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08.12.2006
 

Nintendo Wii im Test

Digitale Utopie macht Muskelkater

Von Christian Stöcker

In ganz Europa stehen heute Menschen Schlange für Nintendos Wii-Konsole. Sie verspricht eine digitale Familienzukunft, ein menschlicheres Spielerlebnis -und lockt mit echten Game-Kunstwerken. Mancher erzählt auch von Gefahr durch fliegende Controller. SPIEGEL ONLINE hat das weiße Spielmaschinchen auf Herz und Nieren getestet.

Am ersten Morgen danach hatte ich tatsächlich Muskelkater. In der rechten Schulter, vom Aufschlagen, Slicen, von der immer noch nicht perfektionierten Rückhand. Und: Die eigentlich geradezu Videospiel-feindliche Dame meines Herzens hatte mich beim Konsolentennis verdammt alt aussehen lassen, voller Begeisterung versteht sich. Glatter Sieg in fünf Sätzen.

Nintendos neuestes Werk, der Quertreiber im Konsolenkrieg, kann Dinge, die die anderen nicht können, so viel ist klar. Und das, obwohl sie nicht halb so viel unter der Haube hat wie Microsofts Xbox 360 und Sonys in Deutschland immer noch nicht erhältliche Playstation 3.

Zum Test: die wichtigsten Spiele für Wii

Nintendo verkauft mit dem leuchtend weißen Gerät, das in etwa die Ausmaße eines fest gebundenen Romans hat, nicht nur ein Spielgerät - sondern eine Utopie. Deutlich wird das, wenn man in der Bedienungsanleitung blättert: Da wird etwa die "Wii-Pinnwand" erklärt, eine Art konsoleninterne Magnettafel, an der die Mitglieder der Wii-Familie Nachrichten und Bilder für die anderen Nutzer virtuell aufhängen sollen. Auf dem Bild im Anleitungsbuch hängt dort ein kleiner gelber Umschlag mit der Aufschrift "Oma" und dem Foto einer schlafenden Katze.

Alle fangen von Null an, Pech gehabt

Eine sanfte Technozukunft hat man sich da in Japan ausgedacht: Eine Welt, in der das Enkelchen der Oma ein hübsches Foto von Kater Maunz an die Konsolenpinnwand hängt, und dann später vielleicht mit ihr eine Runde Konsolengolf spielt. Eine glückliche Welt, in der der Fernseher zwar immer noch der Mittelpunkt der Familie ist, aber nicht mehr als Anästhetikum, sondern als Bewegungstherapeut, Kommunikationszentrale und Generationenbrücke.

Bislang ist es eher umgekehrt: Konsolen und Computer bauen eine digitale Mauer zwischen den Feinmotorik-Analphabeten über 40 und den digitalen Einheimischen unter 20. Der Wii-Controller, der keinen Joystick besitzt, aber dafür Bewegungs- und Lagesensoren, reißt diese Mauer nieder: Weil er die übertrainierten Präzisionsdaumen, die der junge Mann von heute in vielen Stunden mit einem Daddelknochen in der Hand geschult hat, kaltstellt. Weil das Schwingen, Kippen und Wedeln das Spielen leicht macht für die, die es noch nie getan haben - und schwer für die, die es eigentlich schon können. Alle fangen von Null an, Pech gehabt.

Das beiligende Sportspielpaket zeigt diese Demokratisierung der Daddel-Mittel besonders gut: Tennis wird gespielt, in dem der Fenbedienungscontroller geschwungen wird wie ein Tennisschläger, das gleiche gilt für Golf und Baseball. Der Ball-Aufprall ist zu spüren und zu hören - im Controller steckt eine Vibrations-Funktion und ein Lautsprecher. Das versteht jeder, sofort, die Eingewöhnungszeit beträgt nur Minuten. Natürlich werden die digitalen Einheimischen sich schnell wieder einen Vorsprung erarbeiten, weil sie einfach mehr trainieren. Aber für einen kurzen, eben utopischen Moment sind vor der Konsole wieder alle gleich.

Ganz ungefährlich ist das Ganze angeblich übrigens nicht: In den USA, in denen Schadenersatzklagen bekanntlich hohe Summen einbringen können, gibt es mehrere Beschwerden über fliegende Controller - obwohl Nintendo vor jedem Spielstart dazu mahnt, den beiliegenden Halteriemen fest anzuschnallen. Teils sehr getürkt aussehende Bilder von zerstörten Fernsehern und verbeulten Videorekordern geistern durchs Netz - Nintendo kündigte eine Untersuchung an.

Besser als die Holzlabyrinthe mit den Rädchen an den Seiten

Sicherer ist da vielleicht "Super Monkey Ball" von Sega. In der Klassiker-Serie musste in bisherigen Inkarnationen eine Riesenfläche per Joystick hin- und hergekippt werden, um einen kleinen Affen in einer Glaskugel über einen Parcours zu bugsieren. Nun wird der Wii-Controller selbst zur physischen Metapher für diese Fläche. Das Kippen und Bugsieren funktioniert noch besser als bei diesen Holzlabyrinthen mit zwei Rädchen rechts und links, die früher in allen Kinderzimmern standen.

Das unbedingte Kauf-Argument für Wii aber heißt, wie man das von Nintendo gewohnt ist, "Zelda". Spiele-Gott Shigeru Miyamoto hat wieder zugeschlagen und, wie sich das für einen Nintendo-Konsolenstart gehört, einen Meilenstein erschaffen, ein völlig einzigartiges Groß-Werk. Es hat die gleiche kindliche bis debile Musik, die gleichen Stummfilm-Dialoge und irgendwie Achtzigerjahre-haft klingenden "Ziel-erreicht"-Geräusche - und ist in der Summe doch ein Kunstwerk.

Wie verrückt mit der Hand fuchteln, wenn Gefahr droht

Zusätzlich setzt es, obwohl es ein Spiel für den Hardcore-Fan ist, den Wii-Controller auf ganz wunderbare Weise ein: Die Spielfigur wird ganz traditionell mit einem Joystick gesteuert, der in die "Nunchuck"-Erweiterung des Controllers eingebaut ist. Das Schwert, die Steinschleuder und der Bogen aber nutzen die Zeige- und Bewegungsmöglichkeiten der "Wiimote". Schöner als der Spielekritiker der "New York Times" kann man es kaum formulieren: "Es fühlt sich vollkommen natürlich an, jedesmal wie verrückt mit der Hand zu fuchteln, sobald sich Gefahr nähert."

Bei solch unscharfen Bewegungen funktioníert das System - Präzisionssportlern aber wird der Controller früher oder später nicht mehr reichen. Ein paar Autorennspiele zum Beispiel, für die man die weiße Fernbedienung in ein mitgeliefertes Plastiklenkrad einklemmt, funktionieren richtig schlecht. Da fühlt sich das Fahren an, als versuche man, einen Monstertruck mit Gewichtsverlagerung zu steuern. Lustig für ein paar Minuten, aber dann doch frustrierend und letztlich lästig. Auch das Zielen im Shooter "Red Steel" funktioniert nur mittelprächtig, weil die Zeige-Funktion etwas träge ist - außerdem tut einem irgendwann die Schulter weh, wenn man ständig den Bildschirm anvisieren muss.

Die Zusatzfeatures der Nintendo-Konsole sind im Moment teils überflüssig, teils nur für Spezialisten interessant. Fotos von einer SD-Karte in eine Spielkonsole zu stopfen und dann auf dem Fernseher anzusehen zum Beispiel ist im Zeitalter allgegenwärtiger PCs nicht mehr als hübsches Beiwerk. Die online-Anbindung, über die man auch Nintendo-Klassiker älteren Datums für die neue Konsole herunterladen kann, ist ein Bonbon für Retro-Freaks, die erwähnte Pinnwand eben doch eher utopisches Versprechen als wirklich nützliche Funktion.

Richtig ärgerlich ist, dass der Konsole nur ein Controller beiliegt - und wer sich "Wii Play" dazukauft, eine Art Gebrauchsanleitung zum Spielen, bekommt zwar einen zweiten dazu, aber nicht inklusive Nunchuck-Erweiterung. So wird das Gesamtpaket mit ein paar Spielen dann doch wieder deutlich teurer - wenn trotzdem noch günstiger als die Angebote der Konkurrenz.

Fazit - so sieht die Konsolenzukunft aus:

Wer wirklich Autorennen fahren, in Hochglanz-Umgebungen taktische Gefechte führen, wer mit den großen Jungs spielen will, der wird eine teure High-Definition-Konsole brauchen von Microsoft oder Sony. Eine, die für Präzisionsdaumen angemessene Herausforderungen und Belohnungen bereithält - und die grafische Pracht, die ein digitaler Einheimischer fordert.

Auch online wird wohl eher in den Netzen von Sony und Microsoft um virtuelle Medaillen gerungen werden - wer in "Need for Speed: Carbon" im globalen Netz über nächtliche Straßen rasen will, findet jenseits der Nintendo-Welt mehr Gleichgesinnte, mehr Präzision, schärfere Konturen.

Wer aber einfach Spaß am Spielen haben will mit der ganzen Familie, wer ein Loch in die digitale Mauer hauen will, ist mit der viel billigeren, ohne HD-Fernseher zu genießenden, flüsterleisen Wii viel besser bedient. Und wer ein echter Fan ist, wird auf Dauer zweigleisig fahren müssen - und sei es nur wegen "Zelda - the Twilight Princess".

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Die neuesten Beiträge:
14.06.2007 von freqnasty:

wieso umstellen, dazu besteht doch gar keine notwendigkeit?! jeder hd-player spielt auch immer noch dvds ab. die ps3 hat soage eine upscaling-funktion, die sich vor der sehr teurer stand-alone-dvd-geräte nicht verstecken muß. [...] mehr...

14.06.2007 von M@ESW:

Würde mich nicht überraschen. Wer erst seine Sammlung von VHS auf DVD umgestellt (oder auch erst seit der DVD mit der Sammlung begonnen hat), der stellt seine X Hundert DVDs sicher nicht mal eben auf Blue Ray oder HD DVD um. [...] mehr...

14.06.2007 von chk23:

Nun ja, der HD-Markt wächst im Gesamten nun mal eher langsam - solange z.B. hierzulande die Angebote an freien HD-Fernsehsendungen noch so dürftig ist, wird der Verkauf an HD-Fernsehern nicht wirklich anziehen, was auch die [...] mehr...

14.06.2007 von williamgibson:

Ich bin nicht mehr auf dem neuesten Stand, was Zahlen angeht, aber HD DVD schien mir präsenter, was ich auch mit mehr verkauftem Exemplaren verband. Laut diesem Artikel scheinen es als ob beide Formate verlieren könnten mit der [...] mehr...

14.06.2007 von chk23:

Wie kommen Sie auf die Idee, daß HD-DVD das Rennen zu gewinnen scheint? Derzeit sieht es doch eher exakt gegenteilig aus. Das Angebot auf Blu-Ray ist wesentlich umfangreicher, da es mehr große Filmstudios gibt, die Blu-Ray [...] mehr...

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