenzte Datentarife zu verkaufen, beruhte dies stets auf der Annahme, dass niemals alle Kunden gleichzeitig die volle Bandbreite ausnutzen würden.

Diese Rechnung geht nur noch bedingt auf: Mehr und mehr Kunden nutzen Traffic-lastige Anwendungen, gucken den "Tatort" in der ARD-Mediathek, saugen Dateien über Filesharing-Dienste, sind 24 Stunden online. Doch von den Flatrates kommen die Provider wohl kaum wieder weg, zumindest bei DSL-Anschlüssen. Mobile Datenflatrates kommen hingegen meist mit einer Volumenbeschränkung: Nach ein paar Gigabyte wird abgebremst.

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insgesamt 101 Beiträge
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1. Ho
jupol 26.05.2011
Ich habe eine 16.000er Leitung - gemessen 14.500 und bei mir ruckelt Youtube totzdem ziemlich oft. Die sollten sich lieber einen zweiten Server anschaffen ;-)
2. ist doch egal
Forenleser 26.05.2011
um zusehen, das man nichts sehen darf "dieses video ist in eurem land nicht verfügbar" brauch man nichts verbesseren.
3. Die Rendite ruckelt
Hercules Rockefeller, 26.05.2011
Ruckeln tuts nur, weil man jedes Jahr steigende Renditen erwartet und deshalb immer weniger zum investieren hat. Und Youtube wird niemand bezahlen, dass ist nunmal so. Youtube guckt man gerne nebenbei, aber die haben auch 2011 noch nichts, wofür man Geld bezahlen würde. Das das immer ignoriert wird... Und "Traffic" kostet keinen müden Cent, was Geld kostet, ist der Netzausbau. Deshalb greift bei Mobilanschlüßen die Volumenbremse. Aber auch hier haben die Mobilfunker einen Bock geschossen. Deren Volumenrates reichen zumindest locker für unbegrenzte Textnachrichten per Messenger oder Email, was ihnen ihr Kerngeschäft versauen wird. Selbst wenn sie VoiP dauerhaft blocken, SMS ist zeitnah tot, denn in drei Jahren kauft sich in Deutschland niemand mehr was anderes als ein Smartphone. Die Mobilfunkbetreiber müssen also auch irgendwann zur bezahlbaren Fullflat, denn sobald einer ausschert und eine solche anbietet, sind die Kunden ratzfatz weg. Anders lassen sich keine Kunden mehr locken, die Volumenflat fürn 10er gibts schließlich überall, in jedem Discounter...
4. 2 Klassen? Schön wärs...
Meckermann 26.05.2011
Ich wäre ja froh, wenn YouTube "manchmal ruckelt". Das würde ja bedeuten, ich könnte die Videos in Echtzeit sehen und müsste nicht 5 Minuten laden lassen, bevor ich auf Play drücke. Tja, was lebe ich auch auf dem Land...
5. Geht ja eh nur mit Proxy
MausB 26.05.2011
Zitat von Forenleserum zusehen, das man nichts sehen darf "dieses video ist in eurem land nicht verfügbar" brauch man nichts verbesseren.
Ha ha, genau! Ich glaube, dass Deutschland das Land mit den meisten "in deinem Land nicht verfügbar"-Meldungen ist! Viele Videos kann man mittlerweile nur noch mit einem Proxy sehen!
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