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21.03.2007
 

"Second Life"-Tagebuch

Politiker und Pixelmonster vom Straßenstrich

Von Christian Stöcker

Wenn die Politik sich nach "Second Life" wagt, kann das gefährlich werden - schließlich lauern da feuerspeiende Drachen und schillernde Tentakelmonster. Die erste bundespolitische Podiumsdiskussion dort verlief dann aber doch relativ friedlich - nur kurz vor Schluss gab es einen großen Knall.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.

So etwas macht man eigentlich nicht. An einer Veranstaltung aktiv teilzunehmen und hinterher darüber zu berichten, gilt unter Journalisten als mindestens ungehörig, wenn nicht gar anrüchig. Aber in diesem Fall kann ich es mir einfach nicht verkneifen: Der Rahmen war gar zu bizarr, um nicht wenigstens ein paar Worte darüber zu verlieren.

Das erlebt man sonst nirgends: Auf einem Podium debattieren echte Bundespolitiker, im Publikum dagegen sitzen, stehen oder schweben schillernde Tentakelmonster, feuerspeiende Drachen, Zweimeterfünfzig-Transvestiten mit Netzstrümpfen und jede Menge Damen, die aussehen, als kämen sie direkt vom Straßenstrich. Monströs war denn auch so mancher Wortbeitrag.

Es sollte um die Frage gehen, was die Politik kann und soll in "Second Life". Organisiert hatte die Veranstaltung das deutsche Portal politik.de, und auf dem Podium saß auch dessen Projektleiter Christian Hochhuth in seiner SL-Inkarnation. Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen, und Hans-Joachim Otto (FDP), Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, bemühten sich nach Kräften, die Flagge ihrer Parteien im 3-D-Netz hochzuhalten und Innovationskraft zu verströmen. Ich, also Sponto, saß auch da und fiel mit meinem Irokesenschnitt mal wieder etwas aus dem Rahmen (aber meine Haut war sensationell gut schattiert im Vergleich zu den anderen - Juliet sei Dank). Man wird auf ganz seltsame Weise Avatar-eitel nach ein paar Wochen in SL.

Von den Anwesenden wurde das Gebotene nur zum Teil goutiert – wie bei jeder anständigen Podiumsdiskussion gab es ein paar Schreihälse, die mit unqualifizierten Zwischenrufen nervten. "AngelikaMerkel Boa" zum Beispiel meckerte, man solle doch hinmachen, sie habe noch ein Date mit Gerd.

"Mehr Kinderarbeit!"

In der ersten Reihe trug ein Avatar ein T-Shirt mit der Aufschrift "Politiker raus" – eine etwas merkwürdige Stellungnahme für einen Gast bei einer politischen Podiumsdiskussion. Noch deutlich seltsamer wurde es aber in den hinteren Reihen – mein persönlicher Lieblingszuhörer war ein Gebilde, das ein bisschen aussah wie eine mit Salatöl eingecremte Seeanemone mit Stielaugen.

Irgendwann kam auch kurz ein prächtiger feuerspeiender Drache vorbei, aber der sprach seinem Profil zufolge nur Englisch. Er hatte sich vermutlich nur wegen der ungewöhnlich großen Ansammlung von Avataren eingefunden. Fünfzig waren es bestimmt, und das an einem Ort, an dem weder Pixelsex noch eine geldverteilende Tanzfläche geboten werden! Sehr viel mehr passen in SL gar nicht an einen Ort, sonst kracht der für die Lokalität zuständige Server zusammen. Politische Großdemonstrationen werden also weiterhin im ersten Leben stattfinden müssen.

Gottgleiche Herrscher können den Crash nicht verhindern

Vor diesem Hintergrund muss man die Veranstaltung als Erfolg werten – auch wenn sie inhaltlich etwas blass blieb. Gelegentlich unterbrochen von Zwischenrufen wie "vielleicht wollen die Leute hier auch Ruhe vor der Politik!" und "Mehr Kinderarbeit!" waren sich alle irgendwie einig, dass das Internet wichtig für die Politik ist, und dass SL also gewissermaßen auch durchaus als politischer Raum nutzbar sein müsse. Natürlich ging es ein bisschen um die französischen Wahlkämpfer hier, um die Front National und die Gegendemonstranten.

Während Stimmen aus dem Saal lautstark fortgesetzte Anarchie, Deregulierung und das generelle Heraushalten der Politik einforderten (seltsam in einer Welt, die von gottgleichen autokratischen Herrschern regiert wird), gab Hans-Joachim Otto der Hoffnung Ausdruck, dass SL-Bewohner "für Politik leichter ansprechbar" seien "als jeder passive Dödel vor dem Fernsehapparat".

Steffi Lemke forderte SL-Demokratisierung und prophezeite, dass "das Verbieten von Plakaten, wie im Fall der Demo gegen LePen geschehen, auf Dauer nicht akzeptiert wird". Lemke kündigte wolkig weitere Pläne fürs zweite Leben an, über die sie aber noch nichts verraten könne, und träumte laut von "subversiver Kreativität". Otto erwiderte, ihm würde "positiv kreativ" schon reichen. Ich selbst bemühte mich um Ausgleich und gab zu Bedenken, dass in SL höchstens ein virtueller Tapeziertisch in der Fußgängerzone, nicht aber eine gewerkschaftliche Großkundgebung drin sei.

So ging es eine Zeitlang dahin, ohne allzu konkrete Aussagen aber insgesamt wahnsinnig zukunftsorientiert – trotz der zwangsläufig etwas zähen, weil tastaturvermittelten Chat-Eingabe.

Gegen Ende der Debatte geschah dann etwas, das in echten Podiumsdiskussionen garantiert nie passieren kann: Es gab einen Crash. Für Raucher und Trombosephobiker bei realen Politveranstaltungen eigentlich ein Traum: eine Zwangspause, verursacht von höherer Gewalt.

Zumindest Sponto und Steffi Lemke flogen einfach heraus aus dem Zweiten Leben. Weil die Herrscher in ihren Linden-Laborkitteln zwar gottgleich sind, aber eben doch nicht allmächtig. Da bleibt noch einiges zu tun - nicht nur für die Politik.

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