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03.04.2007
 

"Second Life"-Tagebuch

Das zweite Sterben

Von Christian Stöcker

Im zweiten Leben spielt auch das Sterben eine zentrale Rolle. Manchmal aus Koketterie mit der eigenen Vergänglichkeit, manchmal auch ganz real. Sponto entdeckt in "Second Life" einen Ort, an dem Untote in Gräbern wohnen - und noch Lebende schon betrauert werden.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.

"Generell ist man ja schon tot hier", hat Atmantis gesagt. "Second Life" ist ja ganz allgemein reich an Paradoxa und bizarren Verdrehungen, aber das Totsein im zweiten Leben ist doch eine der merkwürdigeren Erfindungen der Hiesigen. Vampire sind hip hier. Es gibt eine ganze Reihe von Orten, die speziell auf die Bedürfnisse von Untoten zugeschnitten sind: mit Friedhöfen, Blut-Brunnen und reichlich Mausoleen. Und, wie in Jahrzehnten der popkulturellen Ausschlachtung des Blutsauger-Mythos, hat der Biss in den Hals auch hier viel mit Erotik zu tun. Aber auch das reale Sterben hat einen anrührend-beunruhigenden Platz bei den Untoten.

Abends sei es hier "gerammelt voll" und "very adult" hatte mir Atmantis erklärt, der mich netterweise auf eine Tour durchs SL-Transsilvanien mitgenommen hatte. Es werde getanzt und gechattet, und dabei nehme "keiner ein Blatt vor den Mund".

Auf der transsilvanischen Tanzfläche probierten Atmantis und Sponto ein paar elegante Salsa-Schritte (auch wenn es dem Uneingeweihten merkwürdig erscheinen müsste, dass die Körper der Tanzpartner einander dabei gelegentlich durchdringen - für manchen real trittgeplagten Salsa-Zeh wäre das andererseits sicher ein Segen). In einigen der Gruften im Umkreis gibt es auch Animationsbällchen, die Avatare zu ganz anderen, monotoneren Tänzchen bewegen. Neben der Tanzfläche hockte ein beunruhigender Typ mit schwarzem Gesicht und weißem Haar und beobachtete uns - misstrauisch, wie ich fand. Oder vielleicht durstig.

Ein Motorrad für die Krebshilfe

Schon beim Herbeibeamen war mir etwas Ungewöhnliches aufgefallen: Eine mächtige Tafel neben der Tanzfläche, mit einem Avatar-Gruppenbild und der Aufschrift "Transylvania4Feliciaa". Feliciaa, erfuhr ich nun, ist eine Alteingesessene im SL-Vampirreich - und ihre Besitzerin liegt im Augenblick ganz real im Sterben. Sie leidet an Krebs im Endstadium, und ihr SL-Freundeskreis versucht mit der Situation umzugehen, indem er Spenden sammelt - für eine echte Krebshilfeorganisation im Westen der USA.

An einem Spendenaufruf war neben einem Bild von Avatarin Feliciaa sogar ein Porträtfoto ihrer Besitzerin angebracht - eine für SL eher untypische, in diesem Zusammenhang geradezu erschütternde Verknüpfung von real und virtuell.

Am Abend vor meinem Besuch war im Rahmen einer wilden Party für den guten Zweck unter anderem ein virtuelles Motorrad versteigert worden, das dort immer noch zu besichtigen war - ein prächtiges Gefährt mit V-Motor, Doppelauspuff und fein ziselierten Felgen. 164.000 Lindendollar habe das Krad gebracht, erzählte Atmantis - das sind umgerechnet immerhin etwa 560 US-Dollar. Die "Mädels" hätten sich am Vorabend sogar "nackich gemacht" um die Auktion anzuheizen. Am Ende sei es so voll gewesen, dass der Server der Insel zusammengekracht sei.

Neben der Tanzfläche gibt es in "Transylvania" ein Schloss, in dem die Herrscher des Vampirreichs wohnen, "Hammerfrauen und krasse Typen", wie mir Atmantis versicherte. Obscuro Valkyrie heißt der König der Vampire, "ein SL-Original", sagt Atmantis. Neben dem fürstlichen Domizil unterhält der Transylvania-Hochadel auch noch eine Gruft auf dem nahegelegenen Friedhof. Dort trafen Atmantis und ich einige andere Gäste, die alle entweder Flügel hatten oder zumindest lange Eckzähne. Eine tippte seltsamerweise auf Berlinerisch: "Nee, denk ma eha nich, dass wa uns kennen." In einer der Gruften gibt es einen Sarg mit eingebauten Kuschel-Bällchen und verschließbarem Deckel. Atmantis und ich probierten ihn aus, was mir hinterher fast ein bisschen peinlich war.

Mausloeum für eine im Sterben liegende Untote

An einer Seite des Friedhofs steht ein langgezogenes Mausoleum, dessen Gittertür sich einfach öffnen lässt. Darin trafen wir auf eine Frau mit Schweißerbrille vor einem großen, auf einem Podest platzierten Steinsarg mit einem gewaltigen Banner darüber: "Feliciaa Feaver, in Liebe für immer, geliebte Schwester Transylvanias, zum ewigen Gedenken". Obscuro habe das für die Sterbende gebaut, erklärte die Frau mit der Schweißerbrille.

Auf dem Sarg sah man einen kleinen Animationsball mit der Aufschrift "Daydream", und als Atmantis daraufklickte, lag er plötzlich mit geschlossenen Augen auf dem hoffentlich leeren Sarkophag und liebkoste ihn von oben mit beiden Armen. Als ich sagte, dass ich das merkwürdig fände, mit einem Sarg zu schmusen, dessen virtuell untote Insassin hier betrauert werde, obwohl sie eigentlich noch am Leben sei, sagte Atmantis: "Für Freunde und Familie. Die Leute kennen sich ja seit Jahren hier."

Später zeigte er mir draußen auf dem Friedhof einen weiteren Grabstein einer tatsächlich verstorbenen ehemaligen SL-Vampirin. Für die Bewohner Transylvanias ruht dort gewissermaßen ihr Avatar - zwischen den Avataren lauter noch lebender Untoter, die dort ihre Ruhezeiten verbringen.

Wenn es nicht so bizarr wäre, könnte man das fast tröstlich finden.

Nachtrag: Gestern Abend berichtete die SL-Veteranin Jennyfur Peregrine in ihrem Blog: "Heute Nachmittag hat Feliciaa ihren Kampf gegen den Krebs verloren."

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