Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.
"Second Life" ist ein bisschen wie Hamburg: Es ist ein Sündenpfuhl - aber das macht es für die seriöseren Kreise nicht anrüchig, sondern attraktiv. Während das in München undenkbar wäre, reißt man sich in Hamburg um Büroräume, die möglichst nah am Kiez liegen. Die Mitarbeiter eines großen Internet-Unternehmens waren sogar richtig sauer, als sie ihre Räumlichkeiten in Sichtweite der Reeperbahn verlassen mussten, um in ein neueres Gebäude an anderer, respektablerer Stelle umzuziehen.
So ist es in SL auch: Es gibt Sex an jeder Ecke, Pornokinos und Escort Services - und alle wollen dabei sein. Eben hat auch noch Mercedes eine Dependance hier eröffnet, Mazda präsentiert ein neues Modell in SL. Das ist ein bisschen, als ob die Autobauer ihre Produkte in Sichtweite des Straßenstrichs vorführen würden - aber das stört hier eben keinen.
Es gibt aber neben dem sauberen und dem schmutzigen Kommerz auch noch ganz andere Ecken. Es gibt Künstler, die die Möglichkeiten von Editoren und Skriptsprache nutzen, um gigantische, bewegliche Skulpturen zu schaffen, oder eine riesige Nachbildung von Michelangelos "David" - mit einer knallroten E-Gitarre auf dem Rücken. Es gibt esoterisch bewegte Menschen, die Kontemplationsgärten eingerichtet haben, mit psychedelisch flirrender Dekoration, schimmernden Kristallen und Animationsbällchen, die den eigenen Avatar graziöse Meditationsbewegungen ausführen lassen. Und es gibt wahrhaft gute Menschen.
Helfer im Notfreien Raum
Einer davon ist Xin Revolution. Xin ist der Avatar eines professionellen Guten, eines Angestellten der Hilfsorganisation CARE. Der Besitzer dieses - für meine inzwischen geschulten Augen nicht ganz so ausgefeilten - Avatars kann programmieren, und deshalb wurde er wohl für die Mission im zweiten Leben ausgewählt: Xin baut ein CARE-Informationszentrum in Second Life auf und organisiert Ausstellungen, die deutlich machen sollen, womit sein Arbeitgeber der Menschheit helfen will. Zum Beispiel mit dem Bau von Flüchtlingslagern und Kampagnen für die Vergessenen dieser Welt.
Die SL-Zentrale von CARE ist im Augenblick noch eine ziemlich rudimentäre Angelegenheit: Ein paar Baracken, die ein Flüchtlingslager darstellen sollen, ein paar Plakatwände mit Bildern ausgehungerter Menschen in Afrika - und ein Aufzug ins Nichts, an dessen oberen Ende, irgendwo in den Wolken Xins Werkstatt liegt.
"Weniger los" sei hier oben, sagt er, und dass es nicht so viele Netz-Verzögerungen gibt, weil kaum jemand vorbeikommt. An belebten Orten bremst SL manchmal ab auf das Tempo eines verklebten Daumenkinos - da ist konzentriertes Arbeiten schwer. Deshalb baut Xin in luftiger Höhe die Dinge, die dann unten auf der Insel Menschen aufrütteln, zum Nachdenken oder gar Spenden anregen sollen.
Die virtuelle CARE-Niederlassung steht auf einer Insel namens "Better World Island", deren Besitzerin eine Art Mäzen der guten Werke zu sein scheint. Er müsse momentan nicht einmal Miete bezahlen, erzählt Xin, und das sei in SL schon sehr ungewöhnlich. Schließlich entstehen jedem Landbesitzer monatliche Kosten - wer mehr als 512 virtuelle Quadratmeter sein eigen nennt, muss gewissermaßen Grundsteuer bezahlen, Monat für Monat. Die Besitzerin des "Better World Island" hält also die Raum-Kosten für ihre wohltätigen Gäste vor.
Information im Entertainment-Raum
Neben den Anfängen des CARE-Büros (das noch nicht allzu viele Besucher zu Gesicht bekommen haben, eine virtuelle Unterschriftenliste für eine aktivere Darfur-Politik der USA zählte bei Spontos letztem Besuch gerade mal 28 Avatar-Signaturen) finden sich auf der Insel verschiedene andere Einrichtungen. Beeindruckend ist "Camp Darfur", eine Ausstellung, die auf den schleichenden Völkermord im Sudan hinweisen soll. Texttafeln sollen den Besucher in die Lage der Opfer versetzen ("Du hast seit Tagen nichts getrunken"), es gibt informative Textdateien zum mitnehmen. Bilder hungriger Kinder, verlassene Zelte und virtuelle Brände sollen eine Atmosphäre des Grauens schaffen.
Das funktioniert nicht hundertprozentig - aber eine andere Art der Auseinandersetzung als das resignierte Ansehen des siebzehnten düsteren Nachrichtenfilmes ist es allemal. Lange stand ich vor einer Tafel mit dem verzweifelten Gesicht eines Mädchens. Daneben wird in knappen Worten von Massenvergewaltigung, ungewollter Schwangerschaft und der Angst vor dem nächsten einsamen Gang auf die Toilette erzählt.
Die Besitzerin der Insel, die den sehr hippiehaften Namen RiverSong Garden trägt, betrachtet SL ganz offenbar nicht als turbokapitalistischen Spielplatz für Erwachsene, sondern als Möglichkeitsraum für Utopien. Ihr Profil ist mit einem Zitat von Nelson Mandela verziert, in dem es um die Frage geht, was einem eigentlich einfalle, nicht wunderschön, brillant und wohltätig zu sein, schließlich stecke das in jedem Geschöpf. Dabei hat Mandela bestimmt noch keine Tour durchs zweite Leben unternommen.
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Ich sehe das zwar ähnlich kritisch wie Sie, aber nicht so extrem. Neue Medien sind immer erst einmal etwas spannendes, was neugierig macht und auch machen darf. Sie verändern aber auch unser soziales Miteinander, schränken die [...] mehr...
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