Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.
Cezary ist sehr von sich eingenommen. "Ich bin dreimal so schnell wie du dir vorstellen kannst", sagt er, während er einem Torus einen abgesägten Zylinder aufsetzt. Cezary und ich sitzen in einem seiner Werke, seinem aktuellen Großprojekt: Er baut eine "Second Life"-Zentrale für die belgische Nachrichtenagentur Belga. Das Gebäude ist ein schlichter Klinkerbau, mit großen Fenstern, einer Lobby mit Bar und Topfpflanzen, einem Informationsraum mit Website-Screenshots an den Wänden und Büros im oberen Stockwerk. "Sie wollten etwas, das aussieht wie das, was sie im RL haben", tippt Cezary. RL heißt "real life" und ist für die Bewohner von virtuellen Welten die Abkürzung für die kalte Welt da draußen - RL ist weltübergreifender Jargon, von "Ultima Online" über "Everquest" bis SL. Manche sagen stattdessen auch "Meatspace", was immer ein bisschen so klingt, als sei die echte Welt eine riesige Metzgerei.
Cezary jedenfalls ist jemand in SL. Er ist seit über einem Jahr hier und betreibt ein Unternehmen namens aHead: Er baut und betreibt für zahlende Kunden Objekte. AHead sei "zur Zeit eines der erfolgreichsten Unternehmen hier", prahlt Cezary. Nebenbei betätigt er sich als Mäzen - auf seinem Land dürfen zum Beispiel Amy und Slikerone ihre selbstreplizierenden Ratten, Graffiti-Sprühdosen und Dampfmaschinen entwickeln. Ab und zu arbeiten sie ihm zu. Er habe ein Herz für "streunende Katzen und Hunde" sagt der Gastgeber.
Der Name aHead steht längst auch auf einer offiziellen Liste mit SL-Entwicklern auf den Webseiten der "Second Life"-Betreiber. Obwohl Cezary nicht von allen etwas hält, die dort aufgeführt sind. Es gebe "eine Menge Leute, die Geld riechen, aber komplett unvorbereitet sind", sagt er. Andere bauten einfach hässliche Häuser, nur Stahl und Glas. Er wünscht sich mehr Realismus, mehr Blick fürs Detail.
Der Torus und der Zylinder auf dem Couchtisch zwischen uns entwickeln sich in den nächsten Minuten rasant weiter, bekommen einen Flaschenhals, eine bräunlich-marmorierte Oberfläche, die schließlich gläsern zu glänzen beginnt, und zum Schluss ein Etikett mit dem Logo einer belgischen Biermarke. Die Flasche, die Cezary da eben in Minuten aus dem nichts erschaffen hat, ist gewissermaßen ein kleiner Teil seines Projektes für die belgische Nachrichtenagentur – Drinks für die Bar, auf der auch schon dampfende Kaffeetassen aufgereiht sind.
Die Belgier wollen ihre SL-Niederlassung natürlich als Werbeplattform nutzen - wie alle Unternehmen, die sich hier niederlassen - aber sie wollen dort auch Treffen organisieren und arbeiten, sagt Cezary. An einer Wand hängt ein Monitor, auf dem man sich einen Belga-Werbespot ansehen kann. Auf dem Klo wird sich ein junger Mann bei der Zeitungslektüre bewusst, dass er Journalist werden möchte. Belga möchte in SL also auch Nachwuchs rekrutieren.
Cezary hat ein Foto von sich in seinem Profil, was man in SL eher selten findet, obwohl die Profile einen eigenen Karteireiter namens "erstes Leben" haben. Das Bild zeigt einen Mann in den Vierzigern, mit wuchtigem Schädel und kurzgeschorenem Haar. Er verbringe inzwischen 70 Prozent seiner Arbeitszeit hier, sagt Cezary. Die Werbeagentur, die er im polnischen Posen betreibt, läuft offenbar nur noch so nebenher. Mit einem seiner SL-Klienten hat er sich vergangenes Jahr sogar mal getroffen: Zum Skifahren, in den Alpen, zusammen mit Cezarys Frau und ihren beiden Kindern. Die Leute von Belga dagegen kennt er nur aus SL und von Skype-Telefonaten.
Während er die Flasche baut, flucht Cezary hin und wieder. SL sei "mal wieder voller Bugs", manche Befehle funktionierten nicht, andere täten das Gegenteil von dem was sie sollten. Auch ich selbst sehe im Moment etwas merkwürdig aus, mit einem schwarzen Schleier auf der weißen Haut statt meines strapazierfähigen Trenchcoats. Irgendwelche Texturen kommen nicht auf meinem Rechner an. Mit jedem Update kämen neue Bugs hinzu, sagt Cezary. "Nur die IDEE von SL ist großartig, der technische Aspekt nervt", grummelt er. Trotzdem setzt er auf das Produkt von Linden Lab. Er vertraut auf Verbesserungen in der Zukunft.
Als ich ihn auf Konkurrenten anspreche, die gerade dabei sind, in den Markt einzusteigen, winkt er ab. "Multiverse" sehe einfach nicht gut aus und arbeite offenbar mit einem veralteten Rollenspiel-Interface, urteilt Cezary nach einem kurzen Blick auf die Webseite des Unternehmens, das eine Art Bausatz für virtuelle Welten anbieten will. "Areae", das mit viel Vorschussberichterstattung bedachte Projekt von "Ultima Online"-Schöpfer und Branchenvordenker Raph Koster, habe eine ziemlich hässliche Webseite, findet Cezary. Mehr als diese Webseite gibt es bislang auch noch nicht zu sehen – aber so mancher glaubt, dass das Team von Onlinespiel-Profis aus den USA etwas Beeindruckendes aus dem Hut zaubern könnte. In Korea, China und anderswo stehen weitere SL-Konkurrenten in den Startlöchern.
Trotz alledem, trotz all seiner Kritik an der technischen Seite seines virtuellen Arbeitsplatzes steht der polnische Pixelarchitekt treu zur Welt der Lindens. Er besitzt mehrere Inseln, hat sogar schon die kompletten Champs Élysées gebaut ("die längste Prachtstraße in SL, zwei Inseln lang!"), inklusive Metro und Arc de Triomphe. Er pflegt Kontakte zu den "Hobos", einer Gruppe von SL-Obdachlosen mit künstlerischen Ambitionen, zu denen auch Slikerone und Amy gehören. Und er betreibt eine Lounge, die wie das berühmte Chill-out-Örtchen auf Ibiza "Cafe del Mar" heißt, und in der man seinen Worten zufolge gelegentlich "sehr interessante Leute" treffen könne: "Designer, Skripter, Heteros, Schwule, Furries …"
In einem Nebensatz sagt er dann aber doch, SL sei "nur eine Plattform", und die könne man jederzeit im Verlauf weniger Wochen wechseln.
Auf die Frage, ob die Belgier ihn denn in Lindendollar bezahlen dürften, antwortet Cezary, garniert mit einem Smiley: "Sehe ich aus wie Mutter Teresa?"
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Ich sehe das zwar ähnlich kritisch wie Sie, aber nicht so extrem. Neue Medien sind immer erst einmal etwas spannendes, was neugierig macht und auch machen darf. Sie verändern aber auch unser soziales Miteinander, schränken die [...] mehr...
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