Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.
Mit einem Fisch habe ich angefangen. Himmel und Erde sind ja schon da, Licht ward auch schon vor ein paar Jahren in "Second Life", Pflanzen sind irgendwie langweilig (und viel zu kompliziert, rein geometrisch betrachtet), und Vögel eindeutig zu schwierig. Also habe ich einen Fisch gemacht. Sponto ist endlich zum Schöpfer geworden. Schließlich ist "Second Life" dazu da, sich mal wie eine Gottheit fühlen zu können. Der Lehm, aus dem man in SL Geschöpfe (oder was auch immer) erschafft, sind die "Prims". Das sind virtuelle Holzwürfel, -zylinder, -pyramiden oder –kugeln. Man hat die Auswahl zwischen 8 verschiedenen Grundformen. Von denen gibt es theoretisch einen beliebigen Vorrat, man kann sie aus der leeren Luft hervorzaubern wie ein Bühnenmagier Spielkarten. Wenn man mit der rechten Maustaste irgendwo auf den Boden klickt und aus dem dann erscheinenden Menü "create" auswählt, hat man fast schon ein Holzwürfelchen in die Welt gesetzt.
Ist ein Objekt dann mal da, kann man es mit einer Vielzahl von Menübefehlen verformen, verfärben, seine Konsistenz verändern, es verdoppeln, zusammenquetschen, in die Länge ziehen oder plattdrücken.
Ich habe mit einem Torus, einem virtuellen Baumstumpf angefangen. Den habe ich mannshoch langgezogen, ihn dann auf einen ovalen Grundriss hin plattgedrückt und ihm anschließend die Stabilität entzogen. Aus der starren Holzsäule wurde so, durch die Veränderung eines Zahlenwertes in der Menüebene "Flexible Path", ein schlabbriger Riesenwurm, der im Wind flattert. Ungefähr so wie die riesigen, von unten mit Luft vollgepumpten Stoffröhren, die eine zeitlang in Fußballstadien und anderswo in Mode waren als ständig flatternde Dekorationsobjekte.
Mit einem weiteren Zahlenwert kann man dem Schlabbertier ein Rückgrat verpassen, so dass es nicht mehr ganz so wässrig herumhängt, sondern ein bisschen Körperspannung entwickelt.
Welt-Bausteine bekommt man bei der Geburt
Den schlabbrigen Holzwurm habe ich dann noch gedreht und gezwirbelt, bis er an einem Ende etwas dünner war als am anderen und am dünnen Ende ganz platt. Ich habe ihm Haltung beigebracht, ihn ausgehöhlt und ihm, über den Menüpunkt "Textur" eine Oberflächenstruktur aus meinem eigenen Oberflächen-Inventar zugewiesen.
Man bekommt bei der SL-Geburt ein paar Welt-Bausteine geschenkt, darunter so Eigentümliches wie verschiedene "Rauch"- und "Wasserfall"-Strukturen und bodenständiges wie "Asphalt" und "Sand". Es gibt Texturen-Händler, die nichts anderes tun als mit externer Software Oberflächenstrukturen zu kreieren und die dann an virtuelle Bastler zu verkaufen, damit die damit ihre Schöpfungen überziehen können.
Mein Fisch bekam eine Haut aus glänzenden Gumminoppen, dazu einen Überzug aus "blauem Plasma", bis er schön fischig schimmerte und ein bisschen glitschig, wenn auch noch kopflos, im Wind zappelte. In SL weht überall und immer ein Lüftchen, flexible Objekte flattern deshalb beständig herum, dass es eine Freude ist (und man sich einen Lenkdrachen herbeiwünscht).
Ein zappelnder, hirnloser Fisch ohne Kopf
Ich hatte ein bisschen Mitleid mit meinem Fisch (um ehrlich zu sein, wurde mir erst in diesem Moment klar, dass es offenbar ein Fisch war, was da beim Herumexperimentieren entstanden war). Ein kopfloser, hirnloser, flossenloser Zappelfisch, der auf dem Boden eines virtuellen Fabrikgebäudes festgemacht war, ohne die Chance, jemals in seinem eigenen Element (virtuellem Wasser) herumzuschwimmen.
Also machte ich ihm erstmal einen Kopf. Ich erschuf eine Kugel, drückte sie platt, schälte ein gruselig aussehendes Fischmaul aus ihr heraus und klebte ihr zwei weitere plattgedrückte Kugeln als Augen an. Zum Glück waren Amy und Slikerone die ganze Zeit in der Nähe (sie sind gerade dabei, Spraydosen zu entwickeln, mit denen man schon bald die allzu sauberen Pixelwände von SL mit Graffiti wird versehen können), und konnten mir helfen, wenn ich wieder einmal nicht weiterwusste.
Religiöse Massenveranstaltungen brauchen ein Wunder
Amy erklärte mir zum Beispiel, wie man den Kopf nun mit dem Rumpf verbinden konnte: Ein paar Tastenkombinationen, und schwupps, sind zwei zurechtgemeißelte Prims zur Schicksalsgemeinschaft verknüpft, gruppiert gewissermaßen.
Jetzt sieht meine Kreatur aus wie eine Kreuzung zwischen Sparstrumpf, "Dune"-Sandwurm und Kabeljau, mit blauschimmerndem Schuppenpanzer. Noch kann mein Fisch aber noch nicht viel von dem, was Fische üblicherweise so machen – schwimmen, kleinere Fische fressen, auf Anglertricks hereinfallen – aber er sieht relativ fischig aus und zappelt schon recht ansprechend mit dem Schwanz.
Um ihn wirklich zum Leben zu erwecken, müsste ich ihn auch noch programmieren, sozusagen ein Fischprogramm schreiben, ("schwimm im Kreis herum und schnappe nach Würmern" zum Beispiel) aber das kann ich noch nicht. Amy kann so etwas: Während ich an meinem kümmerlichen Urtier herumschnitzte, prahlte sie mit einem gigantischen, silbrig glänzenden Saxophonisten mit goldflirrendem, transparenten Instrument. Der Musiker ist von einem Bekannten von Amy, den Flirr-Effekt fürs Horn hat sie programmiert. Je mehr ich über SL lerne, desto ahnungsloser fühle ich mich.
Noch etwas habe ich gelernt: Die Anzahl der Prims an einem Ort ist begrenzt. Würde ich meinen Fisch, der ja immerhin aus vier Stücken besteht, immer wieder kopieren, wäre die erlaubte Prim-Zahl für meinen momentanen Aufenthaltsort irgendwann erreicht. Die Speisung der Zehntausend wäre in SL also trotz Kopierfunktion eher schwierig zu realisieren (nicht zuletzt deshalb, weil jeder Server, also jede Insel, hier höchstens etwa 50 Avatare auf einmal fasst – für religiöse Massenveranstaltungen muss zunächst mal ein technologisches Wunder geschehen).
Das Prim-Limit ist auch der Grund, warum viele Landbesitzer das Erschaffen von Gegenständen auf ihrem Besitz generell verbieten: Sie möchten selbst über ihren Schöpferlehm verfügen und ihn nicht für die Bastel-Reste irgendwelcher fischbauenden Stümper vergeuden. Es gibt also tatsächlich Müll in SL: Wer seine Prims herumliegen lässt, verschwendet Ressourcen. Wer verschwenderisch herum-erschaffen will, muss sich dazu einen Spielplatz kaufen.
Deshalb habe ich meinen Fisch auch brav eingepackt, nachdem er fertig war – solang er in meinen grenzenlosen Hosentaschen steckt, verbraucht er weder Platz noch Ressourcen. Vielleicht finde ich bald irgendwo ein Prim-reiches Gewässer, in dem ich ihn freisetzen kann.
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