Samstag, 21. November 2009

Netzwelt



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28.03.2007
 

"Second Life"-Tagebuch

Ein paar Worte zum Thema Hype

Von Christian Stöcker

"Second Life" sei ein Blase, schreiben inzwischen viele. Ein uninteressanter, überdrehter Ort, der die Berichterstattung nicht verdiene, die ihm zuteil wird. Manche Kritiker haben sogar recht - aber sie übersehen etwas Entscheidendes: SL ist das größte Testlabor für das Internet der Zukunft.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.

Langsam bin ich es leid. Liebe Leserbriefschreiber, liebe "ich kenn' das Internet wie meine Westentasche"-Blogger, liebe "hört auf mit dem Hype"-Jammerer: Ja, "Second Life" ist weder MySpace noch Google, und ja, "World of Warcraft" hat viel mehr Abonnenten und Bücher lesen ist auch ganz toll. Der Chor der SL-Beschimpfer und Berichterstattungs-Stopp-Forderer wird immer lauter – ähnlich laut wie zuvor der, der die endgültige Netz-Werdung von Mensch und Wirtschaft herbeischreiben wollte, weil mal irgendwas in der "Business Week" stand.

Avatarin Sponto beim Meditieren: Dinge, Funktionen und soziale Systeme, die es sonst nirgends gibt
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SPIEGEL ONLINE

Avatarin Sponto beim Meditieren: Dinge, Funktionen und soziale Systeme, die es sonst nirgends gibt

Wegen all dem ein paar Worte in eigener Sache: SPIEGEL ONLINE beschäftigt sich nicht mit "Second Life", weil dort Millionen verdient werden, weil es so unheimlich viele Nutzer hätte oder weil IBM dort so ein schönes Häuschen besitzt. Im Gegenteil: Das meiste, was über diese virtuelle Welt geschrieben wird, ist tatsächlich schlecht informiertes Hype-Gejubel oder Selbstvermarktung.

Nur: Diejenigen, die seit Jahren (nicht erst seit ein paar Monaten) mit den Werkzeugen, die SL zur Verfügung stellt, Dinge erschaffen, haben mit all dem nichts zu tun. Niemand schimpft über Web-2.0-Plattformen, in die Nutzer Originelles einstellen – bei "Second Life" fühlen sich plötzlich alle selbsternannten Internetxperten berufen, vor dem Hype zu warnen.

Es stimmt: SL ist ein ziemlich hirnrissiger Weg, reich zu werden, wenn man das denn möchte. Ich würde jedem Großkonzern energisch davon abraten, eine weitere teure SL-Konzernzentrale bauen zu lassen, die dann ebenso verwaisen kann wie die avatarleeren Corporate Sims, die es schon gibt - hier regieren die Nutzer, und das wird hoffentlich so bleiben. Irgendwann greift auch das Prinzip "Wir machen was in SL, dann kommen wir in die Medien" nicht mehr.

Warum "Second Life" eben doch extrem interessant ist

SL ist technisch nicht ausgereift (aber ausbaufähig), nicht allzu benutzerfreundlich und bei weitem nicht so groß, wie Linden Lab das die Welt gerne glauben machen möchte. Die Betreiber verdienen kaum Geld damit, und 30.000 gleichzeitig eingeloggte Menschen sind nichts im Vergleich zu den Nutzerzahlen anderer großer Netz-Angebote. Aber: Es ist die bislang konsequenteste, weil flexibelste und freiste Variante dessen, was eines Tages vielleicht das ganze Internet sein wird.

Eine begehbare, endlos modifizierbare, multimediale 3D-Welt nämlich, in der Nutzer Dinge, Funktionen und sogar soziale Systeme erschaffen, die es sonst nirgends gibt. In der global diskutiert, Kunst erschaffen, Identität neu definiert und kompletter Blödsinn angestellt werden kann. Menschen mögen Körper, und die hat das normale Netz im Moment fast nur unbekleidet anzubieten.

SPONTO

SPIEGEL ONLINE
... ist der SPIEGEL- ONLINE- Avatar in "Second Life". Regelmäßig berichten wir über die Erfahrungen der digitalen Dame in der virtuellen Welt - von den ersten Cyber- Bekanntschaften bis hin zum virtuellen Polit- Talk.
Deshalb ist SL sogar extrem interessant: Es ist eine Teststrecke für das, was eines Tages vielleicht sein wird, ein Labor, in dem man die Mechanismen, sozialen Gefüge und emergenten Strukturen eines solchen Biotops beobachten kann (und nebenbei äußerst unterhaltsame Dinge erleben). Online-Rollenspiele bieten das, in begrenzterem Ausmaß, auch - aber SL ist virtuelle Gesellschaft in ihrer bisher reinsten, weil nicht durch vorgegebenen Plot eingeschränkten Form.

Das erfährt man allerdings nur, wenn man sich länger dort aufhält, als die inzwischen vielzitierten 15 Minuten, die es ein vernünftiger Mensch dort angeblich höchstens aushält (wie mir "aber wir sind doch viel wichtiger"-beseelte "World of Warcraft"-Spieler inzwischen fast täglich schreiben). Noch dazu ist ein Besuch dort, im Gegensatz zu den Online-Rollenspielen dieser Welt, absolut kostenlos.

Mag sein, dass sich SL irgendwann als Blase erweist, oder dass ein Konkurrenzprodukt ins Netz kommt, das alles besser, schöner und benutzerfreundlicher macht und es vom Markt fegt. Bis dahin aber ist es ein spannender Ort, an dem die unreglementierten Abgründe der Menschheit ebenso in Prims gegossen werden wie das Beste im Menschen. Dieses Prinzip, Welt-Simulation in 3D, geht nicht mehr weg. Übrigens: Viele unserer Leser sehen das ganz offenbar genauso.

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