Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.
Wer "traumhaft" sagt, meint üblicherweise "toll". Oder "großartig". Jedenfalls nicht "wie im Traum", denn im Gegensatz zu Wunschträumen sind normale, nächtliche Träume bestenfalls bizarr und rätselhaft, schlimmstenfalls schrecklich, demütigend oder furchteinflößend.
"Second Life" ist Traum in allen Varianten: Wunschtraumwelt für die einen, Albtraumwelt für die anderen (die Wunschträume der einen sind, das wird in den dunkleren Ecken hier überdeutlich, ja oft die Albträume der anderen - aber dazu ein andernmal), aber Traumwelt für alle.
Gewissermaßen die Erfüllung all dessen, was die Surrealisten in den Zwanzigern so ausgeheckt haben: "Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit", hat André Breton geschrieben, der Cheftheoretiker der Bewegung, "in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität".
"Second Life", oder funktionierende virtuelle Welten im Allgemeinen, sind genau dazu gut: zur "Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände". Sie schaffen Surrealität. Das glauben Sie nicht? Ein Beispiel:
Sie treffen jemanden, den sie zu kennen glauben, dem sie aber noch nie begegnet sind. Während Sie mit ihr sprechen, flüstert Ihnen eine Bekannte ins Ohr, die aber nicht anwesend ist. An dem Ort, an dem Sie sind, können Sie sich schlecht bewegen.
Zum Glück finden Sie sich mit Ihrer Gesprächspartnerin gemeinsam plötzlich auf einer schwebenden Plattform, auf der ein Springbrunnen plätschert, irgendwo im Nichts wieder. Sie sieht irgendwie beunruhigend aus und erzählt Ihnen, dass Sie sich eine neue Haut gekauft hat, mit der Erwerbung aber etwas unzufrieden ist. Das Gespräch endet kurz darauf, weil Sie ein wieder nicht anwesender Freund ruft.
Keine Angst vor dem Aufprall
Gemeinsam mit dem sind Sie plötzlich an einem anderen Ort, rasen auf einer Plattform in einen bräunlich getönten Himmel und stürzen dann mit dem Freund gemeinsam hinab in die trübe Leere. Auf einmal ist er weg, sie fallen allein, haben aber keine Angst, weder vor dem Alleinsein noch vor dem Aufprall. Es kann nichts passieren.
Sie landen an einem unbekannten Ort und fragen sich, wo ihr Freund ist, rufen ihn, und plötzlich ist er wieder da. Wo Sie jetzt sind, steht ein schwarzer Würfel. Sie gehen hinein, drinnen ist laute Musik, Blitzlichter zucken, Menschen tanzen und rufen einander auf Niederländisch Schweinereien zu.
Die Musik wummert, Sie tanzen mit, wie ein Gogo-Girl an einer Stripclub-Stange, und unterhalten sich währenddessen mit Ihrem Bekannten (er ist immer noch da, zum Glück) und gleichzeitig mit jemand anderem, der irgendwo anders ist, wo, wissen Sie nicht.
Dann sind Sie plötzlich wieder an einem anderen, fast völlig kahlen Ort, an dem leise, sphärische Klänge durch die Luft schweben. Sie sitzen mit ihrem Freund und zwei weiteren Bekannten, von denen Sie eigentlich keine Ahnung haben, wer sie sind, an einem Lagerfeuer und trinken Bier. Einer der Anwesenden zaubert Ihnen eine Ratte auf die Schulter, aber das macht Ihnen gar nichts aus. Sie finden es sogar lustig.
Dann passiert irgendetwas, und bevor Sie sich für die Ratte bedanken können, wachen Sie auf. Ohne ein Gefühl dafür, wie viel Zeit vergangen ist (zweieinhalb Stunden).
Das ist ein Besuch in "Second Life", ein realer Tag im Leben von Avatar-Dame Sponto. Die Traum-Standards sind alle da: Abrupte Ortswechsel, plötzliche Veränderungen der Gruppengröße, physischer Kontrollverlust, bizarre Umgebungen, unklare persönliche Beziehungen, völliger Verlust des Zeitgefühls, Nicht-Existenz physikalischer Gesetze. Und schmerzhaftes Erwachen - denn "Second Life" stürzt bedauerlich oft ab.
Ob das die Surrealität ist, die sich Breton so gewünscht hat? "Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen." Heute muss man zum Glück nicht sterben, um einen Ausflug ins Zweite Leben zu machen (denn das wäre es nun wirklich nicht wert).
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Ich sehe das zwar ähnlich kritisch wie Sie, aber nicht so extrem. Neue Medien sind immer erst einmal etwas spannendes, was neugierig macht und auch machen darf. Sie verändern aber auch unser soziales Miteinander, schränken die [...] mehr...
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